Ausbildungsbörse „Berufsstart 2022/23“ Chancen auf einen Ausbildungsplatz so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr

Beuel · Am Montag startet die Berufsorientierungsmesse „Berufsstart 2022/23“. Sie richtet sich an alle, die eine duale Ausbildung fokussieren. Der GA hat im Vorfeld mit einem der Beueler Aussteller über die Herausforderungen des Ausbildungsmarktes gesprochen: der Firmengruppe Auto Thomas.

 Im August schließt Angelika Roleber ihre Ausbildung in der Firmengruppe Auto Thomas ab. Martin Hinz und Florian Maacks (rechts) verhandeln momentan, welche Möglichkeiten es für die 21-Jährige gibt, im Unternehmen zu bleiben.

Im August schließt Angelika Roleber ihre Ausbildung in der Firmengruppe Auto Thomas ab. Martin Hinz und Florian Maacks (rechts) verhandeln momentan, welche Möglichkeiten es für die 21-Jährige gibt, im Unternehmen zu bleiben.

Foto: Benjamin Westhoff

„Würden wir nicht ausbilden, könnten wir nicht bestehen“, sagt Florian Maacks. Er ist Prokurist und Leiter der Abteilung für Personal und Recht der Firmengruppe Auto Thomas. Seine Zentrale hat das rund 650 Köpfe starke Unternehmen in Ramersdorf auf der Königswinterer Straße, dazu kommen sieben weitere Standorte in Bonn und dem Umland. „Jedes Jahr haben wir zwischen 80 und 100 Auszubildende – verteilt auf drei Jahrgänge. Das ist enorm wichtig für uns“, ergänzt er.

In Kooperation mit verschiedenen Berufskollegs, darunter das Friedrich-List-Berufskolleg in Bonn und das Joseph-DuMont-Berufskolleg in Köln, werden die Nachwuchsfachkräfte bei Auto Thomas in acht verschiedenen Berufen angelernt, darunter Bürokaufleute, Marketingfachleute, Automobilkaufleute und Kfz-Mechatronikerinnen und Mechatroniker.

Von den 20 bis 40 Azubis, die jedes Jahr ihre Ausbildung abschließen, würden 70 bis 80 Prozent im Unternehmen bleiben: „Wir versuchen alle, die bleiben wollen und die entsprechenden Qualifikationen dazu haben, zu übernehmen“, so Maacks. Doch das möchte nicht jeder. So seien zunehmend auch Abiturienten unter den Bewerbern für einen Ausbildungsplatz. Sie verlassen das Unternehmen nach dem Abschluss häufig wieder, meist, um zu studieren.

Eine, die bleiben möchte, ist die 21-jährige Angelika Roleber aus Hennef, die gerade im dritten Ausbildungsjahr zur Kauffrau für Büromanagement ist und Station in der Personalabteilung macht. „Ich hatte schon immer ein Faible für die Automobilbranche, nicht unbedingt für den technischen Part, aber für das, was dahintersteht“, sagt sie. Nach dem Abitur wollte sie bewusst kein Studium beginnen: „Ich habe schon in der Schule gemerkt, dass mir das strikt Theoretische nicht liegt, sondern ich einen großen Praxisanteil brauche.“

Bei ihrer Ausbildung im Autohaus habe sie diesen gefunden und ist für das Unternehmen eine echte Trophäe: mit Abitur in der Tasche und begeistert, von dem, was sie macht. „Es ist für uns sehr wichtig, dass die Azubis Lust auf das haben, was sie machen. Der Notendurchschnitt an der Schule ist zweitrangig. Vielmehr zählen Engagement und Willen“, sagt Maacks. Bislang habe sein Unternehmen alle freien Azubistellen besetzen können. Dennoch merkt er, dass die Bewerberzahlen zurückgehen: „Sowohl was die Anzahl auch die Qualität betrifft.“

Hohe Dynamik auf dem Ausbildungsmarkt

Das bestätigt auch Elline Köckritz von der Agentur für Arbeit Bonn: „In den vergangenen Jahren können wir auf dem Ausbildungsmarkt eine Wendung hin zu einem Bewerbermarkt beobachten. Die Corona-Virus-Pandemie hat diese Trendumkehr beschleunigt.“ Obwohl mit validen Zahlen erst mit der Halbjahresbilanz zum Ausbildungsmarkt Ende März zu rechnen sei, zeige sich schon jetzt, dass es mehr offene Stellen als Bewerber gebe. „Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind für Bewerberinnen und Bewerber aktuell so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Gleichzeitig wird es für Unternehmen und Betriebe schwieriger, Ausbildungsstellen zu besetzen.“

