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Beethoven mit Sprühdose: So leben sich Street-Art-Künstler in Beuel aus

Beethoven mit Sprühdose : So leben sich Street-Art-Künstler in Beuel aus

Ihre Arbeiten zieren Wände und Laternen – manchmal nur für Stunden. Wer sind die Künstler, die Beuel bunt machen?

In diesem Museum hängen die Künstler ihre Kunstwerke selber auf, oft nachts. Es ist immer geöffnet. Eintritt gibt es nicht. Manche Arbeiten überdauern nur ein paar Stunden, manche Monate, andere Jahre. Vielen Passanten scheinen sie gar nicht aufzufallen, wenn sie durch die Straßen Beuels laufen. Ganz anders bei Jan, der seit zehn Jahren Streetart in Bonn fotografiert und die Fotos ins Netz stellt. Seinen Nachnamen will er lieber nicht in der Zeitung lesen. Und auch die Künstler verbergen sich hinter Namen wie einebuntekatze, BonnapArt, Kalá, Brainoon und Wolfi.

Jan gibt an diesem Tag eine kleine Führung durch das Museum Beuel, um zu zeigen, welche Kunstwerke dort auf Wänden und Laternen zu entdecken sind. Los geht es am Konrad-Adenauer-Platz. Jan trägt Mütze, Brille, schwarze Jacke und um die Schulter eine Kameratasche. „Ohne die gehe ich eigentlich nie vor die Tür“, sagt er. Und auch jetzt könne es ja sein, dass er ein Kunstwerk entdeckt, das er noch nicht dokumentiert hat. Nur ein paar Schritte vom Platz entfernt hält er das erste Mal an und zeigt auf eine Tür mit Werken von mehreren Künstlern.

Da wär etwa Beethoven, der eine Sprühdose in der Hand hält. Der Komponist ist aus vier Blättern zusammengeklebt, darüber der Schriftzug „Ode to Bonn“. Er stammt von der Künstlerin einebuntekatze. An der Farbe des Papiers lässt sich erkennen, dass ein Teil des Kunstwerks schon mal ersetzt worden ist.

„Das ist Kunstwerkpflege“, sagt BonnapArt dazu ein paar Tage nach der Museumsführung am Telefon. „Es sieht doch beschissen aus, wenn da nur ein halbes Bild klebt.“ Er ist auch auf der Tür vertreten: mit einem der Vögel, die sein Markenzeichen sind. Die Straßen sind für ihn wie ein großer Spielplatz. Er sagt: „Manchmal spielen wir auch miteinander: Einer klebt was, dann klebt ein anderer was dazu – man besucht sich, wie in einer netten Nachbarschaft.“ Einebuntekatze möchte lieber nicht telefonieren, sie schreibt über Instagram: „Streetart gibt einem das Gefühl, die Stadt als Zuhause im weiteren Sinne mitzugestalten, mitzureden.“

Neben ihr und BonnapArt hängt auch etwas von Kalá dort: eine junge Frau in einem Mantel. Am Telefon sagt die Künstlerin: „Was ich mache, basiert auf Fotos.“ Viele Motive findet sie im Familienalbum, das hier zeigt ihre Mutter. Manchmal repariere sie ihre Arbeiten, sagt Kalá. „Wenn ich der Meinung bin, das Bild muss da sein.“

Ein paar Meter die Friedrich-Breuer-Straße hinunter bleibt Jan wieder stehen. Dort lässt einebuntekatze eine schwarz-gelbe Katze schreien. Darunter ist zu lesen: „Only allowed catcalling“. Es ist eine Anspielung auf Catcalling, also verbale sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum, etwa Sprüche oder Pfiffe. Einebuntekatze schreibt: „Ich habe schon so oft Erfahrung damit gemacht, und es macht mich jedes Mal auf’s Neue sehr wütend. Ich wollte auf diese Art meine Wut ausdrücken. Daher auch die Farben eines Warnzeichens.“

Jan biegt nach links in die Hermannstraße ab. Auf einer grauen Hauswand ist wieder Kalá zu finden. Das Bild zeigt vier Männer. „Es erinnert mich ein bisschen an das Foto von den Arbeitern auf dem Stahlträger über Manhattan“, sagt Jan. Die Künstlerin sagt: „Ich nenne das Bild ,Colegas‘.“ Es zeigt ihren Vater als jungen Mann. „Ich weiß nicht in welchem Kontext das Bild aufgenommen wurde“, sagt sie. „Aber ich fand toll, wie sie da sitzen und vielleicht Pause machen.“

Für den Besucher des Museums Beuel geht es weiter zum Rhein. Auf dem Weg sagt Jan den wunderbaren Satz: „Es ist auch Kunst, wenn es hässlich ist.“ An der Rheinlust hat jemand Beethoven und den Posttower auf die Mauer des Biergartens gemalt. „Das ist sicher eine Auftragsarbeit“, sagt Jan. „Da würde ich eine Linie ziehen. Das ist keine Streetart.“ Die Künstler haben Namen, E-Mail-Adresse und Telefonnummer hinterlassen. Einer von ihnen, Markus, sagt am Telefon: „Ist schon ewig her, dass wir das gemacht haben: 20, 25 Jahre.“ Er hat mit Graffiti angefangen, damit oder mit Streetart habe diese Arbeit nichts zu tun. Auch heute macht er gelegentlich Sachen. „Der Graffiti-Freigeist schlummert noch in mir“, sagt er. Anders als sein Kumpel von damals, der habe die Kunst zum Beruf gemacht und gestalte heute etwa Schwarzlicht-Minigolf-Anlagen in Dubai.

