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Brotfabrik in Beuel - Was macht ein Ausstellungs-Kurator?

Kultur in Bonn : Was macht ein Ausstellungs-Kurator in der Brotfabrik in Beuel?

Rüdiger Ruß ist gekommen, um zu bleiben: Seit 1993 unterstützt er das Team der Brotfabrik in Bonn - als Ausstellungs-Kurator vor. Wer ist der Mann und was treibt ihn an?

Nach Bonn kam Rüdiger Ruß im Herbst 1993 wegen der Brotfabrik. „So unglaublich es klingen mag, ich hörte im oberschwäbischen Ravensburg von der Bonner Brotfabrik“, erinnert er sich. Seit 27 Jahren engagiert er sich nun im Team. Denn auch nach seiner gesundheitsbedingten Frühpensionierung Anfang 2017 führt Ruß noch regelmäßig Filme vor. „Einmal in der Woche bin ich dran“, sagt er. „Ich bleibe dem Kino ehrenamtlich verbunden und helfe, wenn Not am Mann ist.“

Der „Schuldige“, der Ruß sozusagen nach Bonn holte, war Stefan Drößler, der in Weingarten gastierte. Drößler, muss man wissen, war Mitbegründer des Bonner Sommerkinos, Direktor der Bonner Kinemathek und des Brotfabrik-Kinos in Beuel sowie Kurator der Bonner Stummfilmtage. „Bei Besuchen in Bonn lernten wir, nämlich die Brotfabrik und ich, uns kennen, und ich wurde schlichtweg angefragt und angestellt“, sagt Ruß und blickt schmunzelnd zurück.

Sein kulturelles Interesse fing bereits früh an. Zu seiner Schulzeit im Gymnasium war er bereits eine Art Kulturreferent und gestaltete das Filmprogramm seiner Schule. Außerdem arbeitete er an der Schülerzeitung seiner Schule mit.

Ruß erinnert sich auch noch da-
ran, dass er mit seiner Schulklasse zu Generalproben ins nahe gelegene Stuttgart fuhr, um für kleines Geld beispielsweise Musik zu hören. „Das war für mich der Zugang zur klassischen Musik, die ich von meinem Elternhaus her nicht kannte“, erzählt er. Nach seiner Schulzeit, die mit einem Rausschmiss endete, war er sehr engagiert im Jugendhaus in Ravensburg, wo er drei Jahre lang das Film- und Theaterprogramm machte.

Kulturell entfalten konnte sich Ruß in der Brotfabrik. Anfangs war er für die PR zuständig, machte das Info-Büro und war nebenbei auch noch Hausmeister. Außerdem engagierte er sich auch gleich bei den Stummfilmtagen. Im Laufe der Jahre wurde er im Kino zum technischen Leiter berufen. Dazu gehörte nicht nur das Kino in der Brotfabrik, sondern auch die Technik der Stummfilmtage, die Vorführungen im Haus der Geschichte, beim Landschaftsverband Rheinland, im Augustinum und in der Bundeskunsthalle. Doch die Programmauswahl war nicht Teil seiner Arbeit. „Auch die Filmvorführung gehörte nicht zu meinen Aufgaben, wiewohl ich das auch gemacht habe“, berichtet Ruß.

Doch für die vielen Orte, an denen gespielt wurde, da hatte Ruß genug zu tun, um sicherzustellen, dass alles technisch funktioniert. Dass Filme reißen, was vorkommen kann, ist heutzutage weitestgehend ausgeschlossen, denn „wir sind inzwischen digital und führen Filme hauptsächlich im DCP-Format vor.“ Das „Digital Cinema Package“ (DCP), ein Containerformat für Bilder, Ton und Daten, hat auch in der Brotfabrik den 35-Millimeter-Film abgelöst. „Aber wir haben noch Projektoren für 35 und 16 Millimeter, sogar für Super-8-Filme sowie einen Vorführraum mit Platz für alle Projektoren“, verrät Ruß. „Und als Kinemathek haben wir ein großes Archiv von Filmen in diesen Formaten, sodass wir von manchen Filmen auch die Originale aus der Filmgeschichte zeigen können.“

Und seit es die Brotfabrik gibt, gibt es in Zusammenarbeit mit der Einrichtung auch Ausstellungen. „Nur war das irgendwann verflacht“, erinnert sich Ruß. Nach einigem Hin und Her, auch weil kein Kurator gefunden worden sei, habe sich Ruß bereiterklärt, sich nach der Frühverrentung als Kurator um die Ausstellungen der Brotfabrik zu kümmern. Ausstellungen im Foyer bleiben üblicherweise sechs Wochen hängen. Dann gibt es eine Woche Umbauzeit und die nächste Ausstellung kann eröffnet werden.

Seit Anfang 2019 finden auch Ausstellungen in der Kulturkneipe statt, die alle drei Monate wechseln. „Das Interesse der Künstler ist so groß, dass wir eine Vorlaufzeit von zwei Jahren haben“, sagt Ruß und blickt dabei auf die Zeit vor Corona. Mal kämen Künstler auf ihn zu, mal finde er sie, wie beispielsweise beim Tag der offenen Ateliers. „Unser Foyer ist doch die optimale Galerie“, sagt Ruß. „An einem normalen Abend – außerhalb von Corona – gehen 400 bis 500 Besucher durch das Foyer ins Kino, Theater oder in die Kulturkneipe. Und die Besucher haben per se schon eine Kunstaffinität. Das finden Sie in keiner Galerie.“

In Bonn gebe es viele Künstler, doch man sehe viel zu wenig von ihnen. „Manche stellen in Hamburg, München oder Zürich aus, aber man sieht nichts von denen in Bonn.“ Deshalb lautet seine Devise: Er zeigt in Bonn ausschließlich Bonner Künstler. Nur müssen diese erst einmal am Ruß’schen Kunsturteil vorbeikommen. Wer das aber geschafft hat, hat gute Chancen, auch Bilder zu verkaufen. Und dabei nichts für den Platz in der Galerie bezahlen zu müssen.

Und dann verrät Ruß mit einem Augenzwinkern, was ihn seit fast drei Jahrzehnten mit spürbarer Begeisterung im Team der Brotfabrik hält: „Alle paar Jahre gehe ich in mich, ob das noch stimmt, was ich hier tue. Und bisher habe ich das immer für okay befunden.“