1. Bonn
  2. Beuel

Digitalisierung in Altenzentren: Tablets erobern Bonner Seniorenzentrum

Digitalisierung in Altenzentren : Tablets erobern Bonner Seniorenzentrum

Im St. Adelheidis-Stift in Vilich chatten die Bewohner über Tablets, schauen sich Fotos an und lösen Rätsel. Die Digitalisierung hält Einzug in Seniorenzentren.

Karl Gilles (95) kann sich nicht mehr an die vielen Male erinnern, bei denen er seinen Sohn auf dem vor ihm liegenden Tablet beim Videotelefonat gesehen hat. Dagegen fangen die Augen seiner Mitbewohnerin im Seniorenhaus St. Adelheidis-Stift im Angesicht des Tablets zu leuchten an. Antonie Rötten (94) denkt gerne an die Möglichkeit der virtuellen Begegnung mit ihren Angehörigen. „Ich kannte so etwas gar nicht. Für mich war das ganz neu“, sagt die Seniorin. Ihre Kinder und Enkel in dem zweimonatigen Lockdown per Live-Bild auf dem Display wiedergesehen zu haben, sei etwas Wunderbares gewesen. „Das war ein kleiner Feiertag für uns“, sagt Rötten und freut sich. So sei man mal wieder mit der Außenwelt zusammengekommen.

Der Lockdown von Mitte März bis zum Frühsommer sorgte dafür, dass auch im Vilicher Seniorenhaus der Cellitinnen mit den zwei neu angeschafften Tablets ein zweiter Schritt in Richtung Digitalisierung gegangen wurde. Bis zu dem Tag, an dem sich die Angehörigen wieder hinter Plexiglasscheiben begegnen konnten, „war es eine große Erleichterung für viele unserer Bewohner, sich via Skype oder Whatsapp zumindest virtuell begegnen zu können“, sagt Beate Müllers. Als Diplompädagogin ist sie für sozial-kulturelle Angebote im Adelheidis-Stift zuständig.

Der erste Schritt und „allerbeste Erfahrungen“ waren bereits vor etwa drei Jahren mit dem ersten Tablet im Haus gemacht worden. „Es ist ein logistisches Problem, dass wir es zurzeit nicht überall einsetzen, sondern nur noch in der Tagespflege“, so Müllers, „eigentlich braucht man für jeden unserer Wohnbereiche ein solches Gerät.“

Das Tablet mit diversen Aktivierungsprogrammen komme bei den Senioren in der Tagespflege sehr gut an, sagt Müllers: Die Möglichkeiten des Computers könnten alle noch vorhandenen Ressourcen der Nutzer wecken. Die Module des Programms, die sich mit dem Sehen und Hören, dem Wiedererkennen und mit Rätselraten beschäftigen, könnten individuell auf die Fähigkeiten der Senioren angepasst werden. „Alle Sinne werden dabei angesprochen.“ Das Erfolgserlebnis bringe den alten Menschen Freude. So, wie es auch die fünf Hunde auf analoge Weise tun können, die ab und zu mit ihren ehrenamtlich tätigen Besitzern die Bewohner des Stifts besuchen.

Auch wenn das in der Vilicher Senioreneinrichtung der Cellitinnen noch Zukunftsmusik ist, trägt man in manch anderen Einrichtungen mit digitalen Neuentwicklungen nicht nur zur Lebensfreude der Bewohner bei, sondern kann damit auch das Leben in den Pflegeeinrichtungen ein wenig sicherer machen. So gibt es bereits das Armband, das Alarm schlägt, sobald sich ein demenzerkrankter Heimbewohner Richtung Ausgang bewegt. Einen kleinen Beschäftigungsroboter, der scheinbar selbstständig Kontakt zu den Menschen aufnehmen kann, fand auch Müllers bei seiner Vorstellung „ehrlich gesagt, ganz witzig.“ Der Roboter sei sehr direkt in Kontakt gewesen. „Man bekam wirklich Lust, sich mit ihm zu unterhalten“, erinnert sich Müllers. Mit seinen großen Augen habe der Roboter einem Kindchenschema entsprochen, das sehr niedlich wirkte. So wie die andernorts schon häufiger zum Einsatz kommenden Robben, die der Fachfrau ebenfalls bekannt sind. Die könnten auf dem Schoß der Menschen interagieren und seien nicht nur gute Unterhalter, sondern fühlten sich mit ihrem weichen Fell auch noch besonders gut an. Robben und Roboter gibt es im St. Adelheidis-Stift noch nicht. Dort gibt es eine Handpuppe mit ebenfalls „streichelzarten“ Haaren, die manchmal zum Einsatz kommt, wenn der direkte Kontakt erschwert ist.

Wohin die digitale Reise geht, wird in vielen Fachinformationen diskutiert. Experten sagen bereits voll vernetzte Heime vorher: Da surren Roboter über die Flure oder begleiten die Senioren mit ihren Rollatoren und Rollstühlen. Schon sind Maschinen mit menschlichem Antlitz im Probebetrieb, die nicht nur Essen bringen und Müll entsorgen, sondern auch Bewohner umbetten und waschen.

Der Arzt, der via Kamera zur Visite zugeschaltet wird, ist längst keine Zukunftsvision mehr (siehe Infokasten „Digitale Sprechstunde“). Die Digitalisierung wird auch vor dem Pflegebereich nicht Halt machen. Auf Pflege-Messen nehmen die digitalen Hilfsmittel bereits einen großen Raum ein. Sie sollen mit einer Reihe Arbeitserleichterungen dem akuten Fachkräftemangel mit Technik etwas entgegensetzen.