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Das Leben der Juden in Beuel während der Nazi-Zeit

Neues Buch „zur dunklen Geschichte“ : So war das Leben der Beueler Juden im Nationalsozialismus

Susanne Rohde hat ein „Lesebuch zur dunklen Geschichte“ Beuels geschrieben. Eines der erzählten Holocaust-Schicksale ist das des kleinen Micha Sternschein.

Der kleine Junge mit dem großen Teddy lacht strahlend in die Kamera. Seine Großeltern, das Beueler Metzgerpaar Rosa und Moritz Schubach, hatten ihren 1933 geborenen Enkel Horst Michael Sternschein hübsch zurechtgemacht. Vielleicht war das Foto für Michas Eltern in der Ferne bestimmt. Die Schubach-Tochter Edith und ihr Mann Julius waren nämlich seit 1935 vor den Nazis auf der Flucht: erst nach Barcelona und Paris und schließlich nach Zagreb.

Als überzeugte Sozialisten und als Juden waren sie der Verfolgung des Terrorregimes ausgesetzt. Noch wähnten sie den kleinen Micha in Beuel in Sicherheit. Obwohl dem Jungen auf den Straßen immer rassistischere Lieder entgegenschallten: „Jüd! Jüd! Jüd! Hepp! Hepp! Hepp! Hätt` `ne Nas` wie `n Wasserschepp!“, sangen Nachbarskinder erbarmungslos. Großmutter Rosa Schubach wagte ihren Micha bald nur noch mit einem „Schutzengel“, dem größeren Mädchen Ruth Hohn, zum Spielen zu schicken.

All das hat Susanne Rohde für ihr neuestes Buch „Sie waren in Beuel zu Hause“ recherchiert, das sie im Untertitel ein „Lesebuch zur dunklen Geschichte“ nennt. Rohde widmet sich darin dem Schicksal aller Beueler Familien jüdischer Herkunft, die mit der Machtergreifung der Nazis der Verfolgung und Vernichtung ausgesetzt waren. Die Mitbürger, über die sie als Beuelerin hier berichte, habe sie, Jahrgang 1948, nie treffen können. Sie seien während der Naziherrschaft erst aus den Straßen und dann aber auch aus dem Bewusstsein der Nachbarn verschwunden, erklärt Rohde, die als Grundschullehrerin arbeitete. Bekannt ist sie durch ihr Engagement in der „Beueler Initiative gegen Fremdenhass“ geworden.

Buch soll ein Denkmal setzen

Mit ihrem Buch will Rohde denjenigen, die fehlen, ein Denkmal setzen und dem heutigen Wiedererstarken von Rassismus und Ausgrenzung von Minderheiten entgegentreten. So wie das für viele Holocaust-Opfer an ihren ehemaligen Wohnhäusern im Trottoir die Stolpersteine des Gedenkprojekts von Gunter Demnig tun. Rohde bildet sie in ihrem Buch ab und erzählt die Vorgeschichte: die Zerstörung jüdischer Geschäfte und Wohnungen ab 1936 sowie die Brandstiftung der Synagoge am hellichten Tag 1938.

Die mussten hier gar nicht einmal herangeschaffte SA-Männer erledigen: In Beuel zündeten unter dem Beigeordneten Otto Klamp gleich Ortsansässige selbst das Gotteshaus an. Rohde schildert schließlich die Gefangennahmen und Verschleppungen. Die gesamte jüdische Gemeinde auch rechts des Rheins sollte ausgelöscht werden. Und auch den Schubachs und Sternscheins ging es ans Leben.

Der kleine Micha war 1939 noch in die erste Klasse der jüdischen Schule geschickt worden, die sich dort befand, wo heute das Juridicum steht. Jeden Tag setzte der Sechsjährige also brav mit 20 Pfennig für die Hin- und Rückfahrt mit der Bonner Fähre über den Rhein, um Schreiben zu lernen, hat Rohde recherchiert. Im Sommer 1939 habe ihn aber ein Freund der Familie bei den Schubachs abgeholt: Michas Eltern sahen ihren Sohn längst ebenfalls in Lebensgefahr und ließen ihn zu sich nach Zagreb schmuggeln. Im Zug habe ihm der Helfer Wein eingeflößt: „Trink, Kleiner, damit du fest schläfst und nichts verrätst.“ 1941 sollten seine Großeltern, das rechtschaffene Fleischerehepaar von der Marienstraße, unter den ersten 800 Bonner Juden in Endenich interniert und 1942 ins polnische Transitghetto Izbica und damit in den sicheren Tod deportiert werden.

Edith und Julius Sternschein 1939 auf der Flucht in Zagreb. Foto: Kidverlag

Aber auch in Zagreb entging der Enkel der ewigen Angst vor Verfolgung nicht. 1944, als plötzlich die Warnrufe erschallten: „Die Deutschen kommen!“, konnten Edith und Julius Sternschein ihrem geliebten Jungen nur noch hinterherschreien: „Lauf, lauf“, bevor sie von Schüssen niedergestreckt wurden. „Ich war plötzlich ganz allein, ein schreckliches Gefühl für einen Zehnjährigen“, erinnerte sich der im Wald Zurückgelassene als Erwachsener. So zitiert ihn Susanne Rohde aus dem Zeitzeugen-Interview, das Horst Michael Sternschein 2008 für die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gab. „Du hast keine Eltern mehr, niemanden.“ Nach 1945 fand das Waisenkind Aufnahme in einem israelischen Kibbuz.

Genau dieser einstige Beueler Junge mit dem großen Teddy hat übrigens noch auf seine Weise Geschichte geschrieben. Rohde deutet es in ihrem Buch an. Der Mann, der sich als Erwachsener Michael Maor nannte, baute den Staat Israel mit auf – und half dem Geheimdienst Mossad, den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann der Mitschuld am Tod von Millionen Juden zu überführen: Er schmuggelte wichtige Akten aus dem Büro des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer heraus, der hier mit dem Mossad kooperierte.

Als Fotograf für die Deutsche Presseagentur in Israel begleitete Maor später die deutsch-israelischen Beziehungen mit seinem Kameraobjektiv. Einmal sei er vor seinem Tod 2019 noch ans ehemalige Großelternhaus in Beuel zurückgekehrt, schreibt Rohde. „Als Kind habe ich so viel geweint, dass ich später keine Tränen mehr übrighatte“, soll er gesagt haben.