1. Bonn
  2. Bad Godesberg

Serie Kiosk: Treffpunkt im Veedel : Waltraud und Kairouz Haidous kümmern sich um ihre Stammkunden

Serie Kiosk: Treffpunkt im Veedel : Waltraud und Kairouz Haidous kümmern sich um ihre Stammkunden

Waltraud und Kairouz Haidous führen ihren Kiosk an der Ubierstraße in Plittersdorf seit 21 Jahren. Sie kümmern sich um alles und jeden. Viele sind Stammkunden und zu fast jedem haben sie ein persönliches Verhältnis.

Nach Berlin wollten sie nicht, als der Arbeitgeber von Kairouz Haidous vor über 21 Jahren ankündigte, mit dem Geschäftsstandort in die neue Hauptstadt zu ziehen. Lieber etwas Eigenes machen. Dann hörten sie, dass der Kiosk an der Ubierstraße einen neuen Betreiber suchte. Kairouz Haidous fackelte nicht lange und sagte zu. „Das war ein Sprung ins kalte Wasser“, erinnert sich Waltraud Haidous. Bereut hat sie den jedoch nicht, auch wenn manches zu Beginn nicht ganz einfach war.

Erst drei Monate zuvor hatte die ausgebildete Frisörin damals nach der Kinderpause wieder in dem Frisörsalon gearbeitet, in dem sie vor der Geburt ihrer Tochter schon 16 Jahre tätig war. Dann überschlugen sich die Ereignisse, mit dem Kiosk begann ein vollkommen anderes Leben. Es gab eine Woche Schulung und eine Woche Einarbeitung. Dann stand sie in den ersten Wochen allein da, weil ihr Mann noch einige Wochen dem ehemaligen Arbeitgeber verpflichtet war.

Am Anfang kamen die Leute nicht

„Das war eine harte Zeit. Der Kiosk hatte nur ein ganz eingeschränktes Sortiment, die Leute kamen nicht“, sagt Waltraud Haidous. Außerdem kam ihr Mann „nicht von hier“, was in der dörflichen Struktur vor Ort ein weiterer Hemmschuh war. Ein Dreivierteljahr lang mussten sie befürchten, dass der Kiosk  eine Fehlinvestition war. „Aber wir haben das Angebot aufgestockt.“ Es gab mehr Zeitungstitel, mehr Schulsachen und ein breiteres Sortiment Genussmittel. Als die Menschen feststellten, dass sie bei Fragen nach Waren normalerweise hier kein Nein hörten und noch dazu ihren immer freundlichen, fleißigen Mann kennengelernt haben, wurde es besser. Heute vergehen selten mehr als ein paar Minuten, bis der nächste Kunde zur Tür reinschaut.

In dem etwa 45 Quadratmeter großen Laden gibt es neben der Lottoannahmestelle auffallend viele Zeitschriften und Schreibwaren, gut und übersichtlich sortiert. „Fehlt mal etwas, wird es nachbestellt und ist oft am nächsten Tag schon da“, sagt Kairouz Haidous. Gerade hat er für einen jungen Mann die nächste Ausgabe einer seltenen Zeitschrift bestellt, deren weitere Lieferung der Großhändler nach dem coronabedingten Ausfall einer Ausgabe offenbar übersehen hatte. Auch das zeichnet ihn und seine Frau für die Kundschaft aus. Selbst wenn es Wünsche gibt, die bisher nie da waren, kümmert sich das Paar darum, gleich ob ein Kind, Arbeiter oder Professor im Laden steht.

Jetzt sind 95 Prozent der Leute Stammkunden

„Rund 95 Prozent der Leute, die herkommen, sind mittlerweile Stammkunden“, sagt Waltraud Haidous. Das Beste, was ihnen hier passiert sei, sei, dass sie hier nicht nur mit ihrem Laden, sondern auch als Menschen so gut angenommen wurden und fast zu jedem ein persönliches Verhältnis haben, findet sie. Man kennt sich, tauscht sich gerne aus, manchmal bringt sogar jemand Kuchen oder Marmelade für das Paar mit.

Durch den Tipp eines Kunden hat sie mit ihrem Mann vor zweieinhalb Jahren sogar eine Traumwohnung im Viertel gefunden. Schlecht seien in den letzten Jahren eigentlich nur die zwei Einbrüche und ein Überfall gewesen, sagt Kairouz Haidous. „Aber auch das haben wir überstanden.“

„Die Leute sagen heute: ‚Ihr dürft nie im Leben aufhören!‘“, zitiert Waltraud Haidous. Zufrieden sind sie, so wie es ist, auch wenn jahrelang an gemeinsamen Urlaub nicht zu denken war. „Letztes Jahr haben wir nach 20 Jahren zum ersten Mal den Laden zwei Wochen zugemacht und sind zusammen in den Urlaub gefahren“, erzählt Kairouz vom Jubiläumsurlaub im Libanon. Ans Aufhören denken die beiden 64-Jährigen trotzdem nicht wirklich. Wenn überhaupt, wäre es perfekt, irgendwann einen Nachfolger zu finden, bei dem sie beide in der Woche jeweils ein paar Tage aushelfen können, sagen sie unisono.