Erfahrungsbericht eines Unfallopfers Therapie nach Kletterunfall in der Ambulanz "Godeshöhe"

Bad Godesberg · Die Therapeutische Ambulanz „Godeshöhe“ wird zehn Jahre alt. Einer ihrer Patienten ist Stefan Degen. Er erzählt, wie er nach einem schweren Kletterunfall wieder ins Leben zurückfand.

 Physiotherapeut André Altenfeld geht Stefan Degen zur Hand, der vor dreieinhalb Jahren einen schweren Kletterunfall hatte.

Physiotherapeut André Altenfeld geht Stefan Degen zur Hand, der vor dreieinhalb Jahren einen schweren Kletterunfall hatte.

Foto: Friese

„Und jetzt mit dem linken Arm noch etwas kräftiger ziehen“, feuert Therapeut André Altenfeld den sportlichen Mann an, der da gerade in der Therapeutischen Ambulanz im Neurologischen Rehazentrum „Godeshöhe“ am Seilzug trainiert. Kräftig zieht der 49-jährige Stefan Degen die Fünf-Kilo-Gewichte immer wieder hoch. „Er macht davon drei Durchgänge mit 15 Wiederholungen. Gar nicht leicht“, erläutert der Therapeut und beobachtet die konzentrierte Übung.

Degen kommt langsam ins Schwitzen. Er müsse seine linke Seite noch weiter kräftigen, damit die Muskulatur im Arm ganz ausgeglichen werde, so Altenfeld. „Aber Herr Degen hat eine ungeheure Disziplin und einen so großen Ehrgeiz, dass er auch das bald erreichen wird.“ Zudem verlaufe die Therapie des Patienten ideal, weil Degen vor seinem Unfall schon einen sehr gut trainierten Körper gehabt habe, sagt Altenfeld und hilft schnell auch bei einem anderen, nicht so sportlichen Patienten nebenan. Bei dem älteren Herrn geht es offensichtlich vorrangig um die Erhaltung des Jetzt-Zustands.

Große Fortschritte dank Therapie

„Am 20. April 2014 kam ich hier in der Godeshöhe an – halbseitig gelähmt im Rollstuhl“, berichtet Stefan Degen dann in einer Verschnaufpause. Der promovierte Chemiker, der als Manager arbeitet, war in einem Steinbruch im Odenwald bei einem banalen Klettertraining, wie er sagt, gefallen und mit dem Kopf frontal gegen die Wand geschlagen. Degen ist Extremsportler. Der Familienvater betreibt, seit er 30 ist, Bergsteigen, Eis- und Felsenklettern, „alles, was das Herz begehrt.“ Bei dieser Trainingseinheit habe er keinen Helm getragen – ein schwerer Fehler, wie er einsieht. „Sie haben mich mit dem Hubschrauber und einem Notarzt in die Uniklinik Frankfurt gebracht und mussten mir da den Kopf öffnen, weil die Hauptarterie gebrochen war“, erzählt Degen nun tonlos. Die Staatsanwaltschaft war schon eingeschaltet, um wegen eines Unfalls mit möglicher Todesfolge zu ermitteln. Degen schweigt.

Eine Wiederbelebung und eine 14-tägige Dauernarkose hatte er hinter sich, als er wieder aufwachte: Die Hälfte des Körpers war gelähmt. „Das war absurd. Ich lag im Bett und wollte nicht wahrhaben, dass ich nicht mehr aufstehen konnte“, berichtet der 49-Jährige. Wie sollte es weitergehen? Eigenwillig versuchte Degen, sich aufzurichten – und klatschte im Krankenzimmer auf den Boden. „Da wurde mir klar, was los war. Und ich habe mir geschworen: Das kriege ich wieder hin.“ Im April 2014 wechselte er ins Reha-Zentrum „Godeshöhe“. „Und am 20. Mai habe ich den Rollstuhl weggekippt“, sagt Degen. Und jetzt strahlt er. In der stationären Therapie habe man ihm bescheinigt, es sei gigantisch, welche Fortschritte er in kurzer Zeit mache. Geholfen habe ihm sicher sein hohes Fitnesslevel, aber auch, dass er sowohl fachlich als auch psychologisch so prima betreut worden sei.

„Man muss sich bei der Therapie dem fachlichen Rat anvertrauen“, betont Degen. Wer eigenwillig falsche Körperpartien belaste, könne den Zustand sogar noch verschlechtern. „Ich kenne inzwischen jeden Muskel besonders meiner Arme“. Jetzt lacht er. Auf seinem T-Shirt ist der Piz Badile, ein schweizerischer Knapp-Viertausender, abgebildet. „Den habe ich schon bestiegen. Er gehört zu den sogenannten letzten sechs Problembergen der Kletterer“, erläutert Degen. Wenn alles gut gehe, wolle er auf den Walker Pfeiler, einen Satellitengipfel des Mont Blanc, hoch. Denn in die Kletterstiefel ist er inzwischen längst schon wieder zurückgekehrt. „Aber erst einmal will ich es wieder schaffen, mit zehn Fingern auf meinem PC zu tippen“, nennt er dann als Erstziel. Und eilt schon wieder in die Therapeutische Ambulanz: zur Ergo- und zur Physiotherapie.

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