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Rettung vor den Nazis: Oberkasseler Kurt Beckhardt dankt Prinz Charles

Rettung vor den Nazis : Oberkasseler Kurt Beckhardt dankt Prinz Charles

Nach den Novemberpogromen der Nazis hatte sich die britische Regierung entschlossen, 10 000 jüdische Kinder auf die Insel zu holen. Kurt Beckhardt war einer von Ihnen - und ist nun zur 75-Jahr-Feier in London gewesen.

Für Kurt und Melitta Beckhardt ist der britische Thronfolger kein Unbekannter. "Schließlich war Prinz Charles schon oft per Fernsehen in unserem Wohnzimmer zu Gast", sagt der Oberkasseler mit einem Lächeln. Dem Sohn der Queen am Montag in London die Hand zu schütteln, war für das Ehepaar dann aber doch etwas Besonderes.

Wie berichtet, war Beckhardt als Teilnehmer der Kindertransporte 1938/39 eingeladen worden, der 75-Jahr-Feier mit weiteren "Kindern" von damals beizuwohnen. Nach den Novemberpogromen der Nazis hatte sich die britische Regierung entschlossen, 10.000 jüdische Kinder auf die Insel zu holen.

"Wir sind problemlos 'reingekommen in den St. James's Palace", erzählt der 86-Jährige. Dabei hätten sie für die Identitätsprüfung extra noch weitere Dokumente mitgenommen. "Dann gab es auf einmal ein großes Gedränge in den drei Räumen, die uns zur Verfügung standen", erzählt seine 78-jährige Frau. Sie standen in einem Saal mit vielen Gemälden an der Wand und genossen zunächst einen Drink.

"Auf einmal kam der Prinz und hatte in der linken Hand lässig ein Cocktailglas", sagt Beckhardt. Er nutzte seine Chance, um Charles etwas mitzuteilen, was ihm seit Langem auf dem Herzen liegt. "Ich habe ihm und seinem Land dafür gedankt, dass sie all unsere Leben gerettet haben. Und dass ich stolz bin, ihm das sagen zu können und dafür extra aus Deutschland gekommen bin."

Der Prinz habe nachdenklich geschaut und entgegnet: "Es ist eine Schande, dass wir nicht noch mehr Menschen retten konnten." Man habe gemerkt, so Beckhardt, "dass das keine 08/15-Nummer für Charles gewesen ist". So begeistert die Oberkasseler das royale Ereignis aufgenommen haben, so enttäuscht waren sie von dem Treffen der Teilnehmer des Kindertransports tags zuvor.

"Es waren mehr als 660 Menschen in einer Aula, stundenlang reihten sich Reden aneinander und man hatte keine Gelegenheit, mit den anderen Senioren aus aller Welt ins Gespräch zu kommen", bedauert Melitta Beckhardt. Erst beim Essen am Abend habe man sich ein wenig mit anderen unterhalten können. Aber Kurt Beckhardt erkannte niemanden aus seiner Zeit in England wieder. 1950 war er mit seinen Eltern nach Deutschland zurückgekehrt.

Während des Kurztrips jetzt gab es für die Beckhardts immer wieder Dreharbeiten mit dem WDR, der gestern Abend ein Porträt sendete. Als ein tolles Erlebnis für seine Eltern wertet Sohn Lorenz die Reise. Der Beueler hatte die beiden überredet und sie mit seiner Schwester Katja Altmann-Beckhardt begleitet. "Am Montagabend waren wir bei einem Treffen des Netzwerks der nachfolgenden Generationen", sagt Beckhardt junior.

Dort habe man sich damit beschäftigt, wie man Erfahrungen der Eltern weitertransportieren könne. "In Deutschlang gibt es keinen Kontakt zur zweiten Generation", meint Lorenz Beckhardt. Der Wissenschaftsjournalist will die Erinnerung wachhalten. Deshalb veröffentlicht er im Frühjahr 2014 im Aufbau-Verlag ein Buch, in dem er die Familiengeschichte ab dem 19. Jahrhundert erzählt und dabei die politischen Ereignisse berücksichtigt. Auch er hatte sich erhofft, sein Vater würde das ein oder andere ihm bekannte "Kind" aus den ersten Jahren in England wiedertreffen. Aber er ist überzeugt: "Der Termin bei Prinz Charles hat's rausgerissen."