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Video zeigt Dachs, der Bonner Garten unsicher macht

Mehr Wildtiere in den Städten? : Video zeigt Dachs, der Bonner Garten unsicher macht

Ein ausgewachsener Dachs turnt munter an einem Vogelhäuschen in einem privaten Garten in Bonn herum und stiehlt Futter. Ein GA-Leser hat die ungewöhnlichen nächtlichen Aktivitäten auf Video eingefangen. Sind in Folge der Corona-Maßnahmen mehr Wildtiere in den Städten unterwegs?

In Nicolas Holles Garten in Bonn-Schweinheim steht ein Vogelhaus - zumindest abends. Morgens hingegen lag das Vogelhaus in den vergangenen Wochen immer wieder am Boden. Zunächst machte der Bad Godesberger starken Wind dafür veranwortlich, doch als auch mit Drähten im Boden verankerte Zeltheringe nicht dafür sorgten, dass das hölzerne Vogelhaus am Morgen noch stand und zudem das darin zurechtgelegte Vogelfutter verschwunden war, wusste Holle: Es muss ein nächtlicher Besucher dahinterstecken.

„Ich hatte auf eine Katze getippt, meine Freundin auf einen Fuchs oder Marder“, berichtet er dem GA. Kurzerhand kauften sie eine Nachtsichtkamera und installierten sie im Garten. Und mussten nicht lange warten: Schon in der zweiten Nacht wurde der Bewegungsmelder der Kamera um kurz vor Mitternacht ausgelöst, und Nicolas Holle konnte auf dem Bildschirm live beobachten, welcher Besucher sich im Garten herumtrieb.

Dachs macht sich an Vogelhaus in Bonn zu schaffen

Auf dem Video, das Holle dem GA zur Verfügung gestellt hat, ist zu sehen, wie ein ausgewachsener, vermutlich männlicher Dachs erst neugierig an der Kamera schnuppert, anscheinend angelockt durch deren rotes Licht, dann kurz aus dem Blickfeld verschwindet (deshalb der Schnitt zu Beginn des Videos) und sich kurz darauf am Vogelhaus zu schaffen macht. Der Dachs ist erfolgreich: Er erbeutet den eigentlich für Vögel bestimmten Meisenknödel und verschwindet.

Nicolas Holle, der aktuell wegen der Corona-Maßnahmen ausschließlich im Homeoffice arbeitet, vermutet: „Einige Tiere trauen sich offenbar näher als sonst an die fast menschenleeren Siedlungen heran.“ Vor dem Haus in der Nähe der Bad Godesberger Innenstadt, in dem er eine Wohnung angemietet hat, habe er zumindest in den vergangenen anderthalb Jahren noch nie einen Dachs gesehen.

Tatsächlich erobern in vielen Großstädten weltweit Wildtiere die durch Ausgangssperren und Kontaktverbote in Zusammenhang mit der Eindämmung der Corona-Pandemie weitgehend menschenleeren Straßen. In Israel werden Schakal-Rudel in Innenstädten gemeldet, in den Hauptstädten Indiens und Nepals turnen Affen auf den Straßen herum. Wildschweine überqueren in Barcelona seelenruhig den Zebrastreifen einer normalerweise vielbefahrenen Straße, Pfaue spazieren durch Madrid, und in Santiago de Chile wurde sogar ein junger Puma gesichtet und schließlich in die freie Wildbahn zurückgebracht.

Auch in Deutschlands Städten dürften normalerweise selten gesehene Wildtiere es durchaus begrüßen, dass viel weniger Menschen auf den Straßen unterwegs sind, glaubt Jenifer Calvi von der Deutschen Wildtier Stiftung. „Die Füchse, die ohnehin schon von Brandenburg nach Berlin vorgedrungen sind, finden es bestimmt gut, jetzt nicht so schnell gestört zu werden, wenn sie Mülltonnen durchsuchen“, so Calvi. Wildtiere seien generell nicht erpicht darauf, in Menschennähe zu kommen, so dass die durch Kontaktverbote, geschlossene Geschäfte, Schulen und Kitas sowie mehr Menschen im Homeoffice leereren Städte für sie nun bessere Bedingungen böten und sie sich eher aus der Deckung trauten.

Wildtiere profitieren grundsätzlich von Corona-Maßnahmen

Der Bonner Dachs jedoch ist vermutlich kein Profiteur der Corona-Krise, sagt Calvi: „Das halte ich für unwahrscheinlich, zumal es in einem Privatgarten passiert, der ja jetzt nicht mehr oder weniger frequentiert wird. Der Dachs wäre vermutlich auch ohne Corona gekommen und hätte sich das Vogelfutter geschnappt.“ Dachse seien nämlich überaus bequeme Allesfresser, die mit ihrer guten Nase alles Fressbare schnell aufspüren: Regenwürmer, Getreide, Obst, Eier von Bodenbrütern, auch Mäusenester müssen dran glauben. „Und Dachse fressen gern“, so Calvi, zumal nach dem Winter der Hunger auf „Frisches“ besonders groß sei.

Und nun? Das fragt sich Nicolas Holle, der zwar fasziniert vom nächtlichen Geschehen in seinem Garten ist, den ungebetenen Gast aber gern wieder los wäre. „Wie wir auf dem Video sehen, ist der Dachs zwar entschlossen, an das Futter ranzukommen, aber er ist kein besonders geschickter Kletterer“, so Jenifer Calvi. „Darum würde ich raten, das Vogelfutter an einen Ort zu hängen, der ohne Kletterhilfe nicht zu erreichen ist.“ Das könnte etwa ein Baum mit Ästen in mindestens 1,50 Meter Höhe sein oder ein Strauch, dessen Äste unter dem Gewicht des bis zu 17 Kilo schweren Dachses nachgeben würden, wenn er versuchte, nach oben zu klettern. „In der Regel sucht der Dachs dann das Weiter - oder zieht in Nachbars Garten weiter“, so die Wildtier-Expertin.