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"Schülerin" Herta Belau berichtet: "Wir waren alle sehr brave Bachschüler"

"Schülerin" Herta Belau berichtet : "Wir waren alle sehr brave Bachschüler"

"Nein", sagt Herta Belau am Fenster des Restaurants "Klassenzimmer" in der Paul-Kemp-Straße 9, "was für ein schöner Blick auf meine alte Schule." Die 91-Jährige hält inne. Und dann erzählt sie Restaurantchef Patrick Pedram Panahandeh von ihren Schuljahren ab Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts genau hier in der damaligen evangelischen Bachschule. "Ich bin immer gerne hierher gegangen", so die gebürtige Godesbergerin.

Nur einmal, da sei sie bockig vor dem Schulzaun stehen geblieben: "Ich weiß gar nicht mehr warum." Lehrer Wölke, der ebenfalls zur Schule strebte, habe sie einfach an der Hand mitgenommen. "Und gut war's." Belau lacht. Vor allem, als ihr dann einfällt, wie sie damals, schon etwas größer geworden, genau Lehrer Wölke in Rage brachten. "Wir haben alle angefangen zu brummen", erzählt die alte Dame. Und wenn Lehrer Wölke angehastet kam, ging dieses Brummen in einer anderen Ecke des Klassenraums weiter. "Armer Mann", schiebt Herta Belau hinterher.

Die Rinderbrühe im "Klassenzimmer" hat wunderbar geschmeckt. Jetzt lässt der Chef mit Artischocken gefüllte Tortellini servieren. Herta Belau genießt einen Weißwein. Und weiß noch, dass sie die meisten Schuljahre drüben im Gebäude war, wo heute die Galerie von Judith Andreae eingerichtet ist. Die vierte Klasse habe sie aber hier im ehemaligen Hausmeisterhaus verbracht. In der Pause hätten sie oft den bekannten Filmschauspieler Paul Kemp vorbeispazieren gesehen. "Der hat uns dann durch den Zaun die Hand gedrückt." Jetzt entdeckt sie an der Wand die alten Fotografien einiger Schulkassen, die das "Klassenzimmer" aus Nachlässen erhielt. "Hier, das sind wir, meine Klasse. 56 Kinder, alle brav die Hände auf dem Pult gefaltet", ruft Belau glücklich aus. Da hinten in der vorletzten Reihe, das sei sie mit hüftlangen Zöpfen. Die Lehrerin "Fräulein Schöneberger" sei wie eine Mutter zu ihnen gewesen. "Den armen Kindern hat sie sogar die Hefte und Stifte gekauft."

Das Foto ist vom 2012 verstorbenen Klaus Otto Kühne aus der Leiterdynastie des Pädagogiums gestiftet worden. "Ach, der Klaus, ein netter fussiger Junge", erinnert sich Belau sofort an den rothaarigen Kameraden, mit dem sie später das 60-Jährige der Klasse organisierte. "Da stand ich dann an der Tür und hab` jedem ein Namensschild gegeben." Natürlich nicht, bevor die entscheidende Frage beantwortet war: "Und wer sind Sie?" Ja, sechs Jahrzehnte seien eine lange Zeit, meint Belau, die als Herta Keller geboren wurde. Mit dem Finger geht sie sämtliche Kameraden ab. Gerd Nürnberger, den Sohn der Besitzer des "Godesberger Hofs", erkennt sie sofort, und Elisabeth Rösel, die Tochter des Erlöserkirchen-Küsters. "Und das hier ist Herbert Herbst. Der kriegte die Zähne nie auseinander und nuschelte." Ein Lehrer habe ihn dazu verdonnert, einen Bleistift zwischen die Zähne zu stecken.

Das daneben sei Erich Dinius, dessen Vater ihrem Vater die Anzüge schneiderte. "Und hier, Goldi Koch, der danach Lehrer am Pädagogium wurde. Goldi deshalb, weil er ebenfalls fussig war", lacht Belau. Riesig freut sie sich, als sie jetzt an der Wand genau die Schattenrisse von Märchenfiguren entdeckt, die auch ihr damaliges Klassenzimmer schmückten, wie es das Foto bestätigt. Traurig sei, dass von den 56 Kindern heute nur noch drei lebten. "Einer ist in Leverkusen. Die andere hier. Sie ist aber leider sehr krank." Und schließlich kommen noch beklemmende Erinnerungen an jüdische Kinder ihrer Klasse. An Heinz Julich zum Beispiel, dem 1938 noch die Flucht in die USA gelang. Und an Adolf Adler, der als Jude vom Pädagogium runter in die Bachschule musste und ebenfalls floh. "Den habe ich 1945 wiedergesehen", sagt Belau leise. Als amerikanischen Besatzungssoldaten, der die Deutschen wild verfluchte. "Ich konnte ihn aber verstehen", fügt Belau hinzu. Mutter und Schwester waren dem ehemaligen Bachschüler im Konzentrationslager bei Minsk bestialisch ermordet worden. Vor der Alten Bahnhofstraße 22 erinnern heute zwei Stolpersteine an die Mitbürgerinnen Rosalie und Ruth Adler.