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GA-Serie: „Die andere Perspektive“: „Nach der Wallfahrt ist vor der Wallfahrt“

GA-Serie: „Die andere Perspektive“ : „Nach der Wallfahrt ist vor der Wallfahrt“

Pilger von außerhalb werden in diesem Jahr nicht eingeladen. Das auch noch genau zum 1050. Geburtstag der Bonner Stadtpatronin Adelheid. Martha Weber gibt trotzdem nicht auf.

Seit dem 17. Jahrhundert wurde der Brunnen in Pützchen das Ziel von Pilgern und Wallfahrern, wo zunächst Eremiten, später ein von der Vilicher Äbtissin eingesetzter Geistlicher, schließlich ein vom bergischen Herzog gestifteter Karmeliter-Konvent die Betreuung der Pilger übernahm. Pützchens Markt, bis heute einer der größten Jahrmärkte in Deutschland, entstand vor diesem Hintergrund.

Auch heute noch kommen Pilger zum Wallfahren nach Pützchen, immer in der Woche vor Pützchens Markt. Doch es ist kein großer Konvent mehr notwendig, jeden Tag kommen andere Pilgergruppen und niemand mehr bleibt heutzutage über Nacht. Ein Arbeitskreis Wallfahrt im Pfarrausschuss in Pützchen organisiert alljährlich die Wallfahrtswoche, die vergangenen zehn Jahre unter der Leitung von Martha Weber. „Man suchte und sucht immer händeringend Menschen, die mitarbeiten“, erzählt sie, wie sie zu diesem Amt gekommen ist. Und weiter berichtet sie: „In der Pfarrgemeinde St. Adelheid am Pützchen im Seelsorgebereich Am Ennert feiern wir jedes Jahr vom letzten Augustwochenende bis zum ersten Septembersonntag die Wallfahrtswoche, die auch Wallfahrtsoktav genannt wird.“

Für jeden Tag stehen andere Besuchergruppen aus dem Stadtdekanat Bonn auf der Agenda, die eingeladen und betreut werden müssen. Aber das ist jedes Jahr das gleiche. „Nach der Wallfahrt ist vor der Wallfahrt“, meint Weber zur benötigten Vorbereitungszeit.

Doch dieses Jahr ist vieles anders. Corona-bedingt wurde zuerst Pützchens Markt abgesagt, jetzt folgt wohl die Absage der Wallfahrt. „Wir vom Arbeitskreis, die nicht in der Seelsorge direkt tätig sind, haben beschlossen, dass wir keine große Wallfahrt in diesem Jahr machen werden.“ Heißt im Klartext, dass keine Pilger von außerhalb eingeladen werden. „Wir wollen lediglich im kleinen Kreis der Gemeindemitglieder feiern.“ Doch noch muss alles mit dem Seelsorgeteam besprochen werden.

Nach derzeitigem Stand finden höchstens 42 Personen in der Sankt-Adelheid-Kirche Platz, daher könne man weder Besucher noch Kinder in die Kirche einladen, über 100 Frauen können nicht im Pfarrheim bewirtet werden. „Außerdem können wir auch keine Krankensalbung im Seniorenheim mit Ortsbewohnern vornehmen“, so Weber. Der für die Wallfahrt vom 30. August bis zum 6. September im Detail ausgearbeitete Plan ist jetzt Makulatur, dient höchstens als Blaupause für das kommende Jahr.

Eine „kleine Wallfahrt“ für die Ortsbewohner, ohne groß die Reklametrommel zu rühren, die ist allerdings noch nicht vom Tisch. Was bedeutet, dass die Wallfahrtsvorbereitungen in diesem Jahr nicht weniger, sondern mehr geworden sind. „Aber ich bin ja jetzt in Rente und habe Zeit“, sagt Weber gelassen. Rentnerin hin oder her, über Arbeit konnte sich Martha Weber, Jahrgang 1951, noch nie beklagen. Als es in Pützchen noch einen eigenen Pfarrgemeinderat gab, war sie dort jahrelang Mitglied. Bei den katholischen Frauen (kfd) ist sie sehr aktiv. „Vier Jahre war ich stellvertretende Vorsitzende, zwölf Jahre Vorsitzende. Dann habe ich vier Jahre lang eine Pause eingelegt und jetzt bin ich bereits seit sechs Jahren wieder Vorsitzende.“

Doch ihr „Rekordjahr“ war das Jahr 2004. Da war sie gleichzeitig Vorsitzende der Frauengemeinschaft, Präsidentin der Schützenfrauen im Karneval – also dem „Damenkomitee von Pützchen“, sowie Vorsitzende der Ortsvereine Pützchen/Bechlinghoven. „Und als mein Mann im Sommer Schützenkönig wurde, wurde ich auch noch Schützenkönigin. Das war ein sehr anstrengendes Jahr“, meint sie rückblickend.