1. Bonn

Berlin, Hamburg, Sankt Blasien, Hildesheim, Göttingen

Berlin, Hamburg, Sankt Blasien, Hildesheim, Göttingen

Die Liste der Orte, an denen es zu Übergriffen von kirchlichen Mitarbeitern gekommen ist, wird immer länger - Bischof Trelle geht in die Offensive

Bonn. Von den deutschen Bischöfen ist der Kölner Kardinal Joachim Meisner sicherlich einer, der besonders nah dran ist am Vatikan. Im Gespräch mit dem General-Anzeiger berichtete Meisner jüngst, wie sehr Benedikt XVI. die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche Irlands belasteten.

"Was dem Papst wirklich das Herz bluten lässt, das ist die Situation in Irland. Dass Bischöfe, um das Image der Kirche zu erhalten, den Missbrauch von Kindern vertuschen, das macht den Papst vor Schmerz stumm."

So weit ist es, bisher jedenfalls, in Deutschland nicht gekommen, doch die Diskussion um die Vorgänge im Berliner Canisius-Kolleg, der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule, und seit Donnerstag auch um das Godesberger Aloisiuskolleg machen deutlich: Auch in Deutschland wird das bisher eher verschwiegene Thema Missbrauch in katholischen Einrichtungen zu einem Problem für die Kirche.

So befürchtet der Vorsitzende der Jugend-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, der Osnabrücker Oberhirte Franz-Josef Bode einen gewaltigen Vertrauensverlust für die katholische Kirche. Sie habe in der Vergangenheit Fehler im Umgang mit Geistlichen gemacht, die sexuell auffällig geworden seien.

Dabei gibt es seit 2002 Leitlinien zum Umgang mit Fällen von Kindesmissbrauch durch Geistliche, die von den Bischöfen verabschiedet wurden. Demnach sind alle kirchlichen Mitarbeiter verpflichtet, Verdachtsfälle an einen Beauftragten weiterzuleiten. Dieser nimmt Kontakt zu dem mutmaßlichen Opfer auf.

"Die Fürsorge der Kirche gilt zuerst dem Opfer", heißt es in den Leitlinien. Die Täter sollen eine Kirchenstrafe erhalten, in schweren Fällen sogar aus dem Klerikerstand entlassen werden. Sie dürfen nie mehr "in Bereichen eingesetzt werden, die sie mit Kindern und Jugendlichen in Verbindung bringen." Ob diese Leitlinien in der Praxis immer angewandt werden, ist fraglich.

Die katholische Bischofskonferenz wird sich bei ihrer Frühjahrsvollversammlung Ende des Monats in Freiburg mit der Frage beschäftigen. Die Bischöfe würden dann zum Missbrauchsskandal an Schulen und Einrichtungen des Jesuiten-Ordens öffentlich Stellung nehmen, hieß es gestern.

Auslöser für die neue Missbrauchs-Diskussion war, dass der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, nach jahrelanger interner Recherche in der vorigen Woche die Öffentlichkeit gesucht und über Missbrauchsfälle in seiner Schule in den 70er und 80er Jahren berichtet hatte. Inzwischen teilten ehemalige Schüler mit, dass es auch schon in den 60er Jahren dort Übergriffe gegeben haben soll.

Mertes, der aus Bonn stammt und in den 60er und 70er Jahren ebenfalls das Aloisiuskolleg besucht hat, sprach in Bezug auf den Fall in Berlin von "tiefem Entsetzen über die Untaten von ehemaliger Patres", dem "Versagen der Ordensleitung" und dem "Wegschauen der Verantwortlichen". Er verband dies mit grundsätzlicher Kritik an der Kirche. Homosexualität werde verschwiegen, Kleriker mit dieser Neigung seien unsicher, ob sie bei einem ehrlichen Umgang mit ihrer Sexualität noch akzeptiert würden. In einem Interview sagte er: "Ich hoffe, dass sich die Kirche mit der Moderne und der Freiheit versöhnt."

Insgesamt liegt die Anzahl von Missbrauchsopfern inzwischen bei mehr als 30. Nach den Vorgängen von Berlin kamen weitere Taten von drei Patres in Hamburg, Hildesheim, Göttingen, Hannover und Sankt Blasien im Schwarzwald ans Licht. Ein Anwalt von Opfern am Canisius-Kolleg kündigte gestern an, er werde eine Sammelklage gegen den Jesuiten-Orden in den USA prüfen.

Das Bistum Hildesheim will nun offensiv Aufklärungsarbeit betreiben. Bischof Norbert Trelle rief alle möglichen Opfer und Mitarbeiter der Kirche auf, sich zu Vorfällen in der Vergangenheit zu melden. Trelles Bestreben: Künftig soll nichts mehr vertuscht werden.

Die Missbrauchsvorwürfe erinnern zudem an die Skandale in anderen konfessionellen Einrichtungen nicht nur in Irland, sondern auch in Österreich und den USA, wo die katholische Kirche vor einigen Jahren von einer Serie von Pädophilen-Skandalen erschüttert wurde und damit viel von ihrer Glaubwürdigkeit eingebüßt hat.