Tradition im Mai Brüder aus Geislar bieten Lieferservice für Maibäume an

Beuel · Jonathan und Silas Kolb haben vor Jahren einen kleinen Maibaumverkauf auf die Beine gestellt. Daraus ist inzwischen ein Großprojekt geworden, an dem die Brüder aus Geislar richtig gut verdienen.

Silas (l.) und Jonathan Kolb freuen sich auf den Start ihres Maibaumverkaufs, auch wenn es wieder eine anstrengende Zeit wird.

Silas (l.) und Jonathan Kolb freuen sich auf den Start ihres Maibaumverkaufs, auch wenn es wieder eine anstrengende Zeit wird.

Foto: Stefan Knopp

Die reinen Zahlen, die die Kolb-Brüder nennen, sprechen nicht dafür, dass die Tradition des Maibaumsetzens irgendwie ausstirbt. Die beiden haben vor Jahren einen Verkauf gegründet, der sich zum Hit entwickelt hat. „Früher hatten wir 40 bis 50 Bäume, jetzt haben wir 1000 beim Förster bestellt“, erzählt Silas Kolb, 22 Jahre alt, Architekturstudent. Und wer weiß, ob das reichen wird. 2022, sagt sein Bruder Jonathan, 25, Volkswirt mit eigenem Flugkurier-Unternehmen, habe man fünfstellige Einnahmen gehabt. „Die verdoppeln sich eigentlich von Jahr zu Jahr.“

Das Geschäft geht jetzt in die heiße Phase. Es ist ja nicht damit getan, Bäume nur zu kaufen, sie müssen auch mit Kreppbändern geschmückt werden. Dann die vielen roten Herzen aus Holz, die die beiden früher handgesägt hatten – inzwischen lassen sie das machen.

Acht Jahre lang haben sie laut Silas das Projekt ganz alleine durchgezogen, aber irgendwann ging das nicht mehr. „2022 hatten wir 15 Mitarbeiter, in diesem Jahr rechnen wir mit 50.“ Das sind irre Dimensionen, aber scheinbar wird es nachgefragt.

Maibäume haben die beiden eigentlich immer gestellt

Maibäume haben die beiden eigentlich immer gestellt, erzählen sie. Los ging es damit, dass sie auch für ein paar Freunde Bäume mit kauften. „Viele wissen gar nicht, wo sie die Bäume hernehmen sollen“, sagt Silas. „Wir hatten Kontakt zu einem Bauern.“ Das lief gut. „Es hat sich herumgesprochen“, erinnert sich Jonathan. „Es kamen immer mehr Leute.“ Am Schluss begannen die beiden, ein bisschen Geld dafür zu nehmen, und schon war die Geschäftsidee geboren.

Inzwischen ziehen sie nicht mehr selbst los, sondern managen, organisieren, machen die EDV-Arbeit. In diesem Jahr rechnen sie mit besonders viel Zulauf. „Der 30. April fällt auf einen Sonntag, da kann man nicht in den Baumarkt fahren“, sagt Silas. „Aber zu uns.“ Um zu verhindern, dass ein nicht mehr zu beherrschendes Verkehrschaos in der kleinen Sackgasse am Rand von Geislar entsteht, in der sie ihre Zentrale haben – zuletzt mussten sie dafür schon Parkeinweiser beschäftigen –, werden inzwischen Verkaufsstellen aufgebaut (siehe „So läuft es“).

All-inclusive-Lieferservice

So verteilt sich der Betrieb etwas. Außerdem gibt es auch einen All-inclusive-Lieferservice, für den Leute die ganze Nacht herumfahren und im Dunkeln nach der richtigen Regenrinne suchen. Im ersten Corona-Jahr war das ein Renner, erzählen die Brüder. Damals galt Anfang Mai die Ausgangssperre, aber die Kolb-Brüder hatten eine Sondergenehmigung als gewerblicher Lieferservice.

Die Pandemie hat dem Unternehmen auch die Termin-Buchung beschert. Wer reserviert und gebucht hat, bekommt auf jeden Fall einen Baum. Alle anderen müssen auf ihr Glück hoffen. Aber Achtung: „2022 waren wir am 30. April schon um 12 Uhr ausverkauft“, berichtet Jonathan. An diesem Tag werden sie in diesem Jahr schon gegen 5 Uhr aufbrechen, um die erste Charge Maibäume zu holen und an die Verkaufsstellen zu verteilen.

Bis Abends wird verkauft, und weil man ja auch das Aufstellen mitbuchen kann, machen sich irgendwann nachts die Lieferanten auf den Weg. Ob es wieder bis nach Düsseldorf geht, wo die beiden schon mal einen Herzchirurg belieferten, wird sich zeigen, aber der Kölner Raum gehört schon auch zum Einzugsgebiet.

Wer denkt, bei Sonnenaufgang sei alles vorbei, der irrt – diese Tage sind 36-Stunden-Schichten. „Wir haben oft auch Bäume noch am 1. Mai verkauft“, erzählen die Brüder. Aus den Autos wären dann Männer ausgestiegen, die nach Restposten gefragt hätten, während drinnen eine schmollende Freundin saß. Andere hätten gedacht, sie seien aus dem Alter raus, in dem sie Maibäume stellen – aber ihre Partnerinnen hätten klar gemacht, dass sie noch nicht zu alt seien, um einen zu bekommen. Diese Tradition treibt doch merkwürdige Blüten.

Wobei man schon fragen kann, was von der Tradition noch übrig ist. Man darf Birken im Wald nicht mehr selbst schlagen, die Beschaffung wird immer schwieriger, und am besten kommt der Baum auch gleich geschmückt. „Aber die Leute wollen einen Maibaum“, sagt Jonathan. „Er hat einfach da zu sein, Wenn er nicht da ist, gibt es Ärger.“

Die Symbolik der Liebesbekundung, des Werbens um eine Angebetete, das weicht demnach der Pflichterfüllung. Dazu passt ja auch, dass immer wieder Bäume auch nach dem Mai noch zu sehen sind, manchmal bis in den Dezember hinein. Eigentlich sollte der Maibaum spätestens Anfang Juni abgehängt werden, im Rheinland gehörte früher dazu, dass der Vater des Mädchens dem Jungen einen Kasten Bier spendiert.

Dann macht man halt ein Geschäft draus, wie die beiden Jungs aus Geislar, die im Elternhaus damit angefangen haben und dort immer noch Bäume mit Kreppband versehen. Dort haben sie auch ein paar Birken gepflanzt, die vielleicht in zehn Jahren genutzt werden können. Eine Spielerei: Sie könnten nie den Bedarf decken.

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