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Gisela Mengelberg aus Beuel: „Lebt eure Ideen und Wünsche“

Gisela Mengelberg aus Beuel : „Lebt eure Ideen und Wünsche“

Gisela Mengelberg ist grau geworden – und sie steht dazu. Denn ihr Leben ist bunt wie eh und je. In Kultur, Politik und Sozialem mischt die Mitbegründerin der Brotfabrik aus Prinzip mit.

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p class="text">Die 65-Jährige arbeitet derzeit als „älteste Junglehrerin“ am Gymnasium, die letzte Station ihres beruflichen Werdegangs. Aber die Liste ihrer Ideen und Visionen ist längst nicht abgearbeitet. Die Beuelerin hat mit Freunden eine Alterswohngemeinschaft gegründet. Leider kein Haus in Beuel gefunden, aber in Bad Godesberg. Jutta Specht sprach mit der überzeugten Linken über Höhen und Tiefen ihres politischen Engagements und des Lebens überhaupt.

Die roten Haare waren 45 Jahre ein Mengelbergsches Markenzeichen. Jetzt nicht mehr. Hier liegt doch nicht etwa ein Gesinnungswandel vor?

Gisela Mengelberg: Sicherlich war dies eine lange Zeit ein äußerliches Zeichen meiner politischen Haltung, aber es diente auch dem Verdecken meiner grauen Haare. Der Wandel hat eher darin stattgefunden, dass ich nun mehr Mut habe, zu meinen grauen Haaren zu stehen. Meine gesellschaftspolitische Grundhaltung hat sich nicht verändert.

Was ist der rote Faden, der sich durch Ihr Leben zieht?

Mengelberg: Ich wollte immer wissen und verstehen, wollte verändern, immer was bewegen und gestalten mit möglichst vielen Menschen zusammen und dies in einer Welt, die ich mitbestimmen kann. Im Bereich der Kunst und Kultur, besonders in der aufkommenden freien Kultur der 70er und 80er Jahre, konnten neue Formen und Alternativen zur herkömmlichen Kultur entwickelt und ausprobiert werden. Daran konkret und langfristig zu arbeiten und viele Vernetzungen auf kommunaler und Landesebene zu initiieren, bestimmte lange Zeit mein Leben und war nicht immer einfach. Es ging darum, die Vision einer „Kultur für alle“, so Hilmar Hoffmann (1979), konkret erfahrbar zu machen.

Sie haben viele Projekte in der alternativen Szene mit aufgebaut. Was geben Sie Ihren Schülern aus diesen Erfahrungen mit auf den Weg?

Mengelberg: Heute stehen Schüler unter einem gewaltigen Leistungsdruck, und es gibt kein „Zeitfenster“, wo über Sinn und Unsinn dieses Drucks nachgedacht werden kann. Die Lebensleistungsläufe stehen erschreckend früh fest, darum ermutige ich meine Schüler, einmal innezuhalten, sich Zeit für Ideen zu nehmen oder nach dem Abitur erst mal die Welt kennenzulernen. Ich finde es wichtig, dass die jungen Menschen mit einer guten Portion Visionen, einer guten Portion Realismus und politischem Verständnis durchs Leben gehen.

Sie sind überzeugte Linke. Schon immer gewesen? Welche Grundsätze haben Sie begleitet, welche haben Sie über Bord geworfen?

Mengelberg: Mein Werdegang macht deutlich, dass ich schon immer eine linke Position eingenommen habe, angeregt durch meine ältere Schwester. Im Studium der Sozialarbeit war ich aktiv im Sozialistischen Hochschulbund, dann später in Berlin in der Anti-Atomkraftbewegung, der Frauenbewegung, in der Hausbesetzerbewegung und in der Alternativbewegung. Meine Grundsätze liegen in der Systemkritik, beispielsweise an der Seite der Schwächeren in dieser Gesellschaft zu stehen. Was kann ich tun und was hindert mich daran, etwas zu bewegen und zu verändern? An diesen Grundsätzen orientiere ich mich immer noch. Allerdings habe ich im Laufe meines Lebens gelernt, dass nicht alles und sofort verändert werden kann. Vieles braucht Zeit, manchmal auch Umwege. Man muss nur dranbleiben.

