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Magazin von Menschen mit Down-Syndrom: Magazin Ohrenkuss trotzt der Corona-Krise

Magazin von Menschen mit Down-Syndrom : Magazin Ohrenkuss trotzt der Corona-Krise

Eine „überwältigende Resonanz“ auf die Geldnot des Magazins von Menschen mit Down-Syndrom sichert den Fortbestand.

Das Thema „Natur“ stand schon seit dem Sommer des letzten Jahres für die 46. Ausgabe des Ohrenkuss-Magazins fest. Ob es allerdings in 2021 noch einmal erscheinen würde, war fraglich. Noch im September des letzten Jahres berichtete der GA darüber, dass rund 20.000 Euro fehlten, um den Fortbestand des „Projekts Ohrenkuss“ zu sichern. Seit 1998 erscheint das aus einem Forschungsprojekt am Medizinhistorischen Institut der Bonner Uni heraus entstandene Magazin in steter Regelmäßigkeit zwei Mal im Jahr.

Rund 2800 Abonnenten im In- und Ausland verfolgen inzwischen die außergewöhnliche Veröffentlichung, in der ausschließlich Menschen mit Down-Syndrom zu Wort kommen. In jeglicher Hinsicht ungefiltert, unkorrigiert und attraktiv. Nicht zuletzt durch eine sehenswerte grafische Gestaltung (Maya Hässig) und durch Fotostrecken, die in der Regel pro Ausgabe ausschließlich von einer Fotografin oder einem Fotografen einzig für Ohrenkuss hergestellt werden, entsteht ein in jeder Beziehung lesenswertes Magazin.

Virtuelle Schreibwerkstatt für Menschen mit Trisomie 21

Die aufwendige Machart entspringt wissenschaftlichem Kalkül: Es ging bei der Forschungsarbeit, zu deren Ergebnis die ersten Ohrenkuss-Ausgaben gehörten, darum, herauszufinden, was man tun müsse, um das Umfeld für eine Menschengruppe – in diesem Fall Menschen mit Down-Syndrom – für deren Anliegen zu interessieren, sie ohne Vorurteile wahrzunehmen und sie als einen selbstverständlichen Teil der Gesellschaft anzusehen. „Wir haben herausgefunden, dass es etwas mit der Art und Weise der Präsentation zu tun hat“, sagt Katja de Bragança als Initiatorin, Chefredakteurin und heute auch mit Bärbel Peschka Geschäftsführerin des herausgebenden Vereins „Downtown Werkstatt für Kultur und Wissenschaft“ in Beuel.

Es habe viele Jahre gebraucht, bis den Machern von Ohrenkuss die Aufmerksamkeit und Wertschätzung zuteil wurde, von der man annehmen sollte, dass sie selbstverständlich sei. De Bragança berichtet aktuell von einer Schreibwerkstatt, die der Verein kürzlich virtuell für Menschen mit Trisomie 21 aus Lindau am Bodensee abgehalten hat. Man wollte dort über Down-Syndrom und Alkohol schreiben. „Die hatten einfach die Nase voll“, so die promovierte Biologin, „dass ihnen im Restaurant kein Glas hingestellt wird, wenn der Wein ausgeschenkt wird.“ Eine Teilnehmerin mit Down-Syndrom brachte dazu ihre Empfindung auf das Nichtwissen vieler ihrer Mitmenschen mit einer drastischen Reaktion auf den Punkt: „Ich bin der Meinung, dass diese Person gefeuert werden muss.“ „Aber wir leben in einer Zeit“, konstatiert de Bragança, „in der es immer mehr Menschen gibt, für die der Umgang mit Menschen mit Down-Syndrom normaler geworden ist.“

Überwältigende Resonanz auf den Bericht im GA

Dass Ohrenkuss auch in Zukunft seinen Teil zur Verständigung beitragen wird, darf nach Worten de Braganças auch der oben genannten Veröffentlichung des GA zu verdanken sein, die nicht nur die Not des Magazins durch coronabedingt ausgefallene Auftrittshonorare der Ohrenkuss-Redaktion bei Lesungen und Veranstaltungen zum Thema machte, sondern vor allem auch das Projekt hinter dem Magazin für viele Leser zum ersten Mal vorstellte.

„Überwältigend“ sei die Resonanz auf den Bericht im GA gewesen, sagt die Geschäftsführerin. Es habe Einzelspenden in Höhe von bis zu 5000 Euro gegeben. Selbst die Stadt Bonn habe geschrieben, dass man helfen wolle. „Das hatte ich noch nie erlebt“, lacht de Bragança, dass die Stadt von sich aus ihre Hilfe angeboten habe. „Ja, wir können auch nett sein“, habe man auf ihr am Telefon kundgetanes Erstaunen entgegnet. Da jedoch der Antragsweg langwierig ist, konnte das freundliche Angebot bisher noch nicht in bare Münze umgesetzt werden. Dagegen kam es nach einem Aufruf der Ohrenkuss-Redaktion zu einem Kontakt mit der Kölner Kämpgen Stiftung, die das Projekt durch eine Spende von 10.000 Euro wieder auf sichere Beine stellte. Das Spendenaufkommen war in vielerlei Hinsicht eine Bestätigung für alle an dem Projekt Beteiligten. „Es ist jetzt bereits die zweite Ausgabe, die im Homeoffice entstanden ist“, so de Bragança. Dabei sei es nicht einfach gewesen, „auf Abstand“ zu produzieren. Insbesondere habe eine Fotografin oder ein Fotograf gefehlt, die oder der ansonsten die Schreibenden mit Down-Syndrom über mehrere Tage begleitete.

Bisher außergewöhnliche Fotostrecken entstanden

So entstanden bisher außergewöhnliche Fotostrecken in der Mongolei oder auch beim Besuch des Ozeaneums in Stralsund. Um die Abstandsregeln einhalten zu können, bat man bei der nun mit dem Thema „Natur“ vorliegenden Ausgabe alle Beteiligten darum, selber Fotos einzureichen. Dank des Redaktions-Praktikanten Wenzel Rehbach, der Kommunikationsdesign in Köln studiert und aus teilweise „schwierigen“ Fotos durch seine Collage-Ideen das Layout der DIN-A4-queren Magazine kongenial bereicherte, dürfte auch die druckfrische Ausgabe dem Anspruch gerecht geworden sein, den Texten der Down-Syndrom-Redaktion einen wertschätzenden Auftritt verpasst zu haben.

„95 Prozent der Texte, die sich mit der Natur auseinandersetzen, drücken die Begeisterung für Naturphänomene aus“, sagt de Bragança. Nur etwa fünf Prozent thematisierten etwa „Plastik im Ozean“. „Ich glaube, es wird die Leser freuen, das zu sehen und zu lesen. Die positive Sicht kann man jetzt gut gebrauchen“, sagt de Bragança und beschäftigt sich bereits mit der nächsten Ausgabe, deren Erscheinen im Herbst nun auch erst mal gesichert sein dürfte.

„Ohrenkuss …da rein, da raus“, 36 nachhaltig hergestellte Seiten von Menschen mit Down-Syndrom geschriebenen und bebilderten Texten. Die aktuelle Ausgabe ist unter www.ohrenkuss.de oder postalisch unter Ohrenkuss, Dorothea-Erxleben-Weg 28, 53229 Bonn, zum Preis von 12,50 Euro (plus Versandkosten) zu bestellen.