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Warum spielen in der Natur für Kinder so wichtig ist

Bonner Verein für Psychomotorik will in den Wald : Warum spielen in der Natur für Kinder so wichtig ist

Ein Förderverein beabsichtigt, mit einem neuartigen Angebot dem wachsenden Mangel an Natur- und Walderfahrungen bei Kindern und Jugendlichen, aber auch den eingeschränkten Naturbildungsmöglichkeiten für pädagogische Fachkräfte entgegenzuwirken. Der Verein will auf dem Ennertsportplatz ein Bildungs- und Erfahrungszentrum eröffnen. Doch das ist nicht so leicht.

Wald als Spielplatz, als Schule fürs Leben, als Ersatz für Medikamente? Der Förderverein für Psychomotorik ist fest davon überzeugt, dass der Naturraum Wald positiv auf Kinder wirkt, Fehlentwicklungen vorbeugt. Deshalb will der Bonner Verein eine Art Waldzentrum auf dem ehemaligen Ennertsportplatz eröffnen. Bis dahin ist aber noch ein weiter Weg. Der Verein muss Stadt- und Forstverwaltung, Bürgervereine und Naturschützer von seiner Idee überzeugen. Die erste Kontaktaufnahme ist bereits erfolgt.

  Der von der Stadt Bonn ausgemusterte Platz hat in den vergangenen Jahren viele Interessen und Interessenten geweckt. Weil er mitten in einem Naturschutzgebiet liegt, wird der Ascheplatz nicht mehr gepflegt, soll von der Natur zurückerobert werden. Das Umkleidegebäude steht leer, wurde von der Stadt sogar schon mal auf eine Liste abzureißender Liegenschaften gesetzt. Das Areal war zu Zeiten der Nationalpark-Diskussion 2008 auch schon mal als Infozentrum im Gespräch. Viele Ideen, viele mögliche Nutzungen – allesamt wurden sie aus unterschiedlichsten Gründen verworfen.

„Das Interesse des Fördervereins, ein Zentrum für Natur- und Waldpädagogik aufzubauen, ließe sich hervorragend mit den Interessen des zuständigen Regionalforstamts Rhein-Sieg-Erft und der Stadt Bonn verbinden“, erklärte Hans-Jürgen Beins, Geschäftsführer des Fördervereins, dem GA. Ein solches Zentrum würde die Angebote des Umweltbildungszentrums der Stadt Bonn, dem Haus der Natur auf dem Venusberg, für den rechtsrheinischen Raum ergänzen und gleichzeitig mit dem psychomotorischen Ansatz erweitern – davon ist die Vereinsspitze fest überzeugt. Deshalb tritt der Förderverein mit den Behörden in Kontakt, um eine Nutzungsänderung und Nutzungsgenehmigung für den Sportplatz sowie das dazugehörige Umkleidehaus zu erreichen. Für Letzteres ließe sich durch einen Umbau eine pädagogische Nutzbarkeit eröffnen.

Der Wunsch vieler Naturschützer, die Fläche wieder dem Wald zurückzugeben, findet nicht überall Zuspruch. Bereits 2016 unterstrichen die Bürg­er­ver­ei­ne Kü­ding­ho­ven und Ra­mers­dorf, dass der Sportplatz beibehalten werden soll. Mi­cha­el Qua­beck, Vor­sit­zen­der in Kü­ding­ho­ven, sagte damals: „Dort sind vie­le Frei­zeit­sport­ler wie Jog­ger oder Fuß­ball­ten­nis­spie­ler ak­tiv, die soll­ten den Platz wei­ter­hin nut­zen kön­nen. Des­halb sind wir ge­gen die ak­ti­ve Re­na­tu­rie­rung. Was au­ßer­dem Kos­ten spart.“ Gleichzeitig sollen neue Perspektiven vor allem für den rechtsrheinischen Raum eröffnet werden.

