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Netzwerk Nebenan.de: Ein Klick – und der Nachbar hilft

Netzwerk Nebenan.de : Ein Klick – und der Nachbar hilft

Bohrmaschine ausleihen, Herd anschließen, mit dem Hund Gassigehen: Ein Netzwerk für Kontakte bieten die Macher von Nebenan.de im Internet an. Gerade auch in der Pandemie bietet die Plattform einen Austausch. Wie in Beuel: 5000 Nachbarn sind aktive Nutzer.

Florian Klumb (38) wäre beinahe verzweifelt. Nach mehreren Käufen von Gebraucht- und Neugeräten ließ sich auch der vierte Elektro-Herd nicht einschalten. Für den Beueler (38) hieß das: Kochen – Fehlanzeige. Hilfe bot Michael Kling (73) aus Neu-Vilich an. Mit Schutzmaske kam der Radio- und Fernsehtechniker-Meister vorbei und fand den Fehler im Anschluss, seitdem fliegt die Sicherung nicht mehr raus. Über das soziale Netzwerk Nebenan.de hatten beide mitten in der Pandemie zueinandergefunden. Etwa 29.000 Nutzer in Bonn sind hier angemeldet. Etwas mehr als 5000 sind es aktuell in sieben Beueler Nachbarschaften. 

Kontakte, Hilfe unter Nachbarn, Treffen abseits vom Computer in der realen Welt. Das sind einige Ziele der Gründer von Nebenan.de.­­ Und die Plattform wächst. „Wir haben knapp 1,7 Millionen aktive Nutzer“, sagt Ina Remmers (37) auf GA-Anfrage. 2015 war sie Mitgründerin des Netzwerkes und ist nun eine von zwei Geschäftsführern bei Nebenan.de. 2020 gewann sie bei den German Startup Awards des Vereins Bundesverband Deutsche Startups den Hauptpreis in der Kategorie Beste Gründerin.

Auch das Netzwerk um Klumb wächst. Der Software-Entwickler ist seit 2018 bei Nebenan.de angemeldet. Damals lebte der Bonner einige Zeit in Berlin. „Eine riesige Stadt, da hatte ich erst nur wenige Kontakte zu anderen. Das machte es auch schwierig, Freundschaften zu schließen“, sagt er. Vom Netzwerk erzählte ihm seine damalige Mitbewohnerin. Seit 2019 lebt Klumb wieder in Bonn und sucht nun hier weiter Kontakte.

Nutzer: „Etwas Nachhaltiges machen“

Für Kling biete Nebenan.de vor allem die Möglichkeit, anderen zu helfen. „Etwas Nachhaltiges zu machen, das liegt mir am Herzen. Dazu sind Kontakte wichtig, was inmitten von Corona aber nicht einfach ist“, sagt er. Seit zwei Jahren lebt Kling nach einer Scheidung in Bonn. In Euskirchen hatte er sich bereits in einem Repair Café engagiert. Dort half er Gästen – darunter Besitzer kleiner Elektro-Geräte oder großer Holzspalter – diese zu reparieren. Davon profitierte nun auch Klumb mit seinem defekten Elektro-Herd. „Ein schönes Treffen. Ich habe gemerkt, dass Michael jemand ist, der gerne hilft“, sagt Klumb. Dafür revanchierte er sich und half Kling bei der Konfiguration von Windows auf dem PC.

Insgesamt 20 Beueler Nachbarn hat Kling bereits geholfen. In puncto Haftung verweist er darauf, dass bei diesen Kontakten kein Vertrag geschlossen werde, er die Hilfe auf privater Basis anbiete. Zudem habe er das Fachwissen, dürfte aufgrund seiner Qualifikation sogar (Haus-)Abnahmen von Elektroinstallationen durchführen. Nicht unwichtig auch bei Klumbs Herd: Diese Haushaltsgeräte werden üblicherweise an Starkstrom (400 Volt) angeschlossen.

Neue Kontakte nach Auslandsaufenthalt

Neben Kling hat Klumb auch den Kontakt zu Annabell Zierau (36) in Neu-Vilich geknüpft. Nach einem zweijährigen Auslandsaufenthalt mit ihrem Freund in Kolumbien lebt die Grundschullehrerin wieder in Bonn. Mit Klumb war sie vor Kurzem am Rhein spazieren, pandemiekonform. „Ich habe in meinem Profil angegeben, dass meine Interessen Spazierengehen, Radfahren und Kochen sind“, sagt Zierau. Grillabende kann sich die Neu-Vilicherin auch vorstellen – wenn das irgendwann wieder für größere Gruppen erlaubt ist.