Ein Betätigungsfeld haben Sie bei den Grünen gefunden. Was konnten Sie bewirken?

Mengelberg: Ich habe mich verständlicherweise für die freie Kulturszene, aber auch für die etablierte Kultur und deren Bestand mit vielen anderen Politikern aller Parteien im Kulturausschuss eingesetzt. Kulturpolitiker haben es nicht einfach, ihre Ideen in den eigenen Parteien durchzusetzen. Darum war dieser Kulturausschuss häufig ein Lichtblick in der Zusammenarbeit – bis auf das leidige Festspielhausthema. Wenn ich zurückblicke, so konnten die Grünen mit CDU und SPD, später auch mit den Linken, den Ausbau vieler alternativer Ansätze wie Brotfabrik, Ballsaal, Stummfilmfestival – nicht zu vergessen die Beethovenhalle – vorantreiben.

Der Kultur in Bonn haben Sie viel Lebenszeit gewidmet. Unter anderem haben Sie vor 30 Jahren die Beueler Brotfabrik mitgegründet. War damals alles besser als heute?

Mengelberg: Es war anders, nicht besser. Wir waren für Verwaltungsfachleute wie Politiker die Unbequemen, die Langhaarigen, die Frauenrechtlerinnen, die alles Etablierte infrage und finanzielle Forderungen stellten. Aber sie konnten sich unserem Druck nicht entziehen. Es war eine Zeit, in der viele Menschen solche „Alternativen“ unterstützten und wir mit unseren Visionen Rückenwind bekamen. Bedauerlicherweise gibt es heute nur noch wenige „Macher“ mit Visionen und denen fehlt es an Unterstützung.

Ihr aktuelles Projekt ist der Verein Adelante. Worum geht es?

Mengelberg: Adelante ist eine ehrenamtliche Beratungsstelle in Duisdorf, die traumatisierte Menschen unterstützt. Wir wissen aus Erfahrung, dass es immer einen Weg gibt, die Zuversicht zu wecken. Damit ist es dem Einzelnen möglich, eine neue Perspektive zu entwickeln. Wir sind ein Team von ausgebildeten Fachkräften für den Umgang mit traumatischen Situationen, arbeiten seit Jahren in Bonn und bieten regelmäßige offene Beratungen, auch an Feiertagen, an. Uns ist es eine Herzensangelegenheit, unsere Erfahrungen an viele Menschen weiterzugeben – innerhalb der Beratung, in Seminaren, in Vorträgen und in Selbsterfahrungsgruppen.

Über 30 Jahre haben Ssie in Wohngemeinschaften gelebt. Das soll offenbar auch weiter so bleiben?

Mengelberg: In meinem Leben habe ich in sehr vielen WGs gerne gelebt, viele positive, aber auch einige negative Erfahrungen gemacht. Die positiven überwiegen, und darum habe ich mich aufgemacht, mich nach längerem Allleine-Leben wieder auf eine neue Lebensgemeinschaft einzulassen. Ich bin guter Dinge, dieses neue Projekt mit meinen Freunden auf der Grundlage von gemeinsamen Werten zu gestalten und weiterzuentwickeln.

Warum wohnt die WG eigentlich nicht in Beuel?

Mengelberg: Meine Freunde und ich würden gerne in Beuel wohnen, leider gab es dafür dann kein entsprechendes Angebot, was dazu einigermaßen bezahlbar wäre. Im Bereich des bezahlbaren Wohnraums für unterschiedliche Lebensformen, auch für ältere Menschen, muss noch einiges getan werden, das haben wir leider bei unserer Suche nach einer Wohnung erfahren müssen.

Was geben Sie angehenden 65-Jährigen mit auf den Weg?