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Bücherei in Endenich startet Vorlese-Projekt

Wenn das Telefon zweimal klingelt : Bücherei in Endenich startet Vorlese-Projekt

Normalerweise gibt es in der Stadtteilbibliothek Endenich viele Veranstaltungen. Wegen Corona können sie derzeit nicht stattfinden. Deswegen hat sich der Förderverein nun etwas ausgedacht, um die Literatur zu den Menschen zu bringen.

Wenn es ums Vorlesen geht, hat Sybille Düning-Sommer jede Menge Erfahrung. Aber sowas wie jetzt hat sie noch nie gemacht. „Ich finde das spannend“, sagt sie am Telefon. Aufgeregt sei sie aber nicht. Düning-Sommer engagiert sich im Förderverein der Stadtteilbibliothek Endenich. Weil es dort wegen Corona derzeit keine Veranstaltungen geben kann, soll die Literatur auf anderen Wegen zu den Lesern kommen.

Deswegen lesen vier Mitglieder des Fördervereins am Telefon vor. Düning-Sommer ist eine von ihnen. Inspiriert ist das Ganze von einem ähnlichen Projekt der katholischen Öffentlichen Bücherei Sankt Gallus. „Die Anrufer dort waren sehr angetan, wurde uns berichtet“, sagt Ulrike Rockstroh vom Vorstand des Fördervereins. „Wir wollen den Menschen auch schöne Momente verschaffen.“ Gerade jetzt, wo sie nur Bücher auszuleihen können. Sonst organisiert der Verein etwa Nachmittage für Kinder, bei denen vorgelesen und gebastelt wird.

Das Vorlesen am Telefon ist eine ganz neue Erfahrung

Einmal im Jahr findet zudem das Projekt „Endenich liest“ statt. Dabei hat Düning-Sommer schon an verschiedenen Orten für Publikum gelesen. Sie hat außerdem 40 Jahre lang an einer Grundschule unterrichtet. „Da habe ich täglich Kindern vorgelesen“, sagt die 70-Jährige. „Mir war immer wichtig, dass ich ihnen nicht nur das Lesen beibringe, sondern sie mit Literatur vertraut mache.“

Das Vorlesen am Telefon sei nun eine ganz neue Erfahrung. „Normalerweise kann ich dabei in die Gesichter schauen und bekomme ein Feedback“, sagt Düning-Sommer. Am Telefon sei es nicht möglich, die Reaktionen des Publikums mitzubekommen. „Wenn die Kinder zum Beispiel rumrutschen, weil ihnen langweilig wird.“ Aber wie es den Leuten gefällt, lasse sich auch im Gespräch herausfinden. „Ich möchte mein Gegenüber und seine Wünsche kennenlernen“, sagt Düning-Sommer. Das Vorlesen will sie als Austausch gestalten und kleine Pausen einlegen, um sich mit den Leuten zu unterhalten. Die Vorleser nehmen sich für jeden Anrufer rund eine halbe Stunde Zeit.

Das Angebot richtet sich an Kinder, Familien, Jugendliche und Erwachsene jeden Alters. Im Vorfeld stimmen die Vorleser mit den Anrufern ab, was sie gerne hören würden. „Von Gedichten bis zum GA – wir sind da ganz offen“, sagt Düning-Sommer. Einen ähnlichen Ansatz hat auch Vorleserin Heike Keim: „Wenn die Leute wollen, lese ich ihnen auch die Todesanzeigen vor“, sagt sie. „Hauptsache wir bekommen eine Verbindung übers Lesen.“ Sie hofft, dass die Vorleser viele Menschen erreichen, zu denen sie sonst keinen Kontakt haben: etwa Ältere, die nicht mehr so gut lesen können.

Keim hofft, dass das Projekt nach Corona weitergehen kann. „Es wäre ein tolles Ding, wenn sich das Format etabliert“, sagt sie. Das könnte sich auch Rockstroh vorstellen. Sie hält es für möglich, dass sich Lesepartnerschaften entwickeln, bei denen sich Vorleser und Zuhörer einmal im Monat zum Telefonieren verabreden.

Nun wollen sie aber erstmal loslegen. „Wir stehen in den Startlöchern“, sagt Rockstroh. Und alle sind gespannt, was passiert, wenn zum ersten Mal das Telefon klingelt.

Wer sich gerne vorlesen lassen möchte, kann sich unter ☎ 01 51 / 21 74 83 44 und ☎ 02 28/ 92 59 92 57 oder per Mail an Vorlesezeit@leseburgendenich.de anmelden. Weitere Infos gibt es auf: www.leseburgendenich.de