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Coronakrise: Alltag auf der Rochusstraße kommt ins Stocken

Coronakrise : Alltag auf der Rochusstraße kommt ins Stocken

Während der Coronakrise sind deutlich weniger Passanten auf der Rochusstraße in Duisdorf unterwegs. Andererseits fürchten sich viele Bürger vor der Einsamkeit bei einer Ausgangssperre.

Wie jeden Morgen geht Heinz Esch zum Einkaufen von der Bahnhofstraße in die Rochusstraße. Der 83-Jährige empfindet – derzeit - keine Einschränkung durch die Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus. „Es wird wieder verschwinden wie es gekommen ist“, sagt ihm seine Lebenserfahrung. Die meisten Nachbarn seien berufstätig, „aber wir würden jederzeit Hilfe bekommen und uns gegenseitig unterstützen“.

Einige Krisen hat Esch schon gemeistert. Völlig klar, dass die Ansteckungsgefahr schnellstmöglich gebannt werden müsse, zumal seine Frau gesundheitlich vorbelastet sei. Auf die leichte Schulter nimmt er also auch diese keinesfalls. „Krise kann durch konservative Mittel eingedämmt werden. Nur jeder muss sich daran halten.“ Sein Mitgefühl gilt besonders den Kassiererinnen und Verkäufern. Es habe doch eine Weile gedauert, bis deren Arbeitgeber reagiert und sie besser vor direktem Kontakt und möglicher Ansteckung geschützt hätten. Daher will er „jetzt auch mal loben“. An der Tankstelle in Duisdorf wurde eine Plastikwand im Kassenraum aufgestellt. „Das ist eine einfache, funktionelle Hygienemaßnahme. Früher gab es so etwas auch am Fahrkartenschalter.“ Im Supermarkt sei die Drehtür entsperrt worden, damit nicht jeder sie anfassen muss und sich möglicherweise infiziert.

Die schlimmste Krise seines Lebens bislang sei auf jeden Fall der Zweite Weltkrieg gewesen, den er in Köln erlebte. Damals habe ihn entsetzt, wie rücksichtslos und egoistisch sich Menschen verhalten können. Bestimmte Szenen stehen ihm bildhaft vor Augen und drängen sich derzeit wieder heftiger auf. Ist die Situation damals mit der aktuellen vergleichbar? „Nein.“ Aber die Hamsterkäufe würden zeigen, welche archaischen Ängste die Corona-Krise freisetzt.

Für Pfarrer Georg Schwikart ist eine der größten Belastungen die Frage: „Wie lange dauert das?“ Die Aussicht, dass Menschen möglicherweise viele Monate der Nähe entbehren, die sie eigentlich brauchen, schüre Depressionen und Einsamkeit. Auf Distanz zu bleiben, sei jedoch unbedingt notwendig. Statt „wie geht es, begrüßen sich die Menschen mit: Stehen wir weit genug auseinander? Das ist so ungewöhnlich, weil wir uns doch gerade jetzt am liebsten in den Arm nehmen würden, aber nicht dürfen.“ Für die Kirchen sei die Situation schwierig. „Wir kämpfen ohnehin gegen Bedeutungsverlust. Jetzt noch das Versammlungsverbot. Wir müssen improvisieren.“

Schwikart sendet auf der Homepage der Hardtberg-Gemeinde per Video das „Wort zum Freitag“. Am kommenden Sonntag und dann für die nächsten Wochen werden um 11 Uhr die Glocken von St. Rochus, St. Augustinus und St. Matthäi läuten. Sie sollen für Gläubige ein Zeichen zum Innehalten sein. „Wir würden uns wünschen, dass die Christen ein Vaterunser beten.“ Schwikart und sein katholischer Amtskollege Pfarrer Jörg Harth werden allein – ohne Ministranten und Gläubige – in ihren Kirchen einen ökumenischen Gottesdienst feiern.

Im Laufe der vergangenen Woche hat sich die Zahl der Passanten auf der Rochusstraße zwar Tag für Tag reduziert, menschenleer war die Einkaufsstraße – in der so anachronistisch noch die Weihnachtsbeleuchtung hängt – jedoch nie. Auch am Freitag waren recht viele unterwegs –- meistens solo, höchstens zu zweit. Die Ortsansässigen grüßen sich mit sichtlichem Unbehagen. „Weiche“, sagt einer beispielsweise, um das befreundete Ehepaar auf Abstand zu halten. Auf das Verzällchen wird nicht verzichtet. Das Hauptthema ist gesetzt. „Gespenstisch“ findet eine Frau die Situation. Eine Bäckereiverkäuferin findet bedrückend, dass sich viele mit „Bleiben Sie gesund“ verabschieden würden. „Warum können wir uns nicht trotzdem einen schönen Tag wünschen?“

Für Imbissbetreiber Ilhan Kaya gibt es jedoch schon seit Wochen keinen guten Tag mehr. Immer weniger Kunden. „Es entwickelt sich schlimmer als ich gedacht habe und wird noch einige Monate dauern. In der Zeit gehen die kleinen Betriebe in die Knie.“ Beim Optiker sind die Verhaltensregeln ausgehängt und mit einem Smiley versehen. Geschäftsführerin Enahid Krüger hält sich ständig auf dem Laufenden. Sie stammt aus dem Irak und hat Krieg und Katastrophen erlebt. Umso mehr wundert sie sich, „dass Leute die Situation nicht ernst nehmen und unvorsichtig sind“.

Als aktive Seniorin will zudem Rosemarie Pehl die Zeit vor einer möglichen Ausgangssperre, die sich andeutet, nutzen: „Von der Aussicht eingesperrt und allein zu sein, bekomme ich jetzt schon Depressionen“, sagt sie.