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Bonn: Ehemalige Geflüchtete berichten über ihre Ukraine-Hilfe

„Deutschland ist nicht so einfach“ : Ehemalige Geflüchtete berichten über ihre Ukraine-Hilfe in Bonn

Die Whatsapp-Gruppe „Hilfe für Flüchtlinge in Bonn" hat zurzeit 45 Mitglieder von denen etwa die Hälfte seit einem halben Jahr aktiv ist. Sie berichten von ihren Problemen.

Drei Tage lang hatte Alina H. (30) nach dem russischen Angriff auf die Ukraine geweint, bevor sie am 27. Februar die Whatsapp-Gruppe „Hilfe für Flüchtlinge in Bonn“ ins Leben rief. Ein Netzwerk von Frauen, die schon vor vielen Jahren die Ukraine, Russland, Lettland oder Belarus verlassen haben. Alina kam bereits vor 16 Jahren mit ihren Eltern nach Bonn und erinnert sich noch genau, wie schwer es ihr fiel, sich in Deutschland einzuleben.

„Damals gab es keine organisierte Hilfsbereitschaft, keine Willkommenskultur oder Verständnis für uns“, sagt sie. Irina (58) und Lina (29) nicken zustimmend. Irina kam bereits vor 25 Jahren als eine in der Ukraine geborene jüdische Zuwanderin aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland, während Lina 2011 mit Ihren Eltern Kasachstan verließ, um in Bonn ein neues Leben anzufangen.

Die drei Frauen wollen unerkannt bleiben

Die drei Frauen möchten an dieser Stelle nicht mit ihrem vollen Namen genannt werden, da sie in der Sorge leben, von russischen Aktivisten aufgrund ihrer ehrenamtlichen Hilfe verfolgt zu werden. Sie alle gehören zu der von Alina initiierten Whatsapp-Gruppe und sitzen sich für das Gespräch mit dem GA zum ersten Mal persönlich gegenüber. „Wir helfen den ukrainischen Geflüchteten, ohne dass wir uns alle kennen“, sagt Irina. Aus den anfänglich über 50 Mitgliedern der Gruppe sind 45 geblieben, wovon etwa die Hälfte noch immer aktiv ist, berichtet Alina.

Ihren ersten sichtbaren Erfolg konnte die Gruppe mit einer im Hardtberger Bezirksrathaus eingerichteten Kleiderkammer verbuchen, deren kostenloses Angebot seit April von rund 1500 Geflüchteten genutzt wurde. „Wir haben Ende August zugemacht“, sagt Alina, „als wir feststellten, dass der Bedarf gedeckt ist.“ Sie einzurichten sei der Unterstützung des Stadt- und Bezirksverordneten Bert Moll zu verdanken, der sie immer wieder in vielen Belangen schnell und unbürokratisch unterstütze.

Dinge des täglichen Bedarfs sind wichtig

„Oft ist es unser Problem“, sagt Alina, „dass wir als ehrenamtliche Gruppe nicht ernst genug genommen werden.“ Trotzdem hielt es kein Mitglied davon ab, sich seit einem halben Jahr unermüdlich für die in Bonn angekommenen Geflüchteten einzusetzen. Mit ihrem Netzwerk ist es ihnen nicht nur gelungen, Kleidung, Möbel und Dinge des täglichen Bedarfs zu kaufen oder zu organisieren, sondern auch Wohnungen zu vermitteln und bei Amtsgängen zu begleiten oder als Übersetzerinnen zur Verfügung zu stehen.

Viele Geflüchtete, die von der Gruppe unterstützt wurden, kehrten inzwischen schon wieder in ihre Heimat zurück. „Deutschland ist nicht so einfach, wie wir das hier denken“, sagt Alina. Viele Neuankömmlinge verzweifelten an der deutschen Bürokratie. Was in der Ukraine über eine App (DIA) sofort oder in wenigen Stunden digital zu erledigen ist, könne in Bonn Wochen oder Monate brauchen.

