Auftritt auf dem Brüser Berg DJ Heinrich wandelt zwischen den Welten

Brüser Berg · Der 75-jährige Ethnologe spielt deutsche Schlager der 50er und 60er Jahre in Lisa Rädlers Erzählcafé. Nicht jedem gefällt das. Doch Lothar A. Heinrich kann auch anders.

 Als DJ, Sänger und Musiker ist Lothar A. Heinrich mit vielen Genres vertraut.

Als DJ, Sänger und Musiker ist Lothar A. Heinrich mit vielen Genres vertraut.

Foto: Stefan Hermes

Bis vor fünf Jahren war ihm der Brüser Berg noch völlig unbekannt. Nun lächeln den Bonner Lothar A. Heinrich die fünfzehn größtenteils weiblichen Zuhörerinnen in Lisa Rädlers „Erzählcafé“ erwartungsvoll an, die zur Veranstaltung „Schlager der 50er und 60er Jahre“ in das Brüser Berger Nachbarschaftszentrum gekommen sind. Manche Zuhörer summen bereits die altbekannten Melodien mit, die ihnen der promovierte Ethnologe als „DJ Heinrich“ von einem kleinen CD-Spieler mit dürftigem Klang vorspielt.

Manche klatschen, wenn Heinrich die Stopptaste drückt, um eine kurze Erklärung zum eben Gehörten abzugeben. „Wir sind hier ja in einem Erzählcafè“, sagt er. „Von allen Gesundheitsübungen ist das Singen die beste“, hatte Heinrich schon bei seiner Begrüßung die Erkenntnis des persischen Arztes Ibn Sina von vor rund 1000 Jahren zitiert. Dass Musik von allen Künsten den tiefsten Einfluss auf das Gemüt ausübe, habe schon Napoleon gewusst und dass Musik „der Schlüssel zum weiblichen Wesen sei“, was der deutsche Dichter und Zeitgenosse Goethes, Johann Gottfried Seume, feststellte, könne Heinrich aus eigenem Erleben bestätigen.

Der 75-Jährige ist viel in Seniorenheimen unterwegs

Der heute 75-Jährige hat Erfahrung mit dem weiblichen Publikum, das bei Kaffee und Kuchen unterhalten werden möchte. Heinrich ist in unterschiedlichen Besetzungen als Musiker immer wieder auch in Seniorenheimen unterwegs. „Den DJ habe ich zuletzt in den Neunzigerjahren in Bonns „Mausefalle“ gegeben“, lacht er. Da hatte er als Sänger und Gitarrist mit Mike Gardeners „MG Blues“ zuvor ein Konzert gegeben.

Auch wenn Heinrich als Völkerkundler in den Siebzigerjahren über die „Herrschaftsideologie im präkolonialen Ruanda“ promovierte, hat er sich seitdem nicht mehr für die Wissenschaft mit Sozialstruktur und Kultur der Völker auseinandergesetzt, sondern als Journalist über meist politische Themen Afrikas geschrieben und sich zuletzt vor allem mit Kurdenfragen beschäftigt. „Was ich zu sagen hatte, habe ich in meinem Berufsleben alles geschrieben“, sagt er heute.

Ökonomisch ginge es ihm gut. Jetzt sei es ihm eine Freude, mit seinem „Duo Eclectico“ (zusammen mit dem Akkordeonspieler Jakob Schkolnik) aufzutreten. Dabei umfasst sein Gesangsrepertoire rund 250 Titel. Klassische und populäre Hits aus vergangenen Jahrzehnten, die er in Originalversionen in Arabisch, Italienisch, Spanisch, Romanes und vielen weiteren Sprachen interpretiert.

Zwischen den Welten

Auch wenn Heinrich bestreitet, noch etwas mit seiner Profession als Ethnologe zu tun zu haben, wird an vielen Stellen seiner Lebens- und Wirkungsgeschichte deutlich, wie sehr er sich bis heute mit den Menschen und Kulturen dieser Welt verbunden fühlt. „Ich war immer schon Dritte Welt bewegt“, sagt er dazu. So kam er vor fünf Jahren auch an das Nachbarschaftszentrum, um Migranten bei der Vertiefung ihrer Deutschkenntnisse zu helfen. „Ich bin kein Lehrer und mache keinen Sprachunterricht. Ich unterhalte mich nur“, sagt er und tut das in Einzelgesprächen mit bis zu drei Schülerinnen und Schülern in der Woche. „Es ist schön zu sehen, wenn sie sich darüber freuen, wenn ich meine paar Brocken Arabisch oder Türkisch einwerfen kann.“ Er tue sich mit seinem ehrenamtlichen Engagement selber etwas Gutes.

Eine seiner Schülerinnen, die Brasilianerin Maria do Rosário, ