1. Bonn
  2. Beuel

Interview: Der Beueler Pfarrer Wilfried Evertz erlebt große Unsicherheit

Interview : Der Beueler Pfarrer Wilfried Evertz erlebt große Unsicherheit

Der Geistliche spricht über Gottesdienste, Krankensalbungen und die Erstkommunion in Zeiten von Corona. Das derzeitig Engagement seiner Gemeinde macht ihn stolz.

Seit 23 Jahren steht Wilfried Evertz als Leitender Pfarrer von Beuel an der Spitze der Kirchengemeinde von Sankt Josef und Paulus und des Seelsorgebereichs An Rhein und Sieg. Die aktuelle Krise und die damit verbunden Einschränkungen stellen die Seelsorger derzeit vor bisher nicht gekannte Herausforderungen. Schließlich sind sowohl die Passionswoche als auch das Osterfest bedeutende Ereignisse im Kirchenjahr. In Zeiten ohne öffentliche Gottesdienste sind nun individuelle Lösungen gefragt. Gabriele Immenkeppel hat mit Evertz gesprochen.

Herr Evertz, Kirchen, Kapellen und Trauerhallen sind geschlossen, Gottesdienste, Andachten und Prozessionen fallen aus. Auf welchen Wegen begegnen Sie derzeit ihren Gemeindemitgliedern?

Evertz: Meine Arbeit hat sich sehr verändert. Keine Eucharistiefeiern, keine Schulgottesdienste und keine Taufen und Trauungen mehr – dafür aber deutlich mehr Telefonate, Korrespondenz via Mails, SMS oder per Apps mit den Mitgliedern des Seelsorgeteams, den Angestellten und Gremienvertretern. Aber auch eine ganze Reihe seelsorglicher Anfragen gibt es. Hinzu kommt die Betreuung der Homepage und die Gestaltung der gemeindlichen Medien mit Predigten, Gebeten und Meditationstexten. Häufig bin ich auch in der Kirche um – natürlich mit dem nötigen Schutzabstand – um Menschen zu begegnen und um zu beten.

Was bewegt die Beueler besonders?

Evertz: Für viele ist die aktuelle Situation eine echte Herausforderung. Sie sind nachdenklicher; nicht wenigen tut die Entschleunigung gut. Was trägt, was zählt wirklich? Füreinander da zu sein – das ist entscheidend. Viele in unserem Ort sind dabei sehr besorgt um die alten, kranken und alleinstehenden Menschen. Unsere Ehrenamtskoordinatorin Bianca Pohlmann bietet an, Kontakt zwischen Hilfesuchenden und Hilfebereiten herzustellen. Im Sinne der konkreten Nachbarschaftshilfe geschieht in unserem Viertel schon sehr viel.

Spüren Sie eher Angst vor einer Erkrankung oder Angst vor einer unsicheren Zukunft?

Evertz: Ich erlebe vor allem eine große Unsicherheit. Wir alle wissen nicht, was noch auf uns zukommt. Von älteren Menschen höre ich oft, dass sie traurig sind, wenn ihre Enkel sie nicht besuchen können. Und persönlich darf ich an dieser Stelle auch berichten, dass es mir schwer fällt, die 95-jährige Mutter im Heim nicht besuchen zu dürfen. Viele bangen zudem um ihren Arbeitsplatz und ihre Existenz.

Wie können Sie als Seelsorger dafür sorgen, dass in dieser Ausnahmesituation auch die Seele ausreichend ernährt wird?

Evertz: Wie bereits gesagt, über das Internet, die Wocheninformationen und Aushänge sind wir in Kontakt. Auch die täglichen Gottesdienstübertragungen, etwa des Domradios, Bibel-TV und des Stadtdekanates, sind wichtige Dienste. Gerade in schwierigen Zeiten ist ja die unsichtbare Verbindung im Gebet so wichtig! Daran erinnern auch jeden Abend um 19.30 Uhr die Glocken unserer Kirchen. Hier vor Ort sind wir Katholiken auch bei diesem Zeichen bestens ökumenisch verbunden mit unserer Beueler evangelischen Schwestergemeinde. So laden wir beim gemeinsamen Glockengeläut alle Christen dazu ein, eine stille Gebetszeit zu halten. Auch andere Zeichen der Verbundenheit sind wichtig, etwa die gesegneten Palmzweige und Osterlichter, die die Menschen aus unserer Kirche mit nach Hause nehmen können.

Die vorösterliche Zeit ist auch von Trauer und Schmerz geprägt. Wie trösten Sie Menschen, die einen geliebten Menschen verloren haben und ihn nicht angemessen bestatten lassen können?

Evertz: Ja, das ist sehr schwer. Das macht mir auch persönlich sehr zu schaffen. Keine Messfeier oder Trauerfeier für die Verstorbenen in der Kirche, nicht mal in der Trauerhalle. Nur die Beerdigung im kleinen Kreis auf dem Friedhof. Ich versuche, dann wenigstens in den Augenblicken am Grab mit meinen Worten und Gesten ganz bei den Angehörigen zu sein und ihnen Trost zu vermitteln. Nachher schreibe ich ihnen noch ein paar persönliche Zeilen. Auch biete ich ihnen natürlich an, zu einem späteren Zeitpunkt einen würdigen Gottesdienst für die verstorbenen Angehörigen zu feiern. Aber die Situation ist und bleibt zur Zeit sehr schwer für die Trauernden!

Und was ist mit der Krankensalbung in Corona-Zeiten?

Evertz: Die Krankensalbung gehört ja ganz zentral zu den wenigen Diensten, die uns als Seelsorger im Notfall auch weiterhin ausdrücklich erlaubt sind. Aber in Zeiten der Abstandsregel und der strengen Schutzvorschriften ist dieses Sakrament der Nähe besonders betroffen. Wenn wir auf die Intensivstationen unserer Krankenhäuser gerufen werden, beachten wir immer schon wichtige Hygieneregeln.

Wie sieht es mit der Erstkommunion aus? Die Familien bereiten sich schon seit Wochen auf dieses Fest vor. Findet die Erstkommunion wie geplant statt?

Evertz: Nein, das Erzbistum Köln hat zunächst einmal bis zum 3. Mai alle Erstkommunionfeiern abgesagt. Ich weiß, dass die Kinder darüber sehr traurig sind. Deshalb haben wir im Seelsorgeteam überlegt, ihnen und ihren Eltern einen Brief zu schreiben. Darin heißt es wörtlich: „Wir wissen noch nicht wann, aber wir werden Euer Fest der Erstkommunion feiern. Und das wird dann ein ganz besonders schönes und frohes Fest.“

In Krisenzeiten kommen immer auch die Stärken Einzelner hervor. Worauf sind Sie in Ihrer Gemeinde besonders stolz?

Evertz: Da gibt es viel zu berichten. Heute Morgen etwa erhielt ich eine Mail von einer Lehrerin aus unserer Gemeinde mit Gedanken und Texten, die ihre Schüler zu den Ostertagen formuliert haben. Und vor allem bin ich ganz erstaunt, wie viel den Jugendlichen die religiösen, christlichen Inhalte dieser Tage bedeuten, wie ernsthaft sie sich damit auseinandersetzen. Noch ein weiteres Beispiel. Unsere Verwaltungsleiterin und ich waren sehr dankbar für die tolle Reaktion unserer Kita-Eltern auf die angeordnete Schließung unserer sechs Einrichtungen im Seelsorgebereich. Die Eltern haben es in wenigen Stunden so organisiert, dass die eingerichteten Notdienste in den Kitas nicht überfordert waren.

Werden Gesellschaft und Gemeinden den Zusammenhalt über die Krise hinaus retten können?

Evertz: Ja, davon bin ich fest überzeugt! Die Tage traf ich beim Einkaufen vor dem Supermarkt einen jungen Mann aus unserer Messdiener-Leiterrunde. Ich sagte zu ihm: „Ist doch richtig traurig, dass wir keine Gottesdienste feiern können.“ Und er antwortete: „Ja, aber ich glaube, dass die Gemeindemitglieder sich sehr auf den Tag freuen, wenn wir uns wieder in unserer Josefskirche zum Gottesdienst versammeln können!“ So sehe ich es auch! Und vielleicht gibt es ja am Anfang sogar einen richtigen Schub, dass sich nach dieser langen Zeit auch Menschen neu ansprechen lassen, zum Gottesdienst in die Kirche zu kommen.