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Jüdische Kulturtage in Bonn: Über die Sehnsucht der Anne Frank

Jüdische Kulturtage in Bonn : Über die Sehnsucht der Anne Frank

"Ich sehne mich so". Unter diesen Titel hat Mirjam Pressler, eine der wohl profundesten Kennerinnen des weltberühmten Tagebuchs der Anne Frank, ihre Biographie des deutsch-jüdischen Nazi-Opfers gestellt

Und dann unter dem Titel "Grüße und Küsse an alle" auch die Geschichte der Familie von Anne Frank geschrieben. Und daraus liest die bekannte Autorin im Rahmen der diesjährigen Jüdischen Kulturtage am Mittwoch, 4. März, in der Aula des Amos-Comenius-Gymnasiums. Wonach sich das von den Nazis verfolgte, eigenwillige Mädchen in seinem Versteck während des siebenmonatigen Untertauchens der Familie sehnte, hat Pressler in sensiblen Worten nachgezeichnet: Anne Frank will einfach alles: Wissen und Gefühle, Nähe und Eigenständigkeit, Abenteuer und Geborgenheit. Und vor allem will sie leben. Was ihr und ihrer Familie durch Verrat der Mitmenschen nicht gelang: Die Franks starben fast alle qualvoll in den Konzentrationslagern.

Pressler gab 1991 eine Bahn brechende und stark erweiterte Neuübersetzung des Tagesbuchs heraus, die sofort die inhaltlich entschärfte frühere Leseausgabe ablöste. Schon drei Jahre zuvor hatte Pressler die kritische Ausgabe der Anne-Frank-Tagebücher aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt. Parallel zu dieser Arbeit las sie alles, was sie über Anne Frank finden konnte. Sie wollte über den Zeitraum hinaus, den das Tagebuch umfasst, das ganze Leben dieses so lebendig berichtenden deutsch-jüdischen Mädchens kennen lernen, das mit knapp sechzehn Jahren ein Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung geworden war. Die Idee, eine Biografie und eine Familiengeschichte zu schreiben, schloss sich nahtlos an. "Das Phänomen Anne" habe Mirjam Pressler optimal erläutert, durchleuchtet, erklärt und in Verbindung mit dem Grauen der damaligen Zeit gebracht, urteilt die Kritik. Etwas Essenzielleres über die junge Tagebuchschreiberin sei nicht auf dem Markt.

Ob Anne Frank, wenn sie den Holocaust hätte überleben können, Schriftstellerin geworden wäre, wird die Erfolgsautorin oft gefragt. Sie sei sicher, es wäre etwas Großes aus diesem Mädchen geworden, antwortet Pressler dann. Anne sei mit 14 Jahren in der Lage gewesen, im Hinterhaus, in dem sie mit ihrer Familie versteckt leben musste, aus so wenig "eine ganze Welt aufzubauen". Die Schriftstellerin und Übersetzerin Pressler, geboren 1940 in Darmstadt, hätte das Schicksal der Anne Frank selbst erleiden können. Das jüdisches Kind Mirjam wuchs bei Pflegeeltern und im Kinderheim auf, machte gleichwohl auch bittere Erfahrungen und verarbeitete sie später in ihren Büchern. 1980 machte ihr erster Jugendroman "Bitterschokolade" Furore, dem weitere folgten. Berühmtheit erlangte Pressler letztlich mit ihrer intensiven Arbeit über dieses sehnsuchtsvolle andere deutschjüdische Mädchen. 2013 wurde Pressler dafür mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt.

Die Lesung mit Mirjam Pressler ist heute um 19 Uhr im Amos-Comenius-Gymnasium, Behringstraße 17. Der Eintritt kostet fünf /ermäßigt drei Euro.

Jüdische Kulturtage 2015 in Bonn

Die Jüdischen Kulturtage werden im gesamten Rheinland unter dem Titel "angekommen - jüdisches (er)leben" bis 22. März veranstaltet. Die Schirmherrschaft haben NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Mehr unter www.juedische-kulturtage-rheinland.de. Die nächsten Termine:

Am Donnerstag, 5. März, 19 Uhr, spricht Ruth Frenk in der Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus, Franziskanerstraße 9, über "Musik im KZ Theresienstadt". Am Montag, 9. März, 18.30 Uhr, musizieren "Die drei Kantoren" Ido Ben-Gal, Ammon Seelig und Asaf Levitin, Mitglieder des Kantorenseminars am Abraham-Geiger-Kolleg an der Universität Potsdam, in der Synagogengemeinde Bonn, Tempelstraße 2-4. Der Eintritt zu beiden Veranstaltungen ist frei.