Der Wald ist ein Lebensraum, aus dem Menschen Energie schöpfen

Warum werden Naturbildung und Walderfahrungen immer wichtiger? Die Natur, besonders der Wald ist ein Lebensraum, aus dem Menschen Energie schöpfen. Gleichwohl geht der Zugang zur Natur als Folge einer anhaltenden, durch Funktionalisierung, Technisierung und Spezifizierung eingeschränkten Lebenswelt kontinuierlich zurück. „Kinder verbringen wesentlich mehr Zeit mit neuen Medien als mit der Natur – eine weltweite Entwicklung“, betont Beins.

Wie Erfahrungsdefizite in der Natur mitverantwortlich für manche Störungen erkannt werden, geht man verstärkt auch von gesundheitsförderlichen Effekten der unmittelbaren Wald- und Naturerfahrung für Menschen aus. So werden in Kommunen deutschlandweit Heilwälder ausgewiesen (etwa Heringsdorf auf Usedom oder Lahnstein in Rheinlandpfalz). In den gewählten Bezeichnungen als „Gesundheitsstudio der Natur“ oder „grüne Apotheke“ kommt die Erwartung zum Ausdruck, gerade in Hinblick auf die Probleme der Kindesentwicklung heilsame Wirkung erzielen zu können.

Zunächst weist der Begriff Psychomotorik darauf hin, dass der Mensch als Einheit von Leib und Seele, von Körper, Geist und Emotionen gesehen wird. Bewegung wird als Ausdruck der Gesamtpersönlichkeit des Menschen betrachtet. Dabei sind Erleben, Fühlen, Denken und Handeln untrennbar miteinander verbunden. Die psychomotorische Entwicklungsförderung von Kindern bildet den Kern der Arbeit des Fördervereins. Es geht um  „Bewegungsspaß mit Wirkung“.

Seit 1985 werden in Bonn und Umgebung psychomotorische Fördergruppen angeboten, überwiegend in Turnhallen und teils spezifisch eingerichteten Räumen, wie dem Förderzentrum E.J. Kiphard in Duisdorf. Hinzu kommen zunehmende Aktivitäten im Außenbereich von Einrichtungen, in der Natur und speziell im Wald. Das Projekt „Bonner inklusives Waldabenteuer für Kinder“ (Biwak), das der Förderverein 2019 und 2020 durchgeführt hat, ist dafür ein Beispiel.

Der Förderverein möchte so vorgehen: zielgerichtete Renaturierung des Ennertsportplatzes. Das Gelände selbst soll als extensive, weitgehend der Natur überlassene Bewegungsstätte für die Bevölkerung erhalten bleiben. Gleichzeitig sollen in den waldnahen Randbereichen Bewegungsmöglichkeiten hinzukommen, etwa einfache und natürliche Kletter- und Balancieranlagen, aber auch ein grünes Klassenzimmer – ein Weidentipi von zehn Metern Durchmesser, in dem Gruppenaufenthalte und Seminare möglich sind. Die Umkleide soll Bildungs- und Aufenthaltsräumen sowie Garderoben und Toiletten erhalten. Sobald eine Architektenzeichnung  des Gebäudes vorliegt, können Umbaumaßnahmen entworfen werden. Zusätzlich soll der Wald mitgenutzt werden. Die Umgebung des alten Sportplatzes besteht aus einem von Wander- und Wirtschaftswegen durchzogenen Waldgebiet. Der Ennert selbst stellt einen für die Bonner Bevölkerung gut zugänglichen und wesentlichen Naherholungsbereich dar. Um dieses Gebiet umsichtig und naturverträglich nutzen zu können, soll mit den Forstbehörden ein Nutzungskonzept erarbeitet werden.

Der Förderverein geht auf alle Beteiligten, insbesondere die Forstbehörde, die Stadtverwaltung sowie Bürger-Vertretungen zu. Bei einem gemeinsamen Ortstermin sollen wesentliche Bedingungen zusammengetragen werden. „Im Falle einer allgemeinen Unterstützung unseres Projektanliegens könnte der Förderverein bereits 2020 mit konkreten kleineren Angeboten für Kinder und Erwachsene starten. Gleichzeitig wird zeitnah die Konzeption überarbeitet sowie um einen aktualisierten Zeitplan sowie eine Kosten- und Finanzierungsplanung ergänzt“, so Beins.

Mehr Informationen zum Vereinsangebot gibt es auf www.psychomotorik-bonn.de.