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Bonn-Beuel: Vom Trafoturm zum Tiny House

Bonn-Beuel : Vom Trafoturm zum Tiny House

Daniela Kinkel aus Beuel hatte bei der Umnutzung eines kleinen Industriedenkmals zu einem Wohnhaus viele Hürden zu überwinden.

Industriebauten als Wohnraum herzurichten, dürfte in Ballungsgebieten wie Bonn eine Möglichkeit sein, um an ein vergleichbar bezahlbares Eigenheim zu kommen. Auch wenn es sich nur um etwa 50 Quadratmeter Wohnfläche inklusive Terrasse handelt. Genau so groß ist ein ausgedienter RWE-Trafoturm an der Kunigundenstraße in Mehlem. Seit sieben Monaten richtet ihn die Beuelerin Daniela Kinkel zu einer Art Tiny House her – energieeffiziente Aspekte inklusive. Der Bonner Architekt Markus Speth wacht über die Umsetzung dieses auch für ihn „ungewöhnlichen Projektes“, das sich bereits auf der Zielgeraden befindet. Allerdings mussten bis dahin viele behördliche Hürden genommen werden.

Streng genommen ist Kinkels Tochter „schuld“ daran, dass ihre Mutter vor neun Jahren auf die Idee mit dem Turmprojekt kam. Denn im April 2011 hatte sie die Abwesenheit der Mutter dazu genutzt, um zu einer Party in die heimische Beueler Wohnung einzuladen. „Als ich zurückkam, war die Wohnung ein Schlachtfeld“, so Kinkel. Sie war daher entschlossen, nach einem Ausweichquartier Ausschau zu halten. Zufällig wurde sie über einen Freund, der beim Energieversorger RWE arbeitet, darauf aufmerksam, dass ausrangierte Turmstationen zum Verkauf stehen: Für einen Euro. So wurde Kinkel im Herbst 2012 Eigentümerin des insgesamt 63 Quadratmeter großen Grundstücks an der Mehlemer Kunigundenstraße.

Inzwischen hatte sie andere Pläne mit dem Industriedenkmal: Sie wollte es zu einem Kindertheater umnutzen: „Da signalisierte mir das Bauordnungsamt der Stadt Bonn aber deutlich, dass dieses nicht genehmigt werden würde.“ Noch größer war ihr Frust vor drei Jahren, als der Unterausschuss Bauplanung ihren ersten Bauantrag ebenfalls ablehnte: In dem Türmchen sollte eine Ferienwohnung für Radtouristen entstehen. Doch da Wohnraum in Bonn derzeit nicht in Ferienwohnungen umgewandelt werden darf, wurde daraus nichts – wenngleich die Turmstation noch kein Wohnraum war, sondern eine Industriebrache, die ursprünglich abgerissen werden sollte. „Das Gebäude ist im Bebauungsplan als Trafo festgesetzt und nicht als Wohngebäude“, bekräftigt denn auch Andrea Schulte vom Bonner Presseamt. Zudem liege das Grundstück im Überschwemmungsgebiet eines Baches und können keinen eigenen Stellplatz nachweisen. Kinkels Motivation war durch das langwierige Verfahren getrübt, Geholfen habe ihr die Unterstützung eines Netzwerks von sogenannten Türmern: Ins Leben gerufen hat dieses Michael Sonfeld, ehemaliger Fachmann für Liegenschaften des Energieunternehmens Westnetz GmbH (RWE-innogy) im Regionalzentrum Niederrhein. Bis zu seinem Ruhestand Mitte 2020 war er dort zuständig für den Abriss beziehungsweise die Nachnutzung der Trafotürme. Sonfeld gilt als Fachmann in der Türmerszene. Im Oktober 2017 war Kinkel dann auch mit von der Partie, als er gut 40 Turmeigentümern zu einem Turmsymposium eingeladen hatte. Sonfeld machte der Beueler Bauherrin dort trotz aller Schwierigkeiten Mut, die Nachnutzung voranzutreiben. Lange Zeit hatte er bei Westnetz quasi von Berufs wegen den Abriss der Türme vorangetrieben. Bis ein Kommunalpolitiker ihn vor rund zwölf Jahren zur Rede stellte: Es ging um die geplante Niederlegung eines Trafoturms am Niederrhein. Das hielt der Politiker für einen „Frevel“, weil er aus dem Turm ein Heimatmuseum machen wollte. Fortan machte sich Sonfeld für ein Umdenken im Unternehmen stark und betrieb aktiv den Verkauf von 45 Türmen am Niederrhein.

Inzwischen sind die ausrangierten Industriebauten sein Hobby, verewigt auf einer Deutschlandkarte auf seiner Seite www.turmtransformation.de. Rund 400 Türme, die nachgenutzt werden, sind hier mit Zustimmung der Eigentümer aufgelistet. Anspruch auf Vollständigkeit besteht nicht, auch weil mittlerweile die Eigentumsverhältnisse der Netze höchst verzweigt sind. Deshalb gelte es für Interessenten, immer erst den Netzbetreiber zu ermitteln. Viele Türme wurden von Naturschützern als Nistplatzangebot etwa für Greifvögel, übernommen. Aber Sonfeld weiß auch von zahlreichen Nachnutzungen zu Wohnzwecken. Allerdings seien die behördlichen Anforderungen dabei hoch. Begünstigt werde eine Nachnutzung aber durch die Knappheit an Wohnraum in Ballungsräumen: „Tiny Houses sind ein Riesenthema“, weiß Sonfeld.

Kinkel ließ 2018 den Bauantrag Nummer 2 folgen – und nach 613 Tagen hielt sie im Juni 2019 endlich die Baugenehmigung in ihren Händen: Ein immobiles Tiny House mit Anspruch sollte nun aus dem Turm werden, unter Berücksichtigung energieeffizienter Belange wie einer Wärmedämmung und einer Wärmepumpenheizung. „Die aktuellen Anforderungen der Energieeinsparverordnung (EnEV) werden hier eingehalten“, stellt Kinkels Architekt Markus Speth klar. Schwierigkeiten beim Bau ergaben sich aus dem Objekt selber. „Wir haben es hier mit einem kleinen Baukörper auf einem kleinen Grundstück zu tun“, so Speth. Schließlich musste alles, was an technischer Ausstattung in einem Einfamilienhaus vorhanden ist, auch in die ,Kunigunde’“. So nennt die Beuelerin ihre Turmstation. Beispielsweise Fenster, die es bislang nicht gab, und eine neue Treppe. Ein Wachtberger Dachdecker- und Zimmerreibetrieb sorgte zudem nicht nur für ein neues Dach. Er schuf auch mehr Platz: Eine Dachterrasse entstand sowie ein neun Quadratmeter großes Holzpodest im Turm – quasi das zweite Obergeschoss. 

Im Sommer soll jetzt alles fertig sein. Die Eigentümerin will den insgesamt für eine sechsstellige Summe hergerichteten Trafoturm jetzt aber lieber vermieten – und mit ihrer Familie in Beuel wohnen bleiben. Und, würde sie ein solches Projekt nochmals angehen? „Auf jeden Fall.“ Was sie aber Interessierten rät: „Viel Geduld, Humor und einen guten Architekten.“ Weitere Infos in dem Blog www.turmstation-kunigunde.de