Bonner Sozialarbeiterin berichtet Wenn das Geld nie reicht: Perspektivlosigkeit ist für die Menschen am Schlimmsten

Bad Godesberg · In der Siedlung am Nippenkreuz in Mehlem wohnen viele Menschen, die obdachlos waren oder suchtkrank sind. Sozialarbeiterin Susanne Brüggen hilft in der Sozialberatung auch bei vielfältigen anderen Problemen. Ein Einblick in die Arbeit in einem prekären Umfeld.

 Das Stadtteilcafé am Nippenkreuz mit Sozialberatung ist ein wichtiger Anlaufpunkt und wird weiter von der Stadt Bonn gefördert.

Das Stadtteilcafé am Nippenkreuz mit Sozialberatung ist ein wichtiger Anlaufpunkt und wird weiter von der Stadt Bonn gefördert.

Foto: Bettina Köhl

Die Parkplätze sind für Mieter der Vebowag reserviert, aber leer. Hier, in der Siedlung an der Straße Am Nippenkreuz in Mehlem, kann sich fast niemand ein Auto leisten. Freie Parkplätze sind der einzige Luxus, den die ehemaligen Arbeitersozialwohnungen bieten. Die Häuser haben eindeutig schon bessere Zeiten gesehen. Löcher in den Wandverkleidungen wirken so, als ob hier jemand Frust abgelassen hat. Aus den Briefschlitzen quillt Werbung, hinter einem Fenster stehen abgestorbene Drachenpalmen. Offenbar haben manche Bewohner nicht die Kraft, Blumen zu gießen oder Post reinzuholen.

Susanne Brüggen kennt die Geschichten und die Menschen hinter den Fenstern seit gut zehn Jahren. Es sind vor allem suchtkranke, psychisch kranke oder vorher obdachlose Männer, die in den kleinen Wohnungen untergebracht und ambulant betreut werden, die der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Vebowag gehören. An diesem Tag ist das Stadtteilcafé des Vereins für Gefährdetenhilfe (VfG) an der Einfahrt zur Siedlung geschlossen, weil die Sozialarbeiterin ganz alleine im Dienst ist. Sie hat von ihrem Büro aus trotzdem ein Ohr für die Tür, denn gleich kommt eine Frau zum ersten Mal in die Sozialberatung. Ein anderer ist gerade aus dem Krankenhaus entlassen und klopft kurz an.

Sozialarbeiterin Susanne Brüggen berät zu ganz unterschiedlichen Fragen.

Sozialarbeiterin Susanne Brüggen berät zu ganz unterschiedlichen Fragen.

Foto: Bettina Köhl

Der Bonner Sozialausschuss hat kürzlich 216.000 Euro freigegeben, um die Gemeinwesenarbeit „Am Nippenkreuz“ 2024 weiter zu finanzieren. Oberbürgermeisterin Katja Dörner spricht in der Pressemitteilung von „Zusammenhalt in der Stadt“ und „solidarischen Strukturen“, die gefördert werden sollen. Am Nippenkreuz drückt sich die Solidarität so aus, dass alle nur 50 Cent für den Kaffee zahlen und ein offenes Ohr finden. Die Idee, die Nachbarschaft jenseits der Sozialsiedlungen mit einzubeziehen und zum Beispiel gemeinsam zu kochen, scheitert an fehlenden Freiwilligen.

Es wäre das, was unter dem Begriff Gemeinwesenarbeit im Konzept der Anlaufstelle so beschrieben wird: „Ziel der Gemeinwesenarbeit ist die Verbesserung der Lebensqualität und des Miteinanders im Wohnumfeld. Durch die Einbindung der Anwohner in Projekte, Freizeitangebote und verschiedene Feste werden die Bürger zur sozialen und kulturellen Teilhabe angeregt und zur Übernahme von mehr Verantwortung in und für ihre Wohnsiedlung aktiviert.“ Doch die letzten Seniorinnen, die früher die nachbarschaftlichen Strukturen und auch etwas nachbarschaftliche Kontrolle aufrecht erhalten haben, sind verstorben oder können die Wohnung kaum noch verlassen. Nachgezogen seien fast nur Männer, viele von ihnen hätten schwere Erkrankungen, berichtet die Sozialarbeiterin. „Viele werden nie in der Lage sein, auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren.“

Es fehlt an sozial fähigen Menschen in der Nachbarschaft

Die Idee der Gemeinwesenarbeit, Menschen wieder in den Ort zu integrieren, findet Brüggen grundsätzlich richtig, praktisch aber schwer umzusetzen. „Man bekommt die Menschen nicht integriert, weil es Einzelgänger sind“, so Brüggen. Und es fehle eine Nachbarschaft aus „sozial fähigen Menschen, die einfach nur wenig Geld haben“, sich aber engagieren möchten.

