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Bonns alte SPD-Baracke lebt

Bonns alte SPD-Baracke lebt

Willy Brandt verschenkte Fertigbauteile der ersten SPD-Parteizentrale 1975 an die Ostsee, wo sie bis heute als Heim der Arbeiterwohlfahrt dient

Bonn. Wo früher sozialdemokratische Politik gemacht wurde, brummt heute ein futuristischer Diskus auf dem Tisch, wenn die bestellte Pizza fertig ist. Seit dem vergangenen Jahr dampfen im Ollenhauer-Haus die Nudeln im Selbstbedienungsrestaurant "Vapiano".

Und damit teilt die frühere Parteizentrale der SPD das Schicksal mit ihrem Vorgängerbau, der Baracke. Eigentlich war es eine Reihe von Einfachbauwerken, die ihren Namen auch dem Nachfolger aus den 70er Jahren vererbten. Und auch die gibt es heute noch. Zwar wird nur in einer von ihnen Tag für Tag so kräftig zugelangt wie im Ollenhauer-Haus.

Sie dient als Speisesaal im Theodor-Schwartz-Haus, einem Zentrum der Arbeiterwohlfahrt (AWO) für Seminare und Erholung in Travemünde-Brodten. Die Schwesterbauten nebenan dienen als Schlaftrakte. Was Berlin kann, kann Bonn schon lange. Was nicht nur für den Bau von Parteizentralen gilt.

Der Namenspate für das Berliner Willy-Brandt-Haus war es, der die sogenannte "Bonner Baracke", hinter der sich immer mehrere Gebäude verborgen hatten, an die Ostsee verschenkte. Zugegeben, es war mutmaßlich einfacher, die Fertigbauteile über Hunderte von Kilometern zu transportieren, als den Kaisersaal des Berliner Hotels Esplanade über eine wesentlich kürzere Strecke zu verrücken.

Aber sei`s drum, die Bonner versetzten also schon Mitte der 70er Jahre historische Gebäude. Auch wenn es sich bei den Baracken nur um ein Provisorium gehandelt hat. Denn als 1949 der Bundestag seine Arbeit in Bonn aufnahm, zweifelte kaum einer daran, dass die Teilung schnell überwunden sei und der Umzug nach Berlin kurz bevorstehe.

Deshalb pachtete die SPD unter ihrem damaligen Vorsitzenden Kurt Schumacher ein Grundstück und vereinbarte zugleich eine Kündigungsklausel, um schnell wieder aus dem Vertrag aussteigen zu können. Logisch, dass für die 1951 bezogene Parteizentrale ein Fertigbau ausreichte. Später platzte die Baracke aus allen Nähten.

Am 8. Februar 1974 beschloss der Parteivorstand einstimmig, neu zu bauen. Und besiegelte damit das Schicksal der echten Baracke. Abriss und Ende? So herzlos zeigten sich die Sozialdemokraten nicht und schenkten den Fertigbauteilen ein neues Leben als AWO-Heim oberhalb eines Stückchens Steilküste an der Ostsee.

Parteichef Willy Brandt kam 1975 höchstselbst zur Einweihung nach Brodten. Ein gerahmtes Foto erinnert im Speisesaal daran. Und gegenüber der Rezeption hängt unter seinem Autogramm die Erinnerung an einen Besuch von Franz Müntefering, der den Baracken 30 Jahre später einen Besuch abstattete.

Umgeben von sozialdemokratischer Geschichte umsorgen Susanne Neitemeier und ihre Kollegen die Gäste, denen auch Fachwerkscheune und Haupthaus zur Verfügung stehen. Was die Baracken angeht, so haben die neuen Hausherren ihnen mit Blumenranken und Mauerwerk an den Stirnseiten ein zeitgemäßeres Aussehen verpasst. Aus rotem Backstein, versteht sich.