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Zweiter Weltkrieg in Bonn: Beuler berichtet über Erfahrungen

Zweiter Weltkrieg : Eine Bombe landete bei Beueler Familie im Garten

Der früherer Bezirksbürgermeister Hans Lennarz erinnert sich an den Zweiten Weltkrieg in Bonn. Sein Vater führte zu dieser Zeit ein Tagebuch. Darin sind auch die Luftangriffe der Allierten festgehalten.

Einen Schatz, um den ihn jedes Museum beneiden würde, hält Hans Lennarz in der Hand, als er vom Ende des Zweiten Weltkriegs berichtet. Der Vater des ehemaligen Bezirksbürgermeisters von Beuel hatte ihm sein Tagebuch aus dem letzten Kriegsjahr und der Zeit danach hinterlassen. „Ein Bericht aus denkwürdiger Zeit, gewidmet meinem lieben Sohn Johann Peter Lennarz von seinem Vater Josef Lennarz, Geislar, Oberdorfstraße 15“, steht im Vorwort.

Der Bericht beginnt im Juni 1944 und endet im Jahr 1948 – mit Schwarzmarktpreisen und der Währungsreform. Johann Peter Lennarz, kurz Hans genannt, ist 1935 geboren. Er kann sich noch heute sehr gut an die Kriegstage und besonders an das Kriegsende erinnern. „Da sind Geräusche und Filme in meinem Kopf, die kann man nie mehr im Leben vergessen. Alles habe ich noch visuell vor mir“, sagt er heute.

Erster großer Luftangriff erfolgte am 18. Oktober 1944

Den ersten großen Angriff aus der Luft am 18. Oktober 1944 auf Bonn und Beuel hat er genau vor Augen, weil die Flugzeuge über Geislar, Heimat der Familie Lennarz, geflogen sind. „Geschätzte 100 bis 150 Flieger entfachten ein Rauch- und Flammenmeer, sodass man nichts mehr sehen konnte“, erinnert sich Hans Lennarz. Dabei fiel auch die Vilicher Kirche und das Kloster daneben den Flammen zum Opfer.

„Am 23. Dezember gab es Alarm und im Nu trieben Tiefflieger ihr Unwesen“, zeichnete Vater Lennarz auf. „Sie schossen mit Bordwaffen durch das Dach und die Decke unseres Hauses, ferner durch zwei ineinanderstehende Kessel im Stall.“ Ein Teil des Dorfes war nach diesem Angriff ohne Wasser, und die Stromleitung war zerstört, was wohl öfters vorkam.

Bombe fällt in den Garten der Lennarz

„Am Sonntag, den 24. Dezember, abends sieben bis acht Uhr, war für uns in Geislar eigentlich der schlimmste Angriff“, schreibt Josef Lennarz und sein Sohn Hans kann das heute noch bestätigen. Eine Bombe fiel bei Familie Lennarz in den Garten. „Wir waren beim Kerzenlicht im Keller, denn das elektrische Licht wurde bei jedem Alarm ausgeschaltet. Unter den Füßen rumorte es im Boden. Als alles zu Ende war, dankten wir Gott, dass es noch mal gut gegangen ist“, erinnert sich Han Lennarz.

Um Geislar herum fielen 15 bis 20 Bomben, welche schwere Bombentrichter zurück ließen. „Das hatte einen besonderen Grund“, erzählt Hans Lennarz. „Um den Hangelarer Flugplatz zu schützen, auf dem deutsche Kampfflugzeuge stationiert waren, hatte man zwischen Geislar und Meindorf einen Pseudo-Flugplatz angelegt, dessen „Landebahn“ beleuchtet war. Hier, also nördlich von Geislar, fielen die Bomben, während der Flugplatz in Hangelar dunkel blieb und verschont wurde.“

Die Front kam immer näher

Am 6. März 1945, als man hören konnte, dass die Front immer näher kam, wurden unter der Kellertreppe Sachen, die man nicht mitnehmen konnte, eingemauert. Ferner wurden der Herd, ein Bett und eine Chaiselongue in den Keller geschafft. Man schlief von da an auch im Keller. In der Nacht vom 7. auf den 8. März setzte Artilleriebeschuss ein, was zur Folge hatte, dass das im Ort einquartierte deutsche Militär abrückte.

„Später hörte man“, so schreibt Josef Lennarz, „dass am 8. März 1945 abends von uns die Bonner Rheinbrücke gesprengt worden war.“ Von diesem Tag an schoss die feindliche Artillerie von der Bonner Rheinseite – Bonn war am 9. März von den Amerikanern kampflos eingenommen worden – auf sichtbare Wege und Wegkreuzungen. Morgens zwischen sieben und neun Uhr setzte der Beschuss aus. Diese Zeit wurde benutzt, um Einkäufe zu machen und am Brunnen oder an der Pumpe Wasser zu holen.

Am Dienstag, 20. März, um 17.45 Uhr rückten amerikanische Panzerspitzen von Vilich kommend in Geislar ein. „Die meisten Leute hatten weiße Tücher gehisst, manche sogar mit englischen Willkommensgrüßen“, erinnert sich Hans Lennarz. War jetzt der feindliche Beschuss überwunden, so wurde Geislar und Umgebung nun tagelang von deutschen Verbänden von nördlich der Sieg beschossen. Auch Familie Lennarz bekam in Schuppen und Scheune Treffer ab. „Die Amerikaner wohnten in unseren Häusern, die wir räumen mussten“, erinnert sich Hans. „Doch sie haben sich vorbildlich verhalten und nichts zerstört.“

Am 14. April 1945 rückten sie wieder ab. „Nach gründlicher Säuberung sind wir am 17. April wieder in unser Haus eingezogen“, schreibt Vater Josef Lennarz. Am 12. Juni ist die Staatsbahn mit zwei Personen- und zwei Güterwagen wieder zwischen Beuel und Menden gefahren. Ab 21. Juni gab es abends wieder elektrisches Licht und ab dem 3. September war wieder Schule in Vilich. Erst im Oktober 1946 wurde die nächtliche Ausgangssperre aufgehoben und im Frühjahr 1947 die Sommerzeit eingeführt.Das Leben in und um Geislar konnte sich wieder normalisieren.

Lennarz zeichnete alles handschriftlich auf

Josef Lennarz zeichnete alles handschriftlich in feinster „Normalschrift“, wie gedruckt, mit Füller auf. Die Normalschrift ist erwähnenswert, weil Sütterlin, die „alte“ Schreibschrift, erst kurz zuvor abgeschafft worden war. Zuerst verfasste Josef Lennarz alles auf vergilbtem DIN-A5 Papier, danach schrieb er es für jedes seiner drei Kinder noch mal ab – mit passender Widmung im Vorwort auf weißes DIN-A4 Papier.

Michael, Sohn von Hans Lennarz, hat schließlich mit seiner Ehefrau Sonja, dieses kostbare handschriftliche Kleinod zu einem kleinen Buch drucken lassen. Ein Bild der Familie Lennarz aus den ersten Nachkriegstagen ziert den Umschlag. Vielleicht wird einmal ein Museum dieses Büchlein bekommen.