Das mit der fehlenden Nachbarschaft wird sich bald ändern: An der Mainzer Straße 26-52 ziehen die P11. Objektgesellschaft und das Bauunternehmen Rabe-Ero GmbH ein Neubauprojekt mit 78 Wohnungen hoch, das sich u-förmig zu den betagten Nippenkreuz-Häusern öffnen wird. „Ich habe mich auch gewundert, als ich das Bauschild gesehen habe“, sagt Brüggen.

Das Stadtteilcafé ist ein offener Treffpunkt. Wer eine Sozialberatung braucht, muss sich anmelden. Es kommen nicht nur Mieter der Wohnanlage Am Nippenkreuz, sondern Ratsuchende aus den umliegenden Sozialsiedlungen und aus ganz Bad Godesberg. Es hat sich herumgesprochen, dass sich hier jemand kümmert. Der „Spiegel“ hat kürzlich berichtet, dass es inzwischen 173 verschiedene Sozialleistungen und 29 zuständige Behörden gibt. Manchmal kommen Kunden mit Formularen, die auch Susanne Brüggen noch nie gesehen hat. Hat das Bürgergeld etwas vereinfacht? „Nein, das ist nur ein anderer Name, der Beratungsaufwand bleibt gleich“, sagt die Sozialarbeiterin.

 Die Sozialsiedlung ist in die Jahre gekommen, an mehreren Stellen hat die Fassadenverkleidung Löcher.

Die Sozialsiedlung ist in die Jahre gekommen, an mehreren Stellen hat die Fassadenverkleidung Löcher.

Foto: Bettina Köhl

90 Prozent der Menschen, die Am Nippenkreuz wohnen, beziehen Transferleistungen, berichtet die Stadt Bonn, sodass das Thema „Sicherung des Lebensunterhalts“ rund um die Antragstellung und Weiterbewilligung von Sozialleistungen für großen Beratungsbedarf sorge. Brüggen kann das bestätigen: „Wenn man alleine lebt, ist das System einigermaßen zu verstehen, aber für Alleinerziehende mit Kindern wird es schwierig.“ Kompliziert werde es vor allem dann, wenn Leute selbst Geld verdienen, dass dann mit den Leistungen verrechnet wird.

Es geht aber nicht nur um die vielen Formulare. „Die Perspektivlosigkeit, dass sich nie etwas ändern wird, finde ich das schwerste Los“, sagt die Sozialarbeiterin. „Viele Leute haben zeitweise wenig Geld, zum Beispiel in der Ausbildung, aber ein Leben lang mit wenig Geld auszukommen, ist schlimm.“ Viele, die in ihre Beratung kommen, haben Schulden oder wissen nicht, wie sie eine hohe Nebenkosten-Nachforderung zahlen sollen.

Vielfältige Probleme in der Sozialberatung

In der Sozialberatung geht es nicht nur um den Lebensunterhalt, sondern auch um berufliche Perspektiven, ausländerrechtliche Probleme, die Verbesserung der Wohnsituation, familiäre Schwierigkeiten oder gesundheitliche Probleme. Manchmal sind es auch ganz praktische Fragen, bei denen die Sozialarbeiterin vermittelt. Zum Beispiel, als alle Sozialwohnungen mit Rauchmeldern ausgestattet werden mussten. „Es ist bis zur Betretungsklage gekommen, weil manche niemanden in ihre Wohnung lassen wollten.“ Wenn ein Anruf vorab solch eine Eskalation verhindern kann, hilft die Sozialarbeiterin gerne Vebowag und Handwerkern.

Manchmal wird sie von Klientenbeschimpft. Es überwiege aber das Positive: „Die allgemeine Beratung ist eine sehr dankbare Arbeit, man hat viele Erfolgserlebnisse.“ Und: Es sollte viel mehr Beratungsstellen in Bonn geben, „denn die Notwenigkeit ist ja da“, sagt Susanne Brüggen, während es schon wieder an der Tür klopft.

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