Nachbarschaftszentrum Brüser Berg Country-Musik ist mehr als Kautabak und Wild-West

Hardtberg · Lange vor Taylor Swift, Miley Cyrus oder Beyoncé sprach die Country-Musik aus den Seelen der ländlichen Bevölkerung der USA. Ethnologe Lothar Heinrich gab im Nachbarschaftszentrum Brüser Berg Einblicke in die Geschichte einer klischeebehafteten Kultur, die von sozialen Missständen geprägt ist.

Ethnologe Lothar Heinrich im Nachbarschaftszentrum Brüser Berg.

Ethnologe Lothar Heinrich im Nachbarschaftszentrum Brüser Berg.

Foto: Emre Koc

Cowboys, Revolver, Kautabak und Konföderiertenflaggen. Diese und ähnliche Klischees dürften einem durch den Kopf gehen, wenn man mit Country-Musik nichts am Hut hat. Dass Country viel mehr als Wild-West oder zahnlose Wollfilzhutträger mit einsaitigen Banjos bedeutet, zeigte der Bonner Ethnologe Lothar Heinrich bei einer Veranstaltung im Nachbarschaftszentrum Brüser Berg (NBB). Mit zahlreichen Liedern seit Beginn der Tonaufnahme in den 1920ern führte er durch die Geschichte der meist aus den ländlichen Teilen der amerikanischen Bevölkerung stammenden Musikkultur. Geprägt ist sie vor allem durch die soziale Kluft zwischen Arm und Reich, die Ablehnung der städtischen Lebensart, Erlebnisse des einfachen Lebens, Liebe, Verlust, aber auch durch Patriotismus.

„Auch wenn es viele Songs gibt, die Nullachtfuffzehn sind, ähnlich wie bei den schnulzigen Liedern im deutschen Schlager, ist Country-Musik sehr viel mehr als Medium zu verstehen, das die Lebenssituation der Menschen in ländlichen Regionen der Staaten widerspiegelt“, sagt Heinrich zu Beginn der Veranstaltung. Geprägt sei die Musik zum größten Teil von Kolonisten aus Irland, Schottland und England. Grob gesagt könne man den Ursprungsort in den südlichen Appalachen, also in den Bundesstaaten Tennessee und Kentucky, lokalisieren. Während Heinrich spricht, tönt bereits ein erstes Beispiel aus den Lautsprechern: „Wildwood Flower“ (deutsch: Wildwald-Blume) von der Carter Family, einer Country-Gruppe aus Virginia, die das Genre in den 20ern maßgeblich prägte. Der Song handelt von einer Person, die völlig überraschend von ihrem Geliebten verlassen wurde. Das Original sei eigentlich ein amerikanischer Folksong, der aus den 1860ern stammt und durch die Carter Family rund 60 Jahre später richtig bekannt wurde. Keine unübliche Praxis, wie Heinrich erklärt.

Die Streichinstrumente und der eingängige Gesang sorgten unversehens für eine fröhlich-melancholische Stimmung und den Drang, mitzuwippen. So auch beim nächsten Song: „Train 45“. Wie der Name schon erahnen lässt, geht es, ganz grob gesagt, um eine Eisenbahn. „Eisenbahn-Songs sind in den USA eine sehr wichtige Sache gewesen, weil Züge für die Erschließung des Westens eine elementare Rolle spielten“, erklärt Heinrich. Die schnellen Tonfolgen von Gitarre, Banjo und Co. erinnern an Yosemite Sam von Looney Tunes und sind sehr ansteckend. So sehr, dass der 84-jährige Selim Sabbah, ein Dauergast des NBB, der kurz vorher eingeschlafen war, aufwacht und kräftig zur Musik mitschunkelt. „Man kann zu der Musik sehr gut tanzen, aber nicht während man im Stuhl sitzt“, sagt er und steht auf, um nachzufragen, wo der Kaffee bleibt, denn „den gibt es hier immer“.

Country-Musik ist aber nicht nur Eisenbahn-Abenteuer, Schnulze oder Kaffee. Auch wesentlich ernstere Themen wie Gefangenschaft, notgedrungene Kriminalität und Elend prägten sie. Ein berühmter Song von Hank Williams ertönt: „The Tramp on the Street“ (deutsch: der Landstreicher auf der Straße). Der Song spricht aus der Seele der ärmeren Bevölkerung und auch die zentrale Frage an: Würde Jesus heute eine bessere Behandlung erfahren als die Obdachlosen in Ihrer Heimatstadt? Danach folgt ein Song von Tom Jones aus dem Jahr 1967: „Green, Green Grass of Home“. Der Text thematisiert einen zum Tode verurteilten Mann, der sich in seiner Gefängniszelle nach Hause sehnt. Eine Anwesende singt mit, und das nicht zum ersten Mal. „Country-Musik begleitet mich seit meinem 15. Lebensjahr“, sagt die Bonnerin Ingrid Zacher. Viele der Lieder, die Heinrich bei der Veranstaltung vorspielt, kennt sie auswendig. Was fasziniert sie an der Musik? „Damals hatte ich im Wohnzimmer meiner Eltern zum ersten Mal Country gehört. Den ernsteren Inhalt hatte ich noch nicht verstanden. Mir gefiel vor allem das Schnulzige und der Sound.“ Mittlerweile findet sie auch die Texte der gesellschaftskritischeren Künstler ansprechend. In ihrer Freizeit spielt und singt Zacher auch Songs ihrer Lieblingskünstler nach.

Am 20. Juni bietet Lothar Heinrich seine nächste Musik-Veranstaltung im NBB an: „Lateinamerikanische Musik – von Mexiko bis Argentinien“. Adresse: Fahrenheitstraße 49, 53125 Bonn. Uhrzeit: 15 bis 16.30 Uhr.

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