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Unterricht wie vor 150 Jahren: Sütterlin und strenge Fräulein

Unterricht wie vor 150 Jahren : Sütterlin und strenge Fräulein

Unterricht wie vor 150 Jahren: Die Paul-Klee-Schule feiert mit einem Projekttag Jubiläum.

Irgendetwas stimmte am Freitag nicht auf dem Schulhof der Paul-Klee-Schule an der Rheinallee. Die Lehrerinnen trugen hochgeschlossene Blusen, lange Röcke und Dutt, die Mädchen strenge Zöpfe. Murmeln und Springseile sorgten für Zeitvertreib, und danach ging es gesittet in die Klassen, wo die Kinder in Reihen saßen. Beim Projekttag zum Schuljubiläum ging es am Freitag zu wie vor 150 Jahren. Allerdings nicht ganz: Der Rohrstock wurde nicht wieder hervorgeholt.

Die Kinder haben sich in den vergangenen Wochen sorgfältig auf den historischen Schultag vorbereitet. "Die Klassenordnung war ein großes Thema, es herrschten damals Strenge und Disziplin", sagte Schulleiterin Petra Römer.

Insgesamt seien die Grundschüler sehr neugierig gewesen, mehr über den Alltag von Kindern vor 150 Jahren zu erfahren. Dass auch Lehrerinnen und Erzieherinnen mal zur Schule gegangen sind, bewies eine Wand mit Einschulungsfotos.

An Pfingsten 1864 hat die protestantischen Gemeinde Bad Godesberg, nach einem langwierigen Genehmigungsverfahren, ihre Volksschule eingeweiht. Die evangelischen Kinder sollten eine eigene konfessionelle Schulbildung bekommen.

Was damals als einklassige Schule mit 19 Kindern im Pfarrhaus an der Koblenzer Straße begann, ist heute die Städtische Gemeinschaftsgrundschule Paul-Klee-Schule an der Rheinallee mit 200 Kindern.

Die Volksschule wechselte in der Zwischenzeit mehrfach ihre Gebäude. So war sie nach dem Pfarrhaus zunächst in der Bachschule untergebracht, danach im Altbau an der Rheinallee, der heute die Offene Ganztagsschule beherbergt.

"Eigentlich wäre dieses historische Datum fast in Vergessenheit geraten, wenn nicht vor einigen Monaten, eher zufällig, die alten Schulchroniken aus dem Stahlschrank des Schulkellers hervorgeholt worden wären", berichtete Römer.

Schnell war klar, dass das Jubiläum nicht mit Festreden, sondern als spannende Zeitreise gefeiert werden sollte. Die Historikerin Eva Zwach, deren Tochter die Paul-Klee-Schule besucht, hat das unterstützt.

Sie hat seit Anfang des Jahres mit einer Projektgruppe aus Viertklässlern gearbeitet. Die Recherchen, Sütterlin-Schreibübungen und die Erfahrungen aus einem Besuch im Schulmuseum mündeten in einen 15-minütigen Schwarz-Weiß-Spielfilm "Schule früher".

Lebendiger kann man historischen Schulalltag nicht zeigen: Jungen im Matrosenanzug und Mädchen mit weißen Schürzen deklinieren das Einmaleins, die Füße unter der Bank ordentlich nebeneinander gestellt.

Das Schiefertafel-Auspacken wird so lange auf Kommando geübt, bis es fast lautlos geschieht. Wer nicht pariert, muss sich in die Ecke stellen. Die Lehrerin kontrolliert, ob die ausgestreckten Hände sauber und die Haare gekämmt sind. Selbst für das Aufzeigen gibt es eine Regel: "Das Melden geschieht bescheiden mit dem Zeigefinger der rechten Hand. Dabei bleibt der Ellbogen auf die linke Hand gestützt."

In zwei Jahren feiert die Paul-Klee-Schule den 50. Jahrestag der Einweihung ihres heutigen Neubaus. Dann soll es ein größeres Fest geben. Bis dahin ist Zeit, die Schulchroniken weiter auszuwerten, in denen noch so manch amüsante Geschichte schlummert.

Jana, Julika und Nele gehörten zu den Kindern, die mit Feuereifer in der Projektgruppe dabei waren. Die ungewohnte Sütterlin-Schrift zu schreiben war für sie das Schwierigste. Sie sind froh, dass sie heute zur Schule gehen, und nicht vor 100 oder 150 Jahren.

"Die waren viel strenger. Da durfte man Kinder noch schlagen", sagte Jana. Ihr Wissen gaben die Projekt-Kinder gestern im Unterricht an die Mitschüler weiter. Am Ende gab es für alle ein Fleißkärtchen. Wie vor 150 Jahren.