Nach Angaben der Agentur für Arbeit seien zudem vielfältige Entwicklungen bis hin zu alternativen Ausbildungswegen bei den Schülerinnen und Schülern zu beobachten. „Viele entscheiden sich beispielsweise dafür, die Schule noch länger zu besuchen, und/oder für ein freiwilliges soziales Jahr. Hier zeichnet sich der Trend ab, die Entscheidung über den zukünftigen Berufsweg weiter hinauszuzögern“, so die Expertin.

Konstant geblieben ist jedoch die Top Ten der nachgefragten Berufe, darunter die klassischen Ausbildungsberufe im Büro und Einzelhandel, die oft überlaufen sind. Köckritz rät deshalb, bei der Berufsorientierung auch Ausbildungen eine Chance zu geben, die vielleicht nicht die erste Wahl sind oder ähnliche Ausbildungsinhalte enthalten und zum gleichen Berufsziel führen. „Ein Praktikum eignet sich hervorragend, um einen Ausbildungsberuf kennenzulernen und herauszufinden, ob die eigenen Stärken zur Ausbildung passen.“

Der Fachkräftemangel und die Akademisierung seien dennoch Umstände, die viele mittelständische Unternehmen momentan vor eine große Herausforderung stellen würden. Auch in der Firmengruppe Thomas. Maacks sieht die Unternehmen selbst in der Verantwortung, Fachkräfte zu werben und auszubilden. Das hat auch einen Vorteil, sagt er: „Man weiß, was man hat, und hat es selber in der Hand.“ Dies bedürfe jedoch einer gewissen Kreativität, um auf sich aufmerksam zu machen. Über Social Media versucht die Firmengruppe gezielt junge Leute anzusprechen, außerdem bietet sie Ausbildungsspeeddatings. Hinzu kommen Kooperationen mit Schulen für das Angebot von Praktika. Sogar eine Kindergartengruppe war jüngst zu Besuch im Autohaus. Maacks sagt mit einem Schmunzeln: „Wir müssen früh von uns begeistern.“

Auf sich aufmerksam machen

Ein weiterer Weg ist die Teilnahme an Karrieretagen und Berufsmessen wie am kommenden Montag und Dienstag im Brückenforum. In Kooperation mit der Industrie- und Handelskammer sowie der Kreishandwerkerschaft Bonn/Rhein-Sieg hat die Agentur für Arbeit Bonn/Rhein-Sieg Unternehmen aus der Region zur Ausbildungsbörse „Berufsstart 2022/23“ eingeladen. In den Vorjahren, vor der Pandemie, waren rund 120 Aussteller vor Ort, die sich den Schülern vorgestellt haben.

Auch die Firmengruppe Auto Thomas ist seit vielen Jahren mit dabei. Zwei Ausbildungsbotschafter sollen dort mit den jungen Interessierten ins Gespräch kommen. „Sie sollen helfen, die Hürden der Schüler zu dämmen, einfach mal nachzufragen“, sagt Maacks. Bei Interesse nehme er gern auch Lebensläufe an. „Der Austausch ist sehr wichtig. Dazu gibt heute nicht viele Möglichkeiten“, ergänzt sein Kollege Martin Hinz, der ebenfalls mit vor Ort sein wird.

Dennoch: unumgänglich bleibe neben dem eigenen Marketing die Mundpropaganda, bei der zum Beispiel auch Kunden der Autohäuser anderen von den Ausbildungsmöglichkeiten erzählen. So war es auch bei Angelika Roleber. Über Kontakte ihrer Familie erfuhr sie von der freien Ausbildungsstelle. Um August wird sie nun mit ihrer Ausbildung fertig, vorher stehen jedoch noch die mündlichen Prüfungen im Juni an. „Momentan gibt es erste Gespräche zur Übernahme“, verrät die 21-Jährige. „Eine feste Stelle in der Personalabteilung wäre schon toll.“ Die Chancen dafür scheinen nicht allzu schlecht zu stehen.