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Verbrechen an Zwangsarbeitern: Bonner Gestapo-Chef lebte unbehelligt bis 1969

Verbrechen an Zwangsarbeitern : Bonner Gestapo-Chef lebte unbehelligt bis 1969

Unter entwürdigenden Bedingungen mussten Zwangsarbeiter bis 1945 in Bonn leben. Mitverantwortlich war dafür auch der Chef der Bonner Gestapo Walter Proll. Er wurde dafür nie zur Rechenschaft gezogen.

Auf den Artikel über die entwürdigenden Umstände, unter denen polnische und sowjetische Zwangsarbeiter bis 1945 in Bonn leben mussten, haben zahlreiche Leser mit Bestürzung reagiert. „Unbegreiflich. Das ist nur ein paar Jahrzehnte her. Vielleicht haben ja auch unsere Vorfahren diese Menschen mit Steinen beworfen?“, heißt es bei Facebook. „Unsere Verantwortung ist, das nie wieder passieren zu lassen“, notieren andere. Zeitzeuge Hans Egert, 95, meldet sich telefonisch. Er habe damals gesehen, wie junge Polen, die nach Razzien Richtung Deutschland geschafft wurden, „wie Vieh“ aus Waggons ausgeladen und dann „ausgenutzt, geschunden und gequält“ wurden.

Bruno Hartung berichtet, dass einige Beueler den Verschleppten aber auch halfen. Seine Mutter habe ihn als Kind den Zwangsarbeitern heimlich Brot und Essen durchs Kellerfenster zustecken lassen. Und die Männer hätten sich dann bei ihm mit selbst geschnitztem Spielzeug als Dankeschön revanchiert. Lilo Patt-Krahe wiederum erzählt, ihre Mutter habe bis zum Tod nicht vergessen können, wie „diese armen Menschen“, also die im Artikel genannten Polen Felix Garbarek und Ceslaw Worech, 1941 von der Gestapo die Clemensstraße entlang zum Galgen am Finkenberg getrieben wurden. „Alle wussten, was passierte“, so Gertrud Patt. Und alle hätten gewusst, dass die „Straftat“ der Männer eben nur darin bestand, einheimische Frauen zu lieben.

Im Fall des dritten, dann 1944 am Finkenberg gehängten Mannes war die Sachlage komplizierter. Klaus Rick, ein ehemaliger Leiter der Wirtschaftsverwaltung der Justizvollzugsanstalt Bonn, mailte dem GA die Gefangenenkarteikarte dieses Tichon Sobcuk zu. Danach galt der 20-Jährige den Behörden als ukrainischer Sowjetbürger. „Dauernde Fesselung ist angeordnet“ stand vermerkt. Und Sobcuk hatte offenbar nicht wie die anderen wegen „Verkehrs mit einem deutschen Mädel“ eingesessen, sondern wegen „Mordes“. Der GA fragt bei Bonns früherem Stadtarchivar Manfred van Rey nach, der in seinem neuen Buch „Bonn in bitteren Zeiten“ über die Hinrichtungen berichtet und die damals Verantwortlichen erstmals nennt.

Tichon Sobcuk habe, als er in Ersdorf auf dem Feld hatte arbeiten müssen, dem dortigen Landwirt mit einem Meißel die Augen ausgestochen, recherchiert nun van Rey. Gefunden hat er den Verweis in Julia Hildts Zwangsarbeiter-Studie „Schlagen gut ein und leisten Befriedigendes“. Der Grund: Der Landwirt sei ihm gegenüber wohl sexuell zudringlich geworden und der 20-Jährige habe sich gewehrt. „Es war also rechtlich auf keinen Fall Mord“, sagt van Rey. Von einem Gerichtsverfahren stehe jedoch nichts in der Gefangenenkartei, weiß wiederum Klaus Rick. „Der Justiz waren damals die Hände gebunden. Sie hat geschwiegen. Bestimmt hat nur die Gestapo.“ Und deren Chef sei in Bonn von 1939 bis 1944 Walter Proll gewesen, ergänzt van Rey.

Auf die Frage von GA-Leser Roland Staubach, ob Proll denn zur Rechenschaft gezogen wurde, verweist van Rey auf die Recherche von Horst Bothien („Das braune Bonn“): Wenige Tage vor der Einnahme Bonns durch die Amerikaner seien sämtliche Akten verbrannt worden. So sei Walter Proll nach 1945 im sogenannten Entnazifizierungsverfahren von sämtlichen Beschuldigungen freigesprochen worden. Er habe weiter sein „Ruhegehalt“ erhalten. Mitte bis Ende der 1960er Jahre habe die Staatsanwaltschaft Bonn dann doch im Fall Sobcuk gegen ihn wegen des Verdachts auf Beihilfe zum Mord ermittelt. „Das Verfahren wurde jedoch eingestellt. Proll starb 1969“, so van Rey.

Einmal jedoch sei des jungen Ukrainers, der sich gegen sexuellen Missbrauch gewehrt hatte, doch noch einmal besonders gedacht worden. Ein Besucher der Begegnungswoche der Stadt Bonn 2005 mit überlebenden Zwangsarbeitern habe sich auf dem Finkenberg plötzlich als Zeuge der Erhängung geoutet. Van Rey: „Dieser Alexej hatte 1944 die Leiche von Tichon Sobcuk vom Galgen abnehmen müssen.“