Wohnung steht voll Darum sammelt ein Ehepaar aus Lessenich afrikanische Masken

Endenich · Irma und Michael Klein sammeln seit mehr als 40 Jahren afrikanische Skulpturen und Masken. Mit mehr als 400 Artefakten teilen sie sich ihr Haus in Endenich.

 Das Sammlerpaar Irma und Michael Klein in ihrem Afrikazimmer.

Das Sammlerpaar Irma und Michael Klein in ihrem Afrikazimmer.

Foto: Stefan Hermes

In unmittelbarer Nähe zum Manneken Pis, einer in Europa berühmten Figur, nahm in Brüssel vor rund 40 Jahren die Sammelleidenschaft von Irma und Michael Klein für Figuren und Masken aus Afrika ihren Anfang. „Da muss ich rein“, sagte Irma Klein, als sie im Schaufenster eines Trödlers eine afrikanische Maske entdeckte, die sie auf nachhaltige Weise berührte. Bis heute haben weitere 400 Artefakte aus dem vorwiegend westlichen Afrika in ihrem Haus in Endenich eine neue Heimat gefunden.

„Durch den Orts- und Besitzerwechsel“, so Irma Klein, „haben die Figuren ihre Fetischkraft, ihre Magie verloren.“ Es lasse sich also ganz unbedenklich mit den Figuren und Masken leben, deren magische Kräfte vielleicht noch vor 50 oder 100 Jahren heilen oder verfluchen konnten. Trotzdem weiß das Paar von einer Freundin zu berichten, die ihre Gastgeber bat, eine Fetischfigur aus dem Gästezimmer zu entfernen, die sie ängstigte. Dabei sei die Originalität der Figuren nur schwer nachweisbar, sagt Michael Klein, der es als pensionierter Richter gewohnt ist, den Sachen „auf den Grund“ zu gehen. Es gebe viel Betrügereien im Geschäft mit den Kunstwerken. Klein kennt berühmte Schnitzer Afrikas, deren Arbeiten inzwischen Millionenbeträge bei internationalen Auktionen erzielen.

 Michael Klein hält sich eine Richtermaske vor das Gesicht, wie sie in Afrika getragen wurde, um die Ahnen um Beistand zu bitten.

Michael Klein hält sich eine Richtermaske vor das Gesicht, wie sie in Afrika getragen wurde, um die Ahnen um Beistand zu bitten.

Foto: Stefan Hermes

Verkauf ist ein mühsames und wenig erfolgversprechendes Geschäft

„Wir kauften anfangs noch ziemlich ahnungslos Afrikana“, so Klein, „die wir mit unserer heutigen Erfahrung überwiegend nicht mehr kaufen würden.“ Oftmals haben sie solche Stücke vor allem an ihre Künstlerfreunde verschenkt oder im Einzelfall auch an Interessenten verkauft. „Der Verkauf solcher Stücke, vor allem auch besserer und deshalb teurerer, ist aber ein mühsames und wenig erfolgversprechendes Geschäft“, fügt Klein hinzu. In den 1980er Jahren erstand das Sammlerpaar bereits erste Objekte auf Auktionen in Bonn. „Wir sind fasziniert von der Fremdheit, der Vielfalt und der Ausdruckskraft dieser Stücke“, sagt die aus Luxemburg stammende Irma Klein, die sich als Romanistin schon früh mit Kunst beschäftigte. „Mein Mann und ich haben kaum eine Ausstellung ausgelassen“, sagt sie. Letztlich seien sie auch über die Auseinandersetzung mit dem Expressionismus zu der afrikanischen Schnitzkunst gekommen. „Viele bekannte Künstler haben afrikanische Figuren gesammelt und sich davon inspirieren lassen“, so Klein.

Onlineplattformen wie Ebay wurden für die Kleins zur Fundgrube. Außer einem einwöchigen Aufenthalt in Marrakesch haben beide noch keine Erfahrungen in Afrika gemacht. „Ohne Kenntnis der jeweils vor Ort gesprochenen Sprache hat man als Weißer auch keine Chance, an authentische Skulpturen oder Masken zu kommen, die nicht nur für Touristen gefertigt wurden“, so Michael Klein.

Spezialisierter Kunsthändler

2010 lernte das Sammlerpaar über einen Ebay-Kauf den Kunsthändler Wolfgang Jaenicke kennen, der sich auf den Handel mit den „Objekten ihrer Begierde“ spezialisiert und Wohnsitze in Kamerun, Mali und Berlin hatte. Sein Angebot war es auch, das Kleins zunächst dazu brachte, sich in besonderem Maße auf Masken und metallene Prestigeobjekte wie Pfeifen aus dem Königreich der Bamun in Kamerun zu konzentrieren. „Irgendwann zog Jaenicke nach Mali, und wir zogen sozusagen mit“, berichtet Klein. Fortan beschäftigten sich seine Frau und er vor allem mit der Kunst der Volksgruppe der Bamana (auch Bambara), der Dogon (Mali), Baule (Elfenbeinküste), Senufo (Elfenbeinküste) oder Masken der Bwa und Mossi (beide Burkina Faso) sowie auf Masken und Statuen der Yoruba (aus Nigeria, Benin und Togo).

