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NS-Regime in Bad Godesberg: Wie Wilhelm Weil vom beliebten Schuhhändler zum Geächteten wurde

NS-Regime in Bad Godesberg : Wie Wilhelm Weil vom beliebten Schuhhändler zum Geächteten wurde

Während des NS-Regimes wurden die Bad Godesberger Juden ab 1933 in die Flucht getrieben oder in die Todeslager verschleppt. Auch der Schuhhändler Wilhelm Weil wurde ein Opfer des Holocaust.

Es waren ehrbare Geschäftsleute, die bis vor gut 80 Jahren im Herzen Godesbergs in der heutigen Alten Bahnhofstraße lebten und arbeiteten. Die aber, wenn sie jüdischer Abstammung waren, ab 1933 von ihren eigenen Mitbürgern in die Flucht getrieben oder ab 1939 im Holocaust ermordet wurden. Einer von ihnen war Wilhelm Weil (1878–1942). Der Geschäftsmann hatte 1911 im Haus (Alte) Bahnhofstraße 22, in dem heute ein Friseur und ein Hörakustiker arbeiten, mit einem Schuhladen begonnen.

Die Geschäfte liefen, und Weil wechselte mit seiner Familie und dem Laden in das von ihm gekaufte Haus Bahnhofstraße 8, wo heute ebenfalls Hörgeräte angeboten werden. Hier florierte der Schuhhandel noch besser, da Weil die Marke Salamander, die ebenfalls jüdische Lederhändler in Berlin aufgebaut hatten, in Bad Godesberg bekannt machte. Generationen von hiesigen Kindern haben hier im Haus Nummer 8 bis in die 2000er Jahre hinein ihre Schuhe mit dem beliebten Lurchi-Symbol angepasst bekommen.

 Wilhelm Weil
Wilhelm Weil Foto: Heimatverein Bad Godesberg

Engagiertes Mitglied der kleinen jüdischen Gemeinde

1928 hatte Wilhelm Weil dann auch das Haus Bahnhofstraße 22 erworben und als Mieter den „Buchladen Hans Linz“ aufgenommen, bis der 1932 ins größere Ladenlokal im Nachbarhaus Nr. 20 wechselte. Oben im Haus 22 wohnte derweil Weils Schwägerin, die jüdische Witwe Rosalie Adler. 1935 hatte sich der bei seinen Mitbürgern beliebte Weil noch in den Vorstand der kleinen Godesberger jüdischen Gemeinde mit ihrer Synagoge an der Oststraße wählen lassen – ein heiles und erfolgreiches Leben, möchte man meinen.

Aber die Katastrophe für ihn, seine Familie und alle anderen jüdischstämmigen Bürger hatte da schon längst begonnen. Das zeigen Recherchen des Bonner Stadtarchivs, der Gedenkstätte für Bonner NS-Opfer und des Lokalforschers Erhard Stang vom Godesberger Heimat- und Geschichtsverein. Auch in Bad Godesberg setzen die Nationalsozialisten 1933 nach der Machtübernahme Adolf Hitlers ihre antijüdische Politik in allen Bereichen brutal um.

Ab 1933 waren auch in der Bahnhofstraße Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte im Gange. Weils ältester Sohn Erich hatte da gerade den Doktor der Rechte geschafft, war aber umgehend mit einem Berufsverbot belegt worden. Sofort emigrierte der Jurist als erster Godesberger Jude nach Frankreich und kam im Oktober 1933 nur noch einmal kurz zurück: um seine Braut Margot aus der alteingesessenen jüdischen Familie Spiegel zu heiraten.

Kurz vor der Emigration noch im Rathaus geheiratet

Ihrem Vater Sally gehörte eine ganze Reihe Häuser an der Rheinallee. Das junge Paar war noch im Godesberger Rathaus unter einem Adolf-Hitler-Foto vor das Standesamt getreten, hatte es aber nicht mehr gewagt, sich in der Synagoge trauen zu lassen. Es trat sofort die Flucht nach Frankreich und dann in die Schweiz an.

Vater Wilhelm Weil wollte jedoch als Vorstand der Synagoge die Stellung halten, selbst als die rassistischen Nürnberger Gesetze 1935 auch ihn zum Menschen zweiter Klasse machten und er sein Schuhgeschäft aufgeben musste. Auch als im selben Jahr sein zweiter Sohn Jacob nach Südafrika floh und dann, das Fanal für die in Godesberg verbliebenen meist älteren jüdischen Bürger, im November 1938 die Synagoge an der Oststraße brannte, waren Wilhelm und Jenny Weil immer noch nicht bereit, die Flucht zu versuchen. So wie es im Oktober 1939 als letzter Godesberger Jüdin noch Jeanette Heumann aus der Augustastraße 43 gelang, und zwar nach Argentinien. Selbst dem Schwiegervater von Weils Sohn Erich, dem Kaufmann Sally Spiegel, war 1939 noch der Absprung in die Niederlande gelungen. Dort wurde er aber verraten und 1943 ins Vernichtungslager Sobibor deportiert und ermordet.

Erzwungener Umzug ins „Judenhaus“ im Oktober 1939

Ende Oktober 1939 organisierte der umsichtige Wilhelm Weil noch den erzwungenen Umzug mit 13 weiteren Schicksalsgenossen in eines der fünf Godesberger „Judenhäuser“ am Königsplatz 2. 1942 wurden die Weils mit 23 weiteren örtlichen Juden ins Sammellager im ehemaligen Endenicher Kloster geschafft. Von dort gingen die Todestransporte in die KZs in Europas Osten. Rosalie Adler starb wie ihre Tochter Ruth in Minsk, Johanna Spiegel aus Weils Haushalt 1944 in Theresienstadt, und Jenny und Wilhelm Weil wurden 1942 nach der Deportation ins polnische Izbica als verschollen erklärt. Allen Fünf sind von heutigen Godesberger Bürgern zum Gedenken Stolpersteine in der Alten Bahnhofstraße gelegt worden.

Ein Soldat sollte übrigens später berichten, er habe Wilhelm Weil noch einmal bei Bahndammarbeiten im lettischen Riga gesehen. Der Verschleppte könnte vor seinem Tod also noch als Arbeitssklave gequält worden sein. Erich Weil und seine Frau Margot kehrten jedenfalls in den 1970er Jahren als einzige der emigrierten jüdischen Mitbürger wieder hierher zurück: weil Godesberg ihre Heimat war, wie sie sagten. Sie starben hier in den 1990er Jahren und liegen auf dem jüdischen Teil des Burgfriedhofs begraben. Wo ansonsten an ihre und ihre Elterngeneration kaum ein Grabstein erinnert: Denn dem Holocaust waren fast alle damaligen jüdischen Godesberger zum Opfer gefallen.

 Bis heute spielt deren Schicksal im kollektiven Gedächtnis eine Rolle: Im Rahmen eines Rundgangs haben am vergangenen Sonntag rund 40 Personen Stolpersteine in Bad Godesberg poliert und der Menschen gedacht, denen die Steine gewidmet sind.

An­dacht zur Po­grom­nacht Sie findet auf Initiative der evangelischen Johannes-Kirchengemeinde am Dienstag, 9. November, ab 19 Uhr am Ort der ehemaligen Synagoge, Oststraße 8, in Bad Go­des­berg statt. Die liturgische Gestaltung übernimmt Pfarrer Tobias Mölleken. Jürgen Dietz spielt Saxophon.