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Teil 2: Die Godesberger Innenstadt: Zwischen Tristesse und Aufbruch

Teil 2: Die Godesberger Innenstadt : Zwischen Tristesse und Aufbruch

Das Stadthaus - hässlich. Im Bonner Loch - Penner. Die Godesberger Innenstadt - Bausünden und Leerstand. Dieses Mantra, immer wiederholt, brennt sich ein. "Über viele Bauprojekte der 70er Jahre wird nur schlecht geredet. Das verselbstständigt sich irgendwann", sagt Kunsthistoriker Martin Bredenbeck.

Bei Führungen der "Werkstatt Baukultur" erklärt er den Teilnehmern Architektur, wie Gottfried Böhms Altstadtcenter. Man müsse diese Gebäude "als Kind ihrer Zeit" akzeptieren und schätzen lernen. "Das kann man niemandem verordnen, aber man kann sich die Dinge in Ruhe ansehen, ihre Qualitäten entdecken und ein positiveres Verhältnis gewinnen", findet der Kunsthistoriker.

Manchen Godesbergern fällt das schwer, und tatsächlich hat auch nicht alles, was seit Abrissbeginn 1964 an die Stelle von Alt-Godesberg getreten ist, Qualität. Gerade an den Rändern der Innenstadt, wo der Durchgangsverkehr fließt und die Läden klein und versteckt liegen, gibt es Verfall und Leerstand. Wer aber am frisch sanierten Hansa-Haus startet und über die Hauptachse der Fußgängerzone von der Alten Bahnhofstraße bis zur Fronhofer-Galeria flaniert, findet gerade mal ein ehemaliges Wäschegeschäft ungenutzt.

Auch am Michaelshof sind Schaufenster leer, aber umbaubedingt. Hier hängen bereits Ansichten davon, wie der große Komplex neben den Kammerspielen nach seiner Sanierung (veranschlagt sind 15 bis 20 Millionen Euro) aussehen soll: Wohnungen mit bodentiefen Fenstern, eleganten Markisen und Balkonen. Vor zwei Wochen ist Unternehmer Lutz Runkel als neuer Eigentümer an die Öffentlichkeit getreten und hat seine Pläne vorgestellt.

Die bevorstehende Investition wird auch in der Nachbarschaft aufmerksam registriert. Hier saniert die FFIRE Immobilienverwaltung AG aus Berlin zurzeit das Altstadtcenter. Laut Geschäftsführer Peter Brockhaus wird eine etwas höhere Summe als die veranschlagten 35 Millionen Euro nach Bad Godesberg fließen. Der Umbau dauert voraussichtlich bis März 2016. "Richtig schön wird alles erst, wenn die neuen Wohnungen mit den Gärten fertig sind", kündigt Brockhaus an.

Das Architekturbüro Böhm plane außerdem gerade die Erweiterung der Restaurantterrasse am "Valtellina". "Solche Quartiere können sich radikal zum Positiven verändern", sagt Brockhaus. Die negative Haltung vieler Godesberger kann er nachvollziehen, eine ganze Generation habe das Siechtum erlebt. "Wenn ich die Sanierung abgeschlossen habe, wird kein Quadratmeter des Gebäudes mehr leerstehen."

Selbst solch positive Nachrichten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die "Altstadtsanierung" Narben in der Stadt und auf der Seele viele Bewohner hinterlassen hat. Der Bau des Altstadtcenters war dabei eine der umstrittensten und zugleich für die Zeit typischsten Maßnahmen, sagt Martin Bredenbeck. "Die Idee, man könnte eine Altstadt planen, ist aus den 70ern." Als das Gebäude fertig war, war es eigentlich schon wieder überholt. "Die echten, historischen Altstädte sind wieder in Mode gekommen", sagt Bredenbeck. Die Phase sei aber wichtig gewesen, um das Verhältnis zu Altbauten zu bestimmen. Heute hat historische Substanz eine ganz andere Lobby.

