Künstlerin aus Beuel „Irgendwas mit Weibern“

Beuel · Schon als Kind wusste die Beulerin Rosemie Becker, dass sie Künstlerin werden will. Ihre Bilderwelten sind von einem Leben mit Geschichten anderer beeinflusst.

 Rosemie Becker mit ihren Bildern: Oftmals sind Frauen das Thema. Auch stehen ihre Figuren sehr nah beieinander.

Rosemie Becker mit ihren Bildern: Oftmals sind Frauen das Thema. Auch stehen ihre Figuren sehr nah beieinander.

Foto: Stefan Hermes

Dass Rosemie Becker auf der Suche nach dem Titel eines ihrer zuletzt entstandenen großen Ölbilder von „irgendwas mit Weibern“ spricht, erzählt bereits viel über die Künstlerin, die das Ende ihres Berufslebens als eine Befreiung bezeichnet. Dabei war die heute 66-jährige Beuelerin kaum jemals in einem ermüdenden Routineberuf gefangen, sondern hatte ihr bisheriges Leben lang die Freiheit, vieles von dem zu tun, was sie wollte.

Dass ihre Arbeit in den letzten Jahren vor allem etwas mit Frauen zu tun hatte, die sie keinesfalls despektierlich als „Weiber“ bezeichnet, sondern mit der Verwendung des Begriffs eher eine Distanz zu dem schafft, was ihre Ohren jahrelang hören und ihr Verstand verarbeiten musste, scheint ein Grund dafür zu sein, dass sie bei der Beschreibung ihres letzten Bildes nicht von Matronen und Königinnen oder von einer „Vielfalt von Frauen“ spricht, die es darstellt, sondern die unterschiedlichen Figuren als „Weiber“ zusammenfasst. Frauen sind für Becker vor allem diejenige, deren oftmals dramatische Geschichten von Missbrauch und Gewalt sie sechs Jahre lang am „Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen“ beschäftigten.

„Ich setze mich vor ein weißes Blatt Papier oder vor eine Leinwand und habe kein Konzept oder Bild im Kopf“, sagt Becker. Die Bilder, die sie male, zeichne oder als Aquarell aufs Papier bringt, „bilden sich aus mir heraus“. Sie erkenne zwar im Ergebnis die Themen, die aus ihrem eigenen „Grundrauschen“ heraus entstehen, würde sie jedoch nicht absichtsvoll herstellen. Becker scheint mit ihrer Kunst das zu leben, was sie als Kunsttherapeutin professionell anwendet. In der kunsttherapeutischen Arbeit ermöglicht das kreative Schaffen einen Zugang zu Inhalten des Seelischen. Dabei können Bilder entstehen, mithilfe derer sich Gefühle, Fantasien, Ängste und Verdrängtes zeigen. Ein Ziel der therapeutischen Arbeit kann darin liegen, dass sich etwas zuvor Unbekanntes als Teil des Selbst erkennen lässt. Die Frage danach, wie Becker ihre eigenen Bilder interpretiert, lässt sie mit der eher zurückhaltenden Beschreibung, „ich bin mit meinen Bildern im Dialog“, für eine Öffentlichkeit unbeantwortet. Die Interpretation ihrer Arbeiten überlässt sie den Betrachtern und freut sich über deren Entdeckungen. Sowohl ihre illustrativen kleinformatigen Federzeichnungen, wie auch die großformatigen Acrylbilder geben dazu großen Interpretationsspielraum.

Oft scheinen die Bilder Beckers Inneres nach außen zu kehren. Geheimnisvoll gehen Figuren miteina­nder Beziehungen ein oder sind ineinander verwoben. Geradezu mit fröhlicher Leichtigkeit mäandernde Linien in aquarellierten Zeichnungen stehen teilweise düsteren Figuren auf der Leinwand gegenüber. Vielfach ist es den Bildern gemein, dass sich Körper und Gesichter eng aneinander drängen und den Anschein erwecken, dass man nur den Ausschnitt aus einem imaginär noch größeren Bild betrachtet.

Schon als Dreizehnjährige gewann Becker ihren ersten Zeichenwettbewerb. Wo das Porträt ihres Großvaters, in dessen Haus sie heute an der Dixstraße lebt, ausgezeichnet wurde, erinnert sie sich nicht. Aber sie erwähnt es als Hinweis auf ihre schon früh vorhandene Begeisterung für künstlerisches Arbeiten. In dem Lehrerhaushalt ihrer Eltern galt Kunst jedoch als „brotlos“. So wurde aus deren 1954 geborenen Tochter eine Diplom-Pädagogin. „Das war damals ein ganz neuer Studiengang, zu dem es noch kein Berufsbild gab“, so Becker.

In der Folge blieb sie ohne Anstellung. „Da ich vier Kinder haben wollte“, erzählt sie lachend, „zogen wir also erst einmal dieses Thema durch.“ Dank ihres heutigen Ex-Ehemannes konnte sie sich damals um Kunst und ihre Kinder kümmern, bevor sie eine psychotherapeutische Zusatzausbildung machte und sich schließlich auch zur Kunsttherapeutin weiterbildete. Zu der Zeit arbeitete sie bereits in der Fachklinik Liblar mit drogen- und mehrfachabhängigen Frauen, Männern und Paaren. Diese siebzehn Jahre andauernde Lebensphase von Becker spiegelt sich auch in ihren Bildern wider.

„Ich ringe oft mit meinen Bildern“, sagt Becker. Sie möchte zu mehr Leichtigkeit kommen. So, wie sie es Anfang vergangenen Jahres zu Beginn ihres neuen Lebensabschnitts als Rentnerin, den sie mit einem viermonatigen Aufenthalt bei ihrem Sohn in Kanada begann, erlebt hatte. Dort faszinierte sie die Beobachtung des achtjährigen Enkelsohnes Jakob, der in sich selbst versunken mit einer spielerischen Ernsthaftigkeit seine bildhafte Fantasie zu Papier brachte.

„Ich hatte mir gewünscht, diese Leichtigkeit mit nach Hause zu nehmen“, nahm sich Becker vor. Zurück in Beuel entstanden auf diese Weise inspiriert innerhalb von sechs Wochen mehr als 150 Zeichnungen. Sie resümiert, dass sie nach schweren sechs Jahren in Schicht- und Nachtdiensten am Hilfetelefon zu der erstrebten Leichtigkeit zurückgefunden habe. „Ich habe das Gefühl“, sagt die Neu-Rentnerin, „dass es jetzt erst richtig losgeht.“ Den Auftrag, ein Buch zu illustrieren hat sie nach dem Lesen der ersten Seiten abgelehnt. „Das ging einfach nicht“, sagt sie. Dabei sei ihr klar geworden, „ich muss mein eigenes Ding machen.“ Noch kurz vor dem ersten Corona-Lockdown hatte sie erstmalig begonnen, ihr umfangreiches Werk im Internet zu veröffentlichen. Auf Instagram sind nun unter „#rosemiebecker.kunst_werk“ knapp 300 Arbeiten aus ihren unterschiedlichsten Schaffens- und Lebensperioden zu sehen. Eine geplante Ausstellung im eigenen Haus ist coronabedingt vorerst auf unbestimmte Zeit verschoben.