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Format „Ich stelle mich“: Ursula Lehr blickt auf ihre Karriere zurück

Format „Ich stelle mich“ : Ursula Lehr blickt auf ihre Karriere zurück

Die ehemalige Bundesfamilienministerin Ursula Lehr blickt im Format „Ich stelle mich“ auf ihre Karriere zurück. Vor dem Altern hat sie keine Angst.

Ist Altern nichts für Feiglinge? Muss man sich also vor dem Alter fürchten? Mit diesen Fragen leitete GA-Chefredakteur Helge Matthiesen beim virtuellen Format „Ich stelle mich“ im „Forum Bad Godesberg“ sein Gespräch mit der ehemaligen Bundesfamilienministerin Ursula Lehr ein. Und die inzwischen glatt 90-Jährige blieb ihm einen Donnerstagabend lang keine Antwort schuldig. Im Gegenteil, es gebe sehr wohl Schönes im Alter, konterte die große alte Dame der Gerontologie, also der Forschung vom Altern. Sie genieße es etwa, wenn sie rückblickend Momente ihrer Karriere betrachte, für die sie einstmals arg gescholten wurde, berichtete Lehr.

Und dann erzählte sie, wie sie, die bekannte Professorin, 1988 von Bundeskanzler Helmut Kohl ins Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit geholt wurde – und dort zum Entsetzen fast der gesamten Mitarbeiterschaft erst einmal einen ganzen Satz Computer anschaffte. Sofort seien Unterschriften gegen sie gesammelt worden. „Die hatten dort doch wirklich noch alles brav mit zehn Fingern in die Schreibmaschine getippt“, erinnerte sich Lehr schmunzelnd. Und dann schaue man doch heute einmal, wie fit selbst über 80-Jährige mit den digitalen Angeboten umgingen, meinte die Frau, die selbst als bestes Beispiel für äußerst aktive Senioren gilt.

Matthiesen fragte weiter zu ihren Erfahrungen als Seiteneinsteigerin in der Politik. Denn vor 1988 hatte Lehr ja den ersten deutschen Lehrstuhl für Gerontologie an der Universität Heidelberg gegründet. Ja, arg gescholten worden sei sie im Familienministerium natürlich auch für ihre Idee, schon Kinder ab zwei Jahren in den Kindergarten holen zu wollen, sagte Lehr. Mit dem Vorschlag habe sie sich bei einem öffentlichen Termin keck über den von Referenten vorbereiteten Sprechzettel hinweggesetzt. „Sofort bekam ich Tausende empörte Briefe, es gab einen Riesenkrach“, berichtete Lehr lächelnd. Selbst Bundeskanzler Kohl habe sie gewarnt: „Seien Sie vorsichtig, unsere Freunde in Süddeutschland sind sehr dagegen.“ Und heute sei ihre Idee von damals längst Selbstverständlichkeit, fügte Lehr hinzu.

Wie habe sie es eigentlich selbst geschafft, neben ihrer Karriere zwei Kinder großzuziehen, fragte Matthiesen nach. „Ich hatte einen fortschrittlichen und partnerschaftlichen Ehemann, der mir immer den Rücken freigehalten hat“, antwortete Lehr, die 2020 noch für ihr Lebenswerk die Goldene Ehrennadel des Berufsverbands Deutscher Psychologen erhielt. Und wie stehe sie zur aktuellen Diskussion zur Frauenförderung per Quote, wollte der GA-Chefredakteur wissen. Mittlerweile hätten Frauen doch auch so schon reichlich Feld erobert, erwiderte die dynamische Professorin aus dem Villenviertel. „Es ist schlimm, wenn man eine Stelle nicht bekommt, weil man eine Frau ist“, führte Lehr aus. „Es ist aber schlimmer, wenn man sie nur bekommt, weil man eine Frau ist“, sprach sich die Powerfrau, die immer höchste Ansprüche an ihre Mitarbeiter, aber vor allem auch an sich selbst stellte, klar gegen jede Quote aus.