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Bonn - Ausbildung als Krankenpfleger: 30 Minuten Zeit pro Patient

Bonner machen Ausbildung als Krankenpfleger : 30 Minuten Zeit pro Patient

Zwei Auszubildende zur Pflegefachkraft sind auch in der Pandemie davon überzeugt, den richtigen Beruf gewählt zu haben. Sie machen ihre Ausbildung am Helios Klinikum auf dem Hardtberg.

Den Rest seines Lebens wollte der 24-jährige Feng Shih nicht hinter einem Schreibtisch verbringen. So überzeugte ihn bereits das zweiwöchiges Praktikum im Helios-Klinikum auf dem Hardtberg davon, dass es für ihn die richtige Entscheidung war, dort eine Ausbildung zum Pflegefachmann zu beginnen. Da hatte er Taiwans Hauptstadt Taipeh erst vor neun Jahren verlassen, um seinen Eltern nach Deutschland zu folgen, hier Deutsch zu lernen und das Abitur zu machen. Im April 2020, zu Anfang des ersten Lockdowns in der Corona-Pandemie trat er seinen neuen Ausbildungsplatz in der Klinik an, in der jährlich rund 750 Mitarbeiter 16.500 Patienten stationär und mehr als 20.000 ambulant versorgen.

„Es macht mir Freude, die Menschen durch eine schwere Zeit begleiten zu können“, sagt Shih. Er fühlt sich durch die Corona-Pandemie nicht eingeschränkt. Das Arbeiten im Krankenhaus hat er nie anders kennengelernt. Für ihn sei es jeden Abend immer wieder schön, sagen zu können, „heute habe ich etwas Gutes getan.“ Auch wenn es anfangs schwer für ihn gewesen sei, auf der Palliativstation Menschen sterbend zu erleben, empfinde er die Dankbarkeit, die er von Patienten erfahre, als etwas, dass ihn glücklich mache.

Im Unterschied zu Luisa Liebscher (21), die sich bereits in ihrem zweiten Ausbildungsjahr kurz vor ihrer Zwischenprüfung befindet, klagt er auch nicht über mangelnde Zeit mit Patienten oder fehlendes Personal. Vielleicht ist dies seiner sprichwörtlichen asiatischen Gelassenheit zuzuschreiben, die ihn später auch sagen lässt, dass nichts im Leben nach Plan laufe. Man müsse sich eben immer auf die gegebene Situation einstellen. Seine Augen lächeln dabei. Sein Mund ist hinter einer Maske versteckt.

Liebscher sieht die Arbeitssituation für das Pflegepersonal in dem Krankenhaus etwas kritischer. Sie hatte schon in der Anfangszeit der Pandemie die coronabedingten Ausfälle von Pflegefachkräften erlebt, was zu Engpässen, Mehrarbeit und damit zu viel zu wenig Zeit für die Patienten geführt habe. „Auch jetzt ist längst nicht alles gut“, sagt sie. Pro Acht-Stunden-Schicht sollten etwa 30 Minuten pro Patient zur Verfügung stehen, um eine vollständige Pflege erfüllen zu können. „Das schaffen wir jedoch überhaupt nicht“, sagt sie. Zeitdruck und Personalmangel seien einfach zu groß.

 Pflegedirektor Mark Bierther.
Pflegedirektor Mark Bierther. Foto: Stefan Hermes

Sie fange um sechs Uhr morgens an, mache die Übergabe, besuche die Patienten der Station um die Vitalzeichen Bewusstsein, Atemfrequenz, Puls, Blutdruck und Körpertemperatur zu messen und aufzuzeichnen und dann käme schon die Medikamentengabe. Danach müsse jede Patientin, jeder Patient individuell fertig gemacht werden bevor man um 8.30 Uhr zur Frühbesprechung eile, der sich dann schon die Visite anschließe. Vieles von dem mache die Auszubildende ohne Begleitung einer examinierten Kraft. „Wenn man sich dabei nicht gut organisieren kann, ist man dann schon mal verloren“, sagt sie. In einem anderen Haus habe sie die Erfahrung gemacht, dass bereits viele Vorgänge digitalisiert und die Pflegekräfte mit Tablets unterwegs sind, was sie als enorm zeitsparend empfunden habe.

Die Digitalisierung sei ein positiver Effekt der Corona-Krise, stellt Liebscher fest. So erlebe sie auch den Distanzunterricht ihrer Ausbildung, die seit einem Jahr digital stattfindet, nicht mehr als Mangel. „Die Lehrer sind Tag und Nacht für uns da“, lobt sie ihre Berufsschule. Da gebe es keine Defizite. Auch wenn sie die Ausbildung zur Pflegefachfrau erst einmal als Fundament für ein weiteres Studium – vielleicht Soziale Arbeit oder Physician Assistent (deutsch: Arztassistent) – sieht, ist die Abiturientin des Tannenbusch-Gymnasiums sicher, den richtigen Berufsweg eingeschlagen zu haben. Letztlich sei es, wie auch ihr Azubi-Kollege Shih schon betonte, die Dankbarkeit der Patienten, die sie immer wieder zu der manchmal schon recht anstrengenden Arbeit motiviere.

Schwer tue sie sich nur mit der Gewöhnung an den Schichtdienst, der manchmal von ihr ein Aufstehen um fünf Uhr morgens verlange. Aber das Erfolgserlebnis, wenn schwer kranke Menschen nach einiger Zeit das Krankenhaus wieder gesund verlassen könnten, wiege auch die gewöhnungsbedürftigen Arbeitszeiten auf. Inzwischen habe sie auch gelernt, nicht zu viel Belastendes von der Arbeit mit nach Hause zu nehmen. „Wenn man zum ersten Mal einen Menschen sterben sieht“, sagt sie, dann überlege man automatisch, was man falsch gemacht haben könnte, ob der Tod nicht hätte verhindert werden können. Auch wenn sie weiß, dass dem nicht so ist, habe es eine Weile gebraucht, bis sie solche Situationen hätte verarbeiten können.