Fehlende Digitalisierung

„Man kann erklären, dass hier fehlende Digitalisierung oder Personalmangel der Grund sind, aber sie verstehen es nicht und nehmen es persönlich“, sagt Lina, die auf Ämtern für ihre Landsleute dolmetscht oder Antragstellungen begleitet. „Wenn ich allerdings eine Auskunft für meine Landsleute brauche, bekomme ich aus Gründen des Datenschutzes keine Antwort“, fasst sie die Erschwernis ihrer täglichen Arbeit zusammen.

Doch ist sie voll des Lobes für das Ausländeramt der Stadt Bonn, wo sie alle sehr bemüht seien, „doch wenn dann mal jemand wegen Krankheit ausfällt, kommt auch dort alles ins Stocken“, sagt sie. „Ohne anerkannte oder registrierte Helferin zu sein, komme ich oft nicht weiter.“ Insbesondere beim Jobcenter oder dem DRK renne sie oft gegen verschlossene Türen. Das erschwere die Arbeit unnötig, resümmiert Lina, die sich nun zur Migrationshelferin ausbilden lässt.

„Die Geflüchteten sind enttäuscht und gehen zurück in ihre Heimat“, sagt Alina. Beispiel sei eine ihrer Freundinnen, die darauf hoffte, in Deutschland als Juristin weiter ihrem Beruf nachgehen zu können. „Aber ihr fehlte die Sprache. Da ist für sie maximal Putzen drin.“ Alle Geflüchteten, die nach Deutschland kämen, hätten im Gegensatz zu ihrer eigenen Migrationsgeschichte den „Plan B“, wieder nach Hause zu gehen.

Nichts außer Sirenengeheul

Hier habe man eine falsche Vorstellung von dem Krieg in der Ukraine. Moderner Krieg sei etwas anderes, als wir das aus der Vergangenheit kennen würden, sagt sie. Das Alltagsleben in der Ukraine ginge weiter. Es gebe viele Regionen in denen außer Sirenengeheul nichts passiere. Die Menschen riskierten es, wieder zu ihren Familien zurückzukehren, weil sie hier keine Perspektive mehr sehen, so Alina. Sie gingen dahin zurück, wo man sie verstehe, auch wenn sie wüssten, dass das, was einmal war, nicht mehr da sei.

„Wer von ihnen hier bleibt“, so Irina, „ist auf die Hilfe von Menschen wie uns angewiesen.“ Sie verstünden die Geflüchteten, wie kaum ein anderer, weil sie das alles schon selber erlebt hätten. Problem sei nur, so Lina, dass sie von den Behörden kaum unterstützt würden. „Keiner weiß, dass wir das alles ehrenamtlich und mit eigenem Geld tun“, sagt sie. Es sei manchmal deprimierend, dass man nicht effizienter sein könne. Dafür hätten sie allerdings schon viel geschafft, ergänzt Irina, die rund 40 Familien privaten Wohnraum vermitteln konnte. „Deutschland ist unglaublich hilfsbereit“, fasst sie dankbar zusammen.

Materielle Not der Geflüchteten

Alina bezeichnet es darüber hinaus als ein „gesellschaftliches Wunder“ was sie mit der Helfergruppe erlebt habe: „Dass Menschen schon über ein halbes Jahr so intensiv zusammenarbeiten und auch abends noch miteinander telefonieren, um anderen zu helfen, beeindruckt mich sehr.“ Nachdem man größtenteils die materielle Not der Geflüchteten lindern und bei deren Zurechtfinden im Behördendschungel helfen konnte, möchte man nun die Aufmerksamkeit auf Behinderte und auf die psychischen Probleme der Geflüchteten richten.

„Ich brauche nur in die Augen mancher Kinder zu sehen und muss dann selber weinen“, sagt Alina. Viele Kinder und Mütter seien durch den Krieg und ihre Fluchterlebnisse traumatisiert und brauchten Hilfe für ihre Seele. „Psychologinnen haben wir genug in unserer Gruppe“, sagt sie. Was ihnen fehle, seien Genehmigungen und Räume in denen sie ihre kostenlosen Hilfen anbieten könnten. „Da gibt es noch viel zu tun“, sagt Alina.

Wer sich über die Gruppe informieren oder seine Hilfe anbieten möchte, erreicht sie unter ☎0157/37 74 82 55.