„Hier an der Kennedybrücke sind einige Arbeiten wieder verschwunden“, sagt Jan. Wie kommen die Künstler mit der Vergänglichkeit ihrer Werke klar? „Die gehört dazu“, sagt Kalá. „Aber ich freue mich, wenn etwas länger hängt.“ Sie habe den Eindruck, es seien oft nicht die Hausbesitzer, die etwas entfernen, das sei ja ihr gutes Recht. „Das ist eher Vandalismus“, sagt sie. „Ich kann aber damit leben, dann ist Platz für was Neues.“ BonnapArt sieht das ähnlich. Er schaue aber schon, dass er seine Kunst dort anbringe, wo sie bleibt. „Ich mag es nicht, ein Haus zu beschmieren. Ich mag schöne Sachen.“ Da ist er offenbar nicht der Einzige. Manche vermissen die Kunstwerke, wenn sie verschwinden.

Kalá erzählt diese Geschichte: In der Altstadt hing ein kleines Mädchen von ihr. Es schaute zu einem Schild hoch, das zu einem Laden gehört, der gelegentlich für Veranstaltungen öffnet. Die kündigen die Betreiber auf dem Schild an. Nachdem ihre Arbeit abgerissen wurde, stand darauf: „Wir bedauern sehr, dass das kleine Mädchen gar nicht mehr da ist.“ Sie habe das als Aufforderung empfunden und es nachts neu geklebt. Später war dann auf dem Schild zu lesen: „Wir freuen uns sehr, dass die Kleine zurück ist.“

Vergänglichkeit sei doch eigentlich gar kein Ding mehr, wo alles für ewig im Internet dokumentiert ist, findet einebuntekatze. Sie schreibt auch: „Grundsätzlich mag ich die Vergänglichkeit und Veränderlichkeit von Streetart. Einmal angebracht überlässt man sie der Öffentlichkeit und wartet deren ,Antwort‘ ab.“

Direkt neben der Kennedybrücke findet sich auf einer Laterne ein weiteres Kunstwerk. Dort klebt ein Stück Pizza mit Salami und Peperoni, die in Rot und Grün leuchten. Die Signatur verrät, dass es von brainoon ist. „Ich wollte Bonn und Beuel farbenfroh haben“, sagt sie am Telefon. „Ich will, dass die Leute da draufgucken und denken: Das sieht cool aus.“

Für mehr Farbe ist auch einebuntekatze. Beuel müsse noch bunter werden. In ihrer Kunst beschäftigt sie sich oft mit ihren Gefühlen oder ihrer psychischen Gesundheit. Auch deswegen will sie anonym bleiben – und nicht nur, weil es teilweise illegal ist oder sich in rechtlichen Grauzonen abspielt, was die Künstler auf der Straße machen. „Durch die Anonymität kann ich ohne große Hemmungen Themen aufgreifen, die sehr privat sind und über die es schwerfällt, überhaupt zu reden“, schreibt sie. „Streetart ist meine Art, darüber zu ,reden’ und dem ein oder anderen vielleicht das Gefühl zu geben, nicht alleine damit zu sein.“

Ein paar Schritte von der Laterne entfernt findet sich ein Sticker von Wolfi. „Sei scharf im Wolfspelz“, steht darauf. Darüber hat jemand mit schwarzem Stift geschrieben. „PETA hätte diesen Sticker gedisliked“. „Hier gibt es Diskurs. Das ist schön“, sagt Jan. Der Künstler selber will lieber nichts sagen. Auf die Anfrage schreibt er bei Instagram: „Da bin ich raus, ich klebe je nach Laune ein paar Sticker, bezeichne es aber nicht als Kunst.“ Zu den Botschaften, die er verbreitet, gehören etwa: „Love, Peace und Weihnachtsplätzchen“ und „Augen auf und durch die Wand.“

Die Führung geht weiter, wieder zurück in Richtung Konrad-Adenauer-Platz. Auf dem Weg lässt einebuntekatze die Passanten auf einer Laterne in bunter Schrift wissen: „Du bist wichtig.“ In der Nähe des Bürgeramtes entdeckt Jan noch eine Vogel-Kolonie: drei Exemplare von BonnapArt haben sich auf dem Regenrohr niedergelassen.

Dann fällt sein Blick auf etwas Ungewöhnliches. Eine ältere Frau mit Mantel und Handtasche von Kalá – allerdings ist sie nicht wie die übrigen Arbeiten komplett schwarz und weiß. Hier ist die Tasche grün. Die Künstlerin sagt: „Die ist Teil einer neuen Reihe. Da wollte ich mal ein bisschen mit Farben probieren.“

Zum Schluss der Führung biegt Jan in die Rathausstraße ab. Dort hat BonnapArt aus einem Brief- einen Nistkasten gemacht. Darauf sind ein blauer Vogel und zwei rote Herzen zu sehen. Es ist das letzte Ausstellungsstück für diesen Tag. Und um wieder nach draußen zu kommen, muss der Besucher jetzt nicht mal durch den Museumsshop.