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Lesung in Bad Godesberg: Unbekannter skandiert Schmährufe gegen jüdische Autorin

Lesung in Bad Godesberg : Unbekannter skandiert Schmährufe gegen jüdische Autorin

Eine unbekannte Person soll vor einer Lesung in Bad Godesberg antisemitische Schmährufe in Richtung der Schriftstellerin Mirna Funk skandiert haben. Funk ist selbst Jüdin und schreibt in ihrem Roman über das Leben einer jungen Jüdin in Deutschland.

Einen schockierenden Moment hatte es für die Journalistin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin Mirna Funk vor dem Schauspielhaus Bad Godesberg gegeben. Dort soll am Montag eine unbekannte Person antisemitische Schmährufe vor Beginn ihrer Lesung skandiert haben. Dies berichtete die 40-jährige Autorin am nächsten Morgen Schülern des Nicolaus-Cusanus-Gymnasiums. Hier las Funk aus ihrem Roman „Winternähe“.

Funk selbst ist Jüdin und schreibt in ihrem Roman über das Leben einer jungen Jüdin in Deutschland sowie über Ressentiments und Antisemitismus, mit denen die Romanfigur konfrontiert wird. Zugleich geht Funk auf Forderungen mancher Deutscher ein, wonach sich das Land vor allem von der Zeit zwischen 1933 und 1945 und darüber hinaus loslösen müsse.

Unbekannte Person skandiert Schmähruf

Dass Antisemitismus aktuell ist, zeigt der Vorfall am Montagabend vor dem Schauspielhaus: Eine Person habe vor dem Gebäude immer wieder „Rothschild“ gerufen. Dieser Name stehe für eine abstruse Verschwörungstheorie über eine jüdische Familie, „der man nachsagt, dass sie die Fäden in der Hand hält und die Welt kontrolliert“, sagte Funk den Bad Godesberger Schülern. Sie selbst habe den Vorfall nicht mitbekommen, ihr wurde danach davon von einer Besucherin berichtet.

Die Lesung im Nicolaus-Cusanus-Gymnasium am Dienstag war Teil des „Käpt’n Book“-Lesefestes der Stadt Bonn, zu dem Autoren in die Schulen eingeladen werden, sagte Lehrerin Jennifer Gast. Solche Veranstaltungen sollen die Lesekompetenz der Schüler steigern und hätten sich bisher bewährt. „Für unsere Schüler ist es aber auch ein besonderes Erlebnis, einfach mal zuzuhören und Auszüge einer Geschichte aus erster Hand zu hören“, sagte Gast.

Funk lebt sowohl in Berlin, als auch bei ihrer Familie in der israelischen Stadt Tel Aviv. Sie schreibt für deutsche Magazine, darunter die Vogue, sowie für Tageszeitungen. Auch mit ihrer monatlichen Kolumne „Jüdisch heute“ in der Vogue versucht Funk, gegen antisemitische Vorurteile anzukämpfen. Ihr aktueller Roman  wurde im Februar veröffentlicht. Eine weitere Lesung mit Funk ist für diesen Mittwoch in der Synagogengemeinde Bonn vorgesehen. Beginn der öffentlichen Veranstaltung ist um 19 Uhr. 

Funk: Antisemitismus beruht auf Vorurteilen

Funk betonte vor den Schülern, dass der Ursprung des Antisemitismus nicht alleine auf die Person Adolf Hitlers zurückzuführen sei. Auch wenn sie darauf verwies, dass dieser „häufiger auf dem Spiegel-Cover war als jeder andere, obwohl man ihn doch so verachtet“, so Funk. Stattdessen gebe es Antisemitismus schon seit mindestens 2000 Jahren und dieser basiere hauptsächlich auf Vorurteilen von Christen gegenüber Juden, die sich – angepasst – bis heute in der Gesellschaft hielten. Aktuell ist dazu in jüngerer Zeit eine andere Form von Antisemitismus zu beobachten: Im Mai waren mehrere Tatverdächtige nach Steinwürfen auf die Synagoge an der Tempelstraße festgenommen worden. Auch eine angebrannte Flagge Israels fand die Polizei unter anderem. Die Verdächtigen räumten später die Tat ein. Einige der zahlreichen Fragen seitens der Schüler an Funk bezog sich auch auf den Nahost-Konflikt.

Diskriminierender Vorfall bei Veranstaltung

Funks Roman basiert zwar hauptsächlich auf Fiktion, beruhe in Teilen aber auch auf wahren Begebenheiten: So sei auf einer Veranstaltung mit etwa 5000 Gästen ein Bild Funks zu sehen gewesen. Bekannte von ihr hätten einen Hitlerbart auf das Bild gemalt und anschließend ein Foto davon im Internet gepostet. Funks Anwalt habe ihr mit Verweis auf eine rechtliche Grauzone von einer Klage und einem Gerichtsverfahren abgeraten. Die Bekannten hätten letztlich nur eine geringe Geldstrafe an Funk zahlen müssen, von der sie „gerade so die Anwaltskosten“ habe zahlen können. Dass sie nicht doch vor Gericht gegangen war, habe Funk später bereut. Deshalb habe sie ein fiktives Gerichtsverfahren zum Teil ihres Romans gemacht.

Zudem hat Funk festgestellt, dass sie als Jüdin immer wieder auf ihre Religionszugehörigkeit reduziert werde, positiv wie negativ. Dazu verweist sie auf ein Erlebnis im Alter von zwölf Jahren. Damals habe ihre Geschichtslehrerin vor der Klasse erwähnt, dass sie Jüdin ist. „Ich habe das als extrem unangenehm empfunden“, sagte Funk und beschrieb ihre Gefühle als Kind, auch bezogen auf die Reaktionen der damit konfrontierten Mitschüler.