Bonner Jugendliche in der Corona-Pandemie „Die Zeit belastet die Jugendlichen immer noch immens“

Duisdorf · In den vergangenen zwei Jahren war der Alltag im Jugendzentrum St. Martin nicht immer einfach. Manche Besucher mussten nach Hause geschickt werden, weil nach der Corona-Schutzverordnung die Besucherzahl begrenzt war. Jetzt kehrt langsam wieder Normalität ein.

 Stephan Kemper (vorne) trägt mit Elisabeth Röcken und Paul Reinelt Stühle ins Freie, wo keine Maske mehr getragen werden muss.

Stephan Kemper (vorne) trägt mit Elisabeth Röcken und Paul Reinelt Stühle ins Freie, wo keine Maske mehr getragen werden muss.

Foto: Stefan Hermes

Der Alltag im Jugendzentrum St. Martin ist durch die 60. Fortschreibung der Corona-Schutzverordnung für die offene Kinder- und Jugendarbeit nicht leichter geworden. Auch wenn es seit dem Sommer 2021 keine komplette Schließung durch einen Lockdown mehr gegeben hat und inzwischen die Beschränkungen auf wechselnd zulässige Personenanzahl in den Räumen des Jugendzentrums weggefallen sind, sei man noch weit von einem Normalzustand entfernt, sagt Stephan Kemper.

„Die Zeit, wo sie ihre Freunde nicht treffen konnten, belastet die Kinder und Jugendlichen immer noch immens“, so der Leiter des Jugendzentrums an der Heilsbachstraße. „Wir sind froh, dass es ein milder Winter war“, sagt er. Man habe ständig alle Fenster aufgehabt und für viel frische Luft im Haus gesorgt. Auch wenn das zur Folge gehabt habe, dass man immer mit dicken Pullovern im Haus unterwegs war.

Rückwirkend spricht Kemper trotzdem von einem vollen Erfolg des zurückliegenden Herbstprogramms an dem rund 200 Kinder und Jugendliche teilgenommen hatten. Es sei überdeutlich geworden, wie sehr die großen und kleinen Besucher zwischen sieben und 21 Jahren ihr Jugendzentrum, ihren Treffpunkt vermisst gehabt hatten.

„Auch, wenn wir zuvor noch versuchten, den Kontakt digital via Zoom aufrecht zu erhalten und ansprechbar zu sein, konnten wir doch viele Jugendliche nicht erreichen“, fasst Sozialarbeiter Paul Reinelt die vergangenen Monate zusammen. Seiner Erfahrung nach gingen und gehen die Kinder und Jugendlichen sehr unterschiedlich mit den Verordnungen der Corona-Pandemie um. „Da gab es durchaus Gruppen von zwanzig oder mehr Jugendlichen, die sich zum Fußballspielen getroffen haben“, sagt er, „auch wenn die Regeln dagegen waren“. Allerdings wisse er auch von Eltern, die ihren Kindern den Besuch des Jugendzentrums aus Sorge vor einer Ansteckungsgefahr verboten hätten.

Mal mit, mal ohne Maske

Es sei sehr schwer, mit den sich ständig neu ergebenden Vorschriften umzugehen. So habe man in den letzten Wochen noch im großen Saal des Jugendzentrums Fußball ohne Maske spielen können, was aktuell wieder verboten wurde. „Alle zwei Wochen hänge ich ein neues Schild an die Türe, wer nun unter welchen Bedingungen ins Haus darf“, sagt Kemper. Zu Beginn des neuen Programms in dieser Woche („Das steht an“) hatte man alle Hände voll zu tun, den Ansturm von rund 80 Kindern und Jugendlichen derart zu regulieren, dass die geltenden Abstandsregeln einzuhalten waren.

„Aber das lief gut“, so Kemper. Dagegen sei es ihm in den vergangenen Monaten während der Begrenzung auf zehn oder 20 Besucher sehr schwer gefallen, die Kinder und Jugendlichen an der Türe des Jugendzentrums abweisen zu müssen. „Das habe ich teilweise als diskriminierend empfunden“, sagt er.

Kemper weiß um die Bedeutung des Jugendzentrums für den Stadtteil. „Wir leisten hier eine wichtige Beziehungsarbeit“, sagt er. Mehr als 1000 Kinder und Jugendliche besuchen im Jahr das Jugendzentrum. Rund 400 davon kommen regelmäßig. Etwa 200 haben ausländische Wurzeln. „Integration findet bei uns auf vielen Ebenen statt“, sagt Kemper. Integration sei der Alltag im Jugendzentrum, wo sich die Kinder aus 24 Grund-, Haupt-, Mittel- und Förderschulen des Einzugsgebietes treffen und miteinander ins Spiel oder ins Gespräch kommen.

„Die Hürde, hier jemanden anzusprechen, ist niedrig“, ergänzt Reinelt. Selbst wenn es zu Auseinandersetzungen komme, seien das „Ressourcen, mit denen man arbeiten kann“, sagt er. „Wir bieten einen geschützten Raum, in dem Kinder und Jugendliche immer einen Ansprechpartner finden“, so Kemper. „Oft sind es Teenager-Probleme, für die wir ein offenes Ohr haben“, sagt Reinelt. Da gehe es eher selten um Corona-Probleme, sondern handele sich eher um enttäuschte Liebe oder um Themen von Gruppenzugehörigkeit.

Noch fehlt die Ungezwungenheit

Kemper, Reinelt und Röcken sind sich einig darüber, dass man kaum noch mit den Folgen der Pandemie zu tun habe. Nach zwei Jahren sei nahezu eine Form von Normalität eingetreten. Doch es fehle noch eine Ungezwungenheit und der Umstand, nicht ständig über neue Regeln nachdenken zu müssen. Größtenteils hätten auch die Kinder und Jugendlichen gelernt, sich weitestgehend mit Corona zu arrangieren. Einzig das Tragen einer Maske mache nicht nur die lauernde Gefahr sichtbar, sondern erschwere vor allem auch den Umgang miteinander. Es sei nicht einfach, sei es im Sport, Spiel oder im Gespräch, auf die Mimik eines Gegenübers verzichten zu müssen.

Kemper beobachtet, dass es kaum noch eine Sorge unter den Besuchern des Jugendzentrums gibt, sich anzustecken. „Das mag im letzten Jahr noch anders gewesen sein“, sagt er. Momentan, wo sie hören, dass eine Infektion eher einem grippalen Infekt gleichkomme, habe die Pandemie für viele Kinder und Jugendliche ihren Schrecken verloren. „Eigentlich leben sie den jetzigen Zustand als Normalität“, resümiert Kemper. Das Schlimmste sei jetzt das Atmen unter der Maske. „Wenn die Maske weg wäre“, vermutet er, „wäre alles gut.“

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