"Die Godesberger Innenstadt ist nun mal so, wie sie ist. Es ist nicht alles negativ", sagt Wilfried Rometsch. Der pensionierte Volkswirt hat sich viel mit der Godesberger Geschichte beschäftigt und darüber auch ein Buch geschrieben. Er erinnert daran, dass die Architektur des Altstadtcenters einen Grund hatte. Sie sollte gemäß Ausschreibung eine Verbindung zur Godesburg schaffen, was allerdings misslungen und "völlig unhistorisch" sei. Im Wesen einer Burg liegt, dass sie nicht so einfach einzunehmen ist. Dass Leute aus der Innenstadt mal eben hoch schlendern, um die traumhafte Aussicht zu genießen, ist eher die Ausnahme. Was auf der Godesburg zieht, sind Veranstaltungen.

Hätte man Alt-Godesberg besser erhalten, statt das zu vollenden, was die Bomben des Zweiten Weltkriegs nicht geschafft haben? "Die Altstadt, so wie sie war, bestimmt nicht. Vielleicht einen Straßenzug unter gründlicher Sanierung und Renovierung", sagt Rometsch. Man hätte aber besser auswählen müssen, bevor der Kahlschlag begann. Wenn er im Archiv die Akten zur "Altstadtsanierung" wälzt, fehlt ihm das Konzept. Das gelte auch für die Einzelhandelspolitik. "Die Entwicklung der Godesberger Innenstadt ist ein Produkt der Eingemeindung nach Bonn", sagt Rometsch. "Es kümmert sich ja keiner mehr um Godesberg."

Vorzeige-Leerstand ist seit 1997 "Möbel Franz" an der Burgstraße, ein Betongerippe mit riesigen ehemaligen Verkaufsflächen hinter den folienverhängten Fensteröffnungen. Ein Abriss kam nie in Betracht, denn das Möbelhaus ist zugleich Fundament für eine Reihe von Wohnungen am Hang unterhalb der Godesburg. Es soll selbst zu Wohnungen umgebaut werden, doch seit dem Baubeginn 2012 geht es nur schleppend voran. "Demnächst wird wieder ein Gerüst aufgebaut, die Fenster sind bestellt", kündigte Immobilienmakler Norbert Lange gestern an, der das Objekt vermarktet.

Für die Innenstädte der Nachkriegszeit waren große Kaufhäuser wichtig. Vor diesem Hintergrund würde Martin Bredenbeck auch "Möbel Franz" nicht als Bausünde bezeichnen. "Es hatte eine Präsentationsfläche zur Straße hin mit viel Glas. Für seine Zeit war es perfekt. Die Frage ist nur: Was macht man heute daraus?" Diese Frage stellt sich auch für die Arcadia-Passage. Eigentümer Fahim Wahisi hat im vergangenen Jahr Pläne bekanntgegeben, die Ladenlokale zu einer großen Fläche zusammenzufassen, die dann auch besser zu vermieten wäre.

Manches braucht Zeit. Die Fronhofer Galeria, 2004 eröffnet, erinnert nicht mehr an die Hertie-Ruine, die während ihres Leerstands den gespenstischen Rahmen für das Theaterprojekt "Hotel Europa" bot. Damit dem benachbarten Stadttheater nicht ähnliches droht, muss auch für die Kammerspiele eine dauerhafte Zukunft oder neue Nutzung her.

"Eine Stadt muss überlegen, welches Image sie will und das flächendeckend erlebbar machen", sagt Martin Bredenbeck. Warum sollte das für die Godesberger Innenstadt neben Villenarchitektur und Kurfürstenzeit nicht auch die "gediegene Moderne" der 50er und 60 Jahre sein? Laut Bredenbeck "ein ehrenvoller Abschnitt der Bonner Geschichte". An keinem anderen Ort kann man sie so kompakt erleben wie rund um den Theaterplatz. Stichwort demografischer Wandel: Beim Trend zum barrierefreien, innerstädtischen Wohnen machen aktuell die Investoren vor, wie es geht. Von der Altstadt zur Stadt der Alten? Der Wandel geht weiter.

[GA-Serie Gegensätze]