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Stolpersteine: Wie eine Familie aus Bad Godesberg Opfer der Nazis wurde

Stolpersteine : Wie eine Familie aus Bad Godesberg Opfer der Nazis wurde

An der Burgstraße 46 erinnern fünf neue Stolpersteine an Henriette, Karoline, Julie, Theodor und Martha Oster. Die Familie wohnte bis Januar 1942 in Bad Godesberg, bis sie in „Judenhäusern“ in Köln und Endenich interniert und in Konzentrationslagern umgebracht wurde.

Es war ein Abschied für immer. Am 20. und 23. Januar 1942 mussten die 83-jährige, verwitwete Henriette Oster, ihr Bruder Jakob Meyer, die ihr verbliebenen drei Kinder Karoline, Julie und Theodor sowie Schwiegertochter Martha ihr Haus in der Burgstraße 46 verlassen. Sie sollten in „Judenhäusern“ in Köln und Endenich interniert werden. Ab nun gab es für die alteingesessenen Osters im Rahmen der Völkermordpolitik der Nazi-Diktatur keine Wiederkehr, ja kein Lebensrecht mehr. Dabei war die Familie bis ins frühe 18. Jahrhundert in Godesberg zurückzuverfolgen, wie es Stadtarchivar Norbert Schloßmacher in den demnächst erscheinenden „Heimatblättern 2020“ akribisch darlegt.

Rechtschaffene Bürger, Händler, Metzger, Bürstenmacher und Schneider, waren die Osters und Meyers gewesen. Henriette Oster hatte das Fachgeschäft für Bürsten- und Putzwaren gegenüber der Markuskapelle nach dem frühen Tod ihres Mannes sogar allein zu einer ersten Adresse gemacht, bevor sie es als Jüdin 1938 aufgeben musste. 1925 war sie auf einem erhaltenen Foto noch mit ihrer bald danach verstorbenen Tochter Else zu sehen: Die stattliche, selbstbewusst lächelnde Frau mit sorgfältig ondulierten Haaren saß beim Familienfest in der ersten Reihe. Ab Januar 1942 war die Familie in ihrer Heimatstadt jedoch ausgelöscht. Auf drei der fünf 2019 und im Januar 2020 zum Gedenken verlegten Stolpersteinen an der Burgstraße, wo einst das Oster-Haus stand, steht nüchtern eingraviert: „unfreiwillig verzogen“. Doch die sechs durchweg älteren Familienangehörigen hatten in den Tod gehen müssen.

Das dürfte ihnen in den Kölner und Endenicher Ghettohäusern wohl klar geworden sein. Man munkelte, dass die vom Deutzer Bahnhof abgehenden Deportationszüge in Todeslager führten. Henriette Oster, die mit den Töchtern und dem Bruder im Kölner „Judenhaus“ eingepfercht war, hatte zu dem Zeitpunkt schon Sohn Isidor verloren. Der ehemalige Geschäftsführer im Kölner Bekleidungshandel war mit seiner Frau Elisabeth und Sohn Heinz schon in einer Oktobernacht 1941 von der Gestapo verhaftet und ins Ghetto Litzmannstadt deportiert worden. Isidor, den ein erhaltenes Foto von 1933 zeigt, wie er, wachsam um sich blickend, den kleinen Heinz an der Hand hält, starb hier alsbald, seine Frau 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau, wie Schloßmacher recherchiert hat.

Das Haus Burgstraße 46 im Jahr 1960 seinerzeit mit Schuster Schmitz im Erdgeschoss. Foto: privat

Isidors Bruder Theodor, ein blinder Versicherungsvertreter, und seine Frau Martha, die in der Burgstraße 46 gelebt hatten, wurden am 15. Juni 1942 vom Endenicher Kloster abgeholt und in den KZs Theresienstadt und Auschwitz ermordet. Henriette Oster musste sogar noch direkt miterleben, wie ihr Bruder, der Viehhändler Jakob Meyer, am 16. Juni 1942 vom Kölner „Ghettohaus“ aus ins KZ Theresienstadt geschafft wurde, wo er sterben musste. Der 83-Jährigen dürften die Ahnungen, vielleicht auch die Gewissheit das Herz gebrochen haben.

Schlossmacher hat ermittelt, dass die ehemals erfolgreiche Godesberger Geschäftsfrau am 14. September 1942 im „Judenhaus“ starb. In den Deutzer Deportationslisten für das KZ Theresienstadt ist zu lesen, dass Henriettes Töchter Karoline und Julie nur zwölf Tage später in den Todeszug Richtung Theresienstadt steigen mussten. Julie, die laut Schloßmacher bis 1936 in Godesberg ein exquisites Herrenmodegeschäft geführt hatte, wurde 1943 in Auschwitz vergast.

Plakette für Henriette Oster, gestorben am 14. September 1942.  Foto: privat

Den Holocaust überlebt hat von Henriette Osters direkter Familie nur ihr Enkel Heinz, der hübsche kleine Junge an der Hand von Sohn Isidor auf dem Foto von 1933. Als KZ-Häftling hat er seine Mutter von der Rampe aus „nach links“ ins Gas gehen sehen, wie der nachmalige Zahnarzt in den USA es in seiner Autobiografie „Rechts zum Leben, links zum Tod. Ein jüdischer Junge überlebt Litzmannstadt, Auschwitz und Buchenwald“ festhielt. Er war 1945 von der SS von Auschwitz aus vor dessen Befreiung noch auf den Todesmarsch nach Buchenwald gehetzt worden.

Der 2019 verstorbene Henry H. Oster war später sogar noch einmal in Bad Godesberg, berichtet Norbert Schloßmacher. „Im Oktober 2011 durfte ich Herrn Oster zu Orten zu führen, die in seiner Erinnerung geblieben waren: das 1972 abgerissene Wohnhaus seiner Großeltern, der Burgfriedhof mit dem Grab seines Großvaters, die Draitschquelle, das Geschäftslokal seiner Tante Julie in der Oststraße.“ Die Erinnerungen seien überraschend frisch gewesen. „Herr Oster versicherte mir, dass es jahrzehntelang seine feste Absicht gewesen war, nie wieder seine Muttersprache zu sprechen und nie wieder nach Deutschland zu reisen“, so Schloßmacher.

Doch als er von der Verlegung von Stolpersteinen für seine Eltern in Köln 2010 erfuhr, da sei Oster zum ersten Mal seit 1945 wieder in das Land seiner Vorfahren zurückgekehrt. Dahin, wo einst 35 Mitglieder seiner Familie Opfer des NS-Rassenhasses geworden waren.