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Bonner Pflegekraft beklagt fehlende Covid-19-Schutzimpfung

Kampf durch die Instanzen : Bonner Pflegekraft beklagt fehlende Corona-Impfung

Nach einem verzweifelten Kampf mit Behörden kann sich die polnische 24-Stunden-Betreuerin Anita Skotarczak in Bonn impfen lassen. Auf die entscheidende Antwort musste sie Wochen warten.

In Deutschland sind etwa 600 000 pflegebedürftige Menschen auf Pflegekräfte aus dem Ausland angewiesen. Die meisten von ihnen kommen aus Polen. Anita Skotarczak (47) ist eine von ihnen. Seit bald vier Jahren ist sie für Reiner Morbach (89) in Duisdorf eine unentbehrliche Hilfe. Sie pflegt, kocht, wäscht, bügelt und geht einkaufen für ihn. „Ich bin sehr enttäuscht“, hatte sie in einem Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), seinen polnischen Kollegen Adam Niedzielski, an Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie an Europaparlament und General-Anzeiger geschrieben, „dass ich in Deutschland nicht gegen Covid-19 geimpft werden kann“.

Denn bislang hatte Skotarczak die Auskunft bekommen, dass sie sich nur in Polen impfen lassen kann. Auch wenn die Coronavirus-Impfverordnung „eine enge Kontaktperson von pflegebedürftigen Personen“ als impfberechtigt definiert, habe sie die Erfahrung der Ungleichbehandlung von Europäern machen müssen. „Die Gruppe der osteuropäischen Betreuerinnen müsste unbürokratisch Zugang zu Impfungen erhalten, etwa in den Impfzentren“, forderte der Integrationsforscher Niklas Harder bereits Anfang Januar in der Berliner Tageszeitung. So lautet dann auch der Schluss-Appell in Skotarczaks Brief an die Politiker: „Wir leben in einem Europa, wir sind Europäer, also behandeln Sie uns auch alle gleich!“

24-Stunden-Betreuungskräfte ebenso gefährdet wie Krankenschwestern

„Wir gehen mit den Patienten in verschiedene Kliniken, haben Kontakt zu Physiotherapeuten und Krankenschwestern. Wir betreuen deutsche Senioren und kümmern uns so gut wir können um sie. Warum können wir nicht dort geimpft werden, wo wir arbeiten?“ In Privathaushalten seien die 24-Stunden-Betreuungskräfte ebenso gefährdet wie Krankenschwestern oder Pflegeheimmitarbeiter.  

Eine Anfrage des General-Anzeigers bei der Bonner Stadtverwaltung brachte eine gute Nachricht für die 47-Jährige: „Aufgrund des gewöhnlichen Aufenthaltsortes in der Bundesrepublik Deutschland besteht nach unserer Auffassung ein Anspruch auf eine Impfung, wenn die Pflegekraft jemanden im häuslichen Bereich pflegt. Der Arbeitgeber muss dann Wohnort und die Pflegetätigkeit bei ihm bestätigen.“ Allerdings wurde Skotarczak trotz dieser Information bei dem Versuch, sich in Bonn impfen zu lassen, zunächst abgewiesen: Ein Anspruch auf die Impfung bestehe nur, wenn sie bei einer gesetzlichen oder privaten Krankenkasse in Deutschland versichert ist. Da helfen ihr weder ihre europäische Krankenversicherungskarte (EHIC), noch die von ihrer polnischen Agentur „Centrum 24 Opieka“ für sie abgeschlossene private Versicherungspolice, die ihr im Notfall die medizinische Versorgung ermöglicht.

Die Betreuerin war der Verzweiflung nahe. Für  Reiner Morbach ist ein Impftermin am 26. April im WCCB gebucht. Aber: „Wenn ich keine Betreuung habe, kann ich mich aufhängen“, sagt der schwer gehbehinderte und ansonsten geistig rege 89-Jährige. Seit vergangenen Montag sieht die Welt für Skotarczak anders aus. Sie kann sich in Deutschland impfen lassen – vermutlich noch im April. Das ist das Ergebnis eines verwirrenden Mail-Verkehrs mit dem NRW-Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS). Eine Abteilung hatte „leider mit einer falschen Standardantwort reagiert“, entschuldigte sich eine andere Abteilung. Vielmehr sei Skotarczak „ganz normal enge Kontaktperson des Pflegebedürftigen“ und habe „zweifelsfrei“ Anspruch auf Schutzimpfung mit hoher Priorität 2. Der wochenlange Irrweg durch die Instanzen hat ein gutes Ende gefunden. „Ich bin sehr glücklich.“

2050 Euro monatlich an Agenturen in Deutschland und Polen

Seit 15 Jahren arbeitet die Polin in Deutschland. Sie fühlt sich wohl hier. Am liebsten würde sie ihren Lebensmittelpunkt nach Deutschland verlegen, wenn auch ihr Mann mitspielen würde, der sich nicht von seinem Arbeitsplatz in der Nähe der westpommerschen Großstadt Köslin trennen möchte. Sohn, Schwiegertochter und Enkel von Skotarczak leben bereits in Leverkusen. „Mit weiteren Verwandten in Deutschland sind wir inzwischen schon eine große Familie in Deutschland“, sagt sie. Nach Bad Bergzabern und München hat sie das Rheinland lieben gelernt.

Sie kam, um Morbachs Frau zu versorgen, die unter zunehmender Demenz litt. Bis 2014 konnte ihr Mann sie noch vollständig pflegen und versorgen. Dann entschied der ehemalige Bundesbeamte sich gegen ein Pflegeheim und fand über die Agentur „Pflegehelden“ eine Betreuung für seine Frau, die nach ihrem Tod nun für ihn sorgt. Rund 2050 Euro zahlt er monatlich an die Agenturen in Deutschland und Polen. Was davon bei Skotarczak verbleibt, möchte sie nicht verraten. „Das weiß selbst mein Mann nicht“, lacht sie. Doch es würde reichen und sie sei zufrieden.