Zierau stammt aus einem Dorf bei Trier. Da würden sich die Nachbarn kennen, sich helfen. So ähnlich funktioniere das bei Nebenan.de. Eine Anja aus Pützchen habe neulich grüne Wandfarbe gesucht. Zierau hatte welche im Keller. Letztlich habe jemand anderer Anja geholfen, der nette Austausch bleibe aber. Und: „Vielleicht fragt demnächst jemand, der sich das Bein gebrochen hat, ob ein anderer für ihn mit dem Hund rausgeht. Ich fände es schön, wenn sich Nachbarn da helfen.“

Manche Anfragen lasse sie unbeantwortet, etwa wenn deren Verfasser einen mutmaßlich privaten Kontakt über übliche nachbarschaftliche Interessen hinweg verfolgen, nicht offen seien. „Aber das merkt man schnell“, sagt Zierau. Viele aufrichtige Nutzer hätten ein Foto im Profil, würden ihre Interessen nennen. „Letztens hat sich ein Pärchen gemeldet, das mit mir und meinem Freund mal was unternehmen möchte. So etwas finde ich klasse“, sagt Zierau. Darauf, dass mancher Kontakt unangenehm sein kann, verweist auch Kling und benennt kontroverse Kommentare von Nutzern, die es auch bei Nebenan.de­ gebe. „Nicht jeder Austausch ist schön. Aber damit kann ich aufgrund meiner Erfahrung umgehen“, sagt Kling.

Zierau, Klumb und Kling sehen sich als aktive Nutzer, die die Ideen des sozialen Netzwerks unterstützen. Die Anmeldung bei Nebenan.de ist kostenlos, Werbung können lokale Händler und Firmen schalten. „Ein kommerzielles Geschäftsmodell wäre für Nebenan.de möglich. Sie haben sich dagegen entschieden. Und das finde ich gut“, sagt Klumb. Stattdessen gibt es die Möglichkeit für Nutzer, die Plattform zu fördern. Dies ist ab einem Euro monatlich möglich. Klumb und Zierau sind Förderer. „Ich finde das Angebot seriös. Deshalb mache ich das gerne“, sagt Zierau.

Werbung ohne Algorithmus

Werbung und Datenschutz – das sind Themen, mit denen sich Nutzer von Netzwerken allgemein beschäftigen sollten. Nach eigenen Angaben verwendet Nebenan.de keine persönlichen Daten von Nutzern für andere Zwecke. Auch eine Banner-Werbung gebe es bewusst nicht. Dafür, dass das Netzwerk sorgsam mit Nutzerdaten umgeht, trägt auch Remmers Verantwortung – etwa bei der Frage, ob der Server, eine zentrale Computer-Einheit für den Betrieb des Netzwerkes, im Ausland steht. „Der Server steht in Berlin. Für Auslastungsspitzen – der Betrieb ist ja rund um die Uhr – haben wir Kapazität in Frankfurt am Main“, sagt Remmers. Zudem sei der Prozess zur Buchung von Werbeflächen für lokale Unternehmen bei Nebenan.de transparent und werde nicht gesteuert. „Da steckt kein Algorithmus dahinter“, sagt Remmers.

In Deutschland seien „erhebliche finanzielle Mittel“ nötig, um die Datensicherheit auch über die Programmierung zu gewährleisten. „Das kostet Geld“, sagt Remmers. Sie verweist auf 80 Mitarbeiter, darunter 20 Techniker, die Gehälter bekommen, etwa aus Werbe- und Fördereinnahmen. So „refinanziere“ sich das Angebot, sagt Remmers. Dennoch sei ein „Profit-Maximum nicht das oberste Ziel des Sozial-Unternehmens“. Das Anliegen sei dagegen, eine digitale Plattform für generationenübergreifende Begegnungen und Projekte anbieten zu können. Daran könnten sich auch Bezirksämter, wie etwa in Berlin, beteiligen. Dies biete zudem die Möglichkeit, finanzielle Mittel für das Netzwerk zu beantragen. Zudem gebe es laut Nebenan.de mehrere Kooperationen mit Städten wie Hannover und Nürnberg.

„Früher haben neue Nachbarn kurz geklingelt, sich vorgestellt. Das ist etwas verloren gegangen. Dafür bieten wir ein digitales Hilfsmittel, damit letztlich Treffen ‚offline’ möglich werden“, sagt Remmers.