Insbesondere besitzen Kleins Frauenfiguren der Bamana (Jonyeleni, Gwandusu, Muso Massa, Dokamissa), die sich durch die Form ihrer Gesichter, durch ihre Haartracht oder auch durch die Haltung ihrer Hände unterscheiden, womit sie für das inzwischen erfahrene Sammlerpaar unterschiedlichen Kultgruppen und Regionen zuzuordnen sind. Unter den Masken und (Wächter-)Statuen aus der Elfenbeinküste fallen in der Sammlung die sogenannten Rhythm-Pounder (engl.: Rhythmus-Stampfer) auf: sehr hohe schlanke Figuren mit Sockeln aus extrem hartem Holz (Lenké), die bei Beerdigungen dazu dienten, durch das Stampfen mit der Figur auf dem Boden den Weg für die Verstorbenen zu reinigen und die Geister der Vorfahren anzurufen.

Hoffnung auf Fruchtbarkeit

Es finden sich auch abstrakte Figuren aus Burkina Faso in der Sammlung Kleins, die vor allem durch Puppen vertreten sind. Ashanti-Puppen haben beispielsweise Frauen genutzt, die schwanger werden wollten. Sie banden sich die Puppen auf den Rücken, wie man es mit Kleinkindern tat, um die tägliche Frauenarbeit zu verrichten. Wurde die Frau dann tatsächlich schwanger, trug sie die Puppe weiter auf ihrem Rücken, um damit ein schönes Kind zu gebären.

Kleins wissen zu allen ihren Schätzen über deren Hintergrund zu berichten. So wurden die unter Sammlern wohl sehr begehrten Skulpturen des Volkes der Kota Mahongwe aus dem Nordosten Gabuns als eine Art Grabstein über den Reliquien der Verstorbenen aufgestellt. Bei einigen Yoruba-Stämmen wurden insbesondere Zwillinge verehrt, da man annimmt, dass sie dem Stamm Glück bringen. So ist der Tod eines von ihnen ein großes Unglück. Dann wird eine Holzfigur angefertigt, um den Geist des toten Kindes zu beherbergen und dem überlebenden Zwilling als Begleiter zu dienen. Nach Vorstellung der Yoruba verfügen Zwillinge nur über eine gemeinsame Seele. „Die Ibeji-Figur wird zu einem Kultobjekt in der Familie, und die Mutter pflegt sie, bietet ihr Nahrung an und schmückt sie mit Perlen, Kaurimuscheln und anderen Verzierungen“, so Klein, der über eine stattliche Anzahl von Ibeji-Figuren aller Ausprägungen verfügt.

 Irma Klein mit einer Sogo Bo Marionetten-Puppe, die eine Meerjungfrau namens Mami Wata für den gleichnamigen Kult darstellt.

Irma Klein mit einer Sogo Bo Marionetten-Puppe, die eine Meerjungfrau namens Mami Wata für den gleichnamigen Kult darstellt.

Foto: Stefan Hermes

Keine Kunstwerke, sondern Gebrauchsobjekte

„Der europäische Begriff von Kunst und das, was er aussagen soll, ist auf afrikanische Objekte nur sehr eingeschränkt anwendbar“, erklären Kleins. Es handele sich bei den Objekten ihrer Sammlung meist um Gebrauchsobjekte, die nicht nur, aber häufig für den Ahnenkult, einen Initiationsritus oder Tänze zur Herbeiführung einer guten Ernte eingesetzt waren, nachdem sie zuvor durch Waschen, Übergießen mit Tierblut oder Ähnlichem geweiht wurden. Somit seien die meisten ihrer gesammelten Objekte keine Kunstwerke, sondern Gegenstände, die man nur nutzte, so lange sie die an sie gestellten Erwartungen erfüllten.

„Wenn ein solcher rituellen Zwecken dienender Gebrauchsgegenstand nach einiger Zeit seine spirituelle Kraft verliert, muss er durch ein neues und neu zu weihendes Objekt ersetzt werden, das alte Stück ist dann jedenfalls aus der Sicht seiner Nutzer wertlos“, erklärt Michael Klein zum brisanten Thema, ob Sammler die künstlerischen Artefakte „rauben“. Man müsse sich darüber hinaus auch die Frage stellen, so Klein, „ob Afrikanern im Zuge der sicher teilweise berechtigten Rückgabediskussion ein europäischer Kunstbegriff aufoktroyiert wird, den sie selbst gar nicht kennen.“

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