Ehrenmord-Prozess: Gefährdete Zeugin belastet Vater und Cousin

Aussage per Videoschaltung - "Es ist für mich ein sehr schwerer Tag"

Bonn. "Es ist für mich ein sehr schwerer Tag, denn es ist mein Vater, und ich habe ihn geliebt", sagt die Frau auf der Leinwand über den 65-jährigen Mann auf der Anklagebank, den sie jedoch nicht sehen kann.

Alle Blicke im Gerichtssaal sind an diesem Tag auf die 35-jährige Zeugin gerichtet, die nicht persönlich im Zeugenstand erscheinen muss, sondern aus Sicherheitsgründen von einem geheimen Ort aus per Videoschaltung vom Bonner Schwurgericht vernommen wird.

Denn die Frau, die nun von einem Maskenbildner verändert und mit Sonnenbrille unkenntlich gemacht über die Ermordung ihrer jüngeren Schwester Waffa im Jahr 1993 durch ihren Vater und zwei Cousins spricht, fürchtet um ihr Leben und ist untergetaucht. Und ganz besondere Angst hat sie, wie deutlich wird, vor ihrem Cousin auf der Anklagebank - für sie die treibende Kraft hinter allem.

Sie hat Angst seit dem Morgen, an dem der Vater sie, wie sie schildert, weckte und ihr die tot mit einem Seil um den Hals auf dem Sofa liegende 17-jährige Schwester zeigte und ihr drohte, ihr gehe es genauso, wenn sie sich nicht an die Regeln des Islam halte und nicht schweige. Ihr Vetter, der nun mit ihrem Vater wegen Mordes vor Gericht sitzt, habe diese Drohung bekräftigt.

Der 40-Jährige habe beide Enden des Seils in der Hand gehabt und sie aufgefordert, an einem Ende zu ziehen. Dann sei sie ins Nebenzimmer zur erst drei Wochen zuvor illegal aus Syrien geholten Stiefmutter geschickt worden, um diese zu trösten.

Die erst 20-jährige Frau sei völlig fertig gewesen. Sie habe sie so gut sie konnte beruhigt, dabei habe sie selbst unter Schock gestanden. Später habe der Vater ihr gesagt, er und die beiden Cousins hätten Waffas Leiche bei Asbach vergraben in einem Erdloch, das sie zu dritt Wochen zuvor gegraben hätten.

Der Vater habe sehr gelitten unter allem und gesagt: "Ich hatte keine Chance, ich musste es tun, du kennst doch unsere Familie." Und noch einmal erklärt die 35-Jährige, wie der 40-jährige Cousin die Familie mit seinen fundamentalistischen Werten und seiner Aggressivität immer mehr bestimmt habe.

Die Zeugin verließ ihre Familie im Februar 1994, zog zu ihrem Freund, machte Abitur - und glaubte, wie sie schildert, sie könne trotzdem ihr Leben leben. Wie traumatisiert sie war, habe sie erst bemerkt, als sie sich nicht mehr konzentrieren konnte, Schlaflosigkeit, Unruhe und Angst sie beherrschten.

2002 sprach sie mit einem Therapeuten über den Mord, 2004 ging sie zur Polizei - und hat seitdem Todesangst. Dass ihr Vater sein eigenes Kind tötete, kann sie einfach nicht begreifen. Waffa sei der Liebling ihres Vaters gewesen, sagt sie, sehr temperamentvoll, und habe rebelliert, wo sie selbst sich mit Vernunft durchgesetzt habe.

Schließlich sei Waffa vom Vater nach Syrien zu Verwandten gebracht worden, doch als die Männer in der Familie die in ihren Augen ehrlose Waffa zu vergewaltigen versucht hätten, sei sie in die Türkei geflohen, schwanger geworden und zurück gekommen. Das Kind habe Waffa ins Heim gegeben, weil sie nicht gewollt habe, dass es in dieser Familie aufwächst. Sie sie völlig aus dem Tritt geraten.

Eines Tages sei sie heimgekommen und habe den Vater um Hilfe gebeten, weil sie unter Drogen gesetzt und tagelang zur Prostitution gezwungen worden sei. Der Vater habe versichert, er kümmere sich um das Problem. Was er damit meinte, hätten sie beide nicht begriffen.

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