1. Bonn

Das Zuhause als Tatort: Gewalt gegen Frauen nimmt in der Pandemie zu

Das Zuhause als Tatort : Gewalt gegen Frauen nimmt in der Pandemie zu

Viele Frauen und Mädchen sind Gewalt ausgesetzt. Auch in Bonn. Experten warnen, dass insbesondere häusliche Gewalt in der Pandemie zugenommen hat. Mit einer Lichteraktion haben die Stadt Bonn und Fraueninitiativen auf das Thema aufmerksam machen wollen.

 Groß war das Entsetzen, als vor einigen Jahren ein Mann auf offener Straße in Kessenich erst seine Frau und dann sich selbst erschoss. Einige Passanten wurden Zeugen des Mordes an der damals 32-Jährigen, die zwei kleine Töchter zurückließ. Der Tat vorausgegangen war ein langes Martyrium der jungen Mutter, die von ihrem Mann geschlagen und misshandelt worden war, weil sie sich trennen wollte. Bis heute nicht vergessen ist auch der Mord 2007 an Hannah aus Königswinter. Die damals 14-Jährige war abends auf dem Heimweg von einem 25-jährigen Mann vergewaltigt  und erstochen worden. An diesem Donnerstag haben die Stadt Bonn, UN Women Deutschland und die beiden Zonta-Clubs Bonn und Rheinaue unter dem Motto „Orange the world – Orange Bonn“ anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen mit einer gemeinsamen Lichteraktion ein sichtbares Zeichen gesetzt. Die Schirmherrschaft der Aktion hat Oberbürgermeisterin Katja Dörner übernommen.

Von der Drachenburg über Drachenfels, Kommende Ramersdorf, Godesburg, Redoute, Bundeskunsthalle, Kunstmuseum, Marriott, Kreuzkirche, die Postfilialen in Bonn bis hin zum Uni Hauptgebäude und sogar zum Verwaltungssitz von Bonnorange am Lievelingsweg waren die Gebäude in orangefarbenes Licht getaucht.  In diesem Jahr hängen auch wieder an verschiedenen Stellen im Bonner Stadtgebiet leuchtend orangefarbene Fahnen und Banner mit dem Aufruf „Stopp Gewalt gegen Frauen“, wie zum Beispiel auf der Kennedybrücke.  An den Bahnhaltestellen Bonn-Hauptbahnhof und Bad Godesberg Rheinallee werden auf den Infoscreens Spots zum Thema gezeigt. 

„Thema in die Öffentlichkeit tragen“

Die Farbe Orange soll „Licht in das Dunkel von Gewalt bringen und das Thema in die Öffentlichkeit tragen“, erklärte Pfarrerin Grit de Boer, Sprecherin des Zonta-Clubs Bonn. Denn es sei keine private Angelegenheit, wenn Frauen und Mädchen Gewalt ausgesetzt seien. Die Formen seien dabei sehr unterschiedlich: Von sexualisierter Gewalt, arrangierten Ehen minderjähriger Mädchen, über Benachteiligung bei Bildung und Beruf bis hin zu häuslicher Gewalt, so de Boer weiter. So sei gerade in der Coronazeit die häusliche Gewalt stark angestiegen, wie Experten warnen. 

Deutschlandweit sterben einer  Polizeistatistik zufolge jeden zweiten bis dritten Tag Frauen an den Folgen von Gewalt durch ihren Ehemann, Lebenspartner oder Ex-Partner. Laut einer Studie der Bundesregierung wurden im Jahr 2018 in Deutschland mehr als 114 000 Frauen Opfer von Gewalt.

898 Opfer im Jahr 2020 in Bonn

Polizeisprecher Michael Beyer teilte auf Anfrage des GA mit, die Bonner Polizei habe  in ihrem Zuständigkeitsbereich  im vorigen Jahr  insgesamt 898 Opfer von häuslicher Gewalt registriert, 72 Prozent der Opfer waren Frauen. Beyer: Tendenz steigend. Erst vor wenigen Tagen berichtete die Polizei-Pressestelle von einem 21-Jährigen, der in Bonn seine gleichaltrige Freundin brutal zusammengeschlagen hatte und –  als sie mit dem Auto vor ihm flüchtete –  ihr mit dem Wagen im alkoholisierten  Zustand auf der Kölnstraße hinterherraste.

Alte Rollenbilder verfestigt

„Das Thema Gewalt an Frauen muss aus der Tabuzone geholt werden. Gerade durch die Pandemie haben sich wieder alte Rollenbilder von Frauen und Männern verfestigt, von denen wir dachten, dass sie längst überwunden sind“, so die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Bonn, Stephanie Clemens-Krämer. Gewalt gegen Frauen habe System, und sie sei mit unerträglichen Folgen für die Betroffenen wie für die gesamte Gesellschaft verbunden, mahnt auch Monika Wegmann-Jung, Präsidentin des Zonta-Club Bonn.

„Wir brauchen eine bundesweite Gesamtstrategie, die auch bei uns greift. Die notwendigen Präventions- und Schutz-Maßnahmen müssen auch in Bonn ressortübergreifend koordiniert, zuverlässig finanziert und gemeinsam von der gesamten Kommune getragen und umgesetzt werden. Anderenfalls lösen wir das Problem nicht“, ist Ulrike Seeler überzeugt. Sie ist die Koordinatorin beider Bonner Clubs für „ZontaSays No“, eine internationale Kampagne, die 2012 gestartet wurde und sich dafür einsetzt, Gewalt gegen Frauen zu beenden.

Die Zonta-Clubs sowie UN Women Deutschland und die Stadt Bonn veranstalten an diesem Freitag zudem ab 17 Uhr eine Podiumsdiskussion im Haus der Bildung, um das Thema aus der Tabuzone zu holen und gemeinsam mit den Kooperationspartnern Hilfsmöglichkeiten aufzuzeigen.  Das Thema lautet „Tatort zuhause – gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“. Für die Teilnahme vor Ort gilt die 2G-Regelung. Die Plätze sind allerdings begrenzt. Die Veranstaltung kann auch auf Youtube unter dem Link https://youtu.be/PwFRLIGC9eU online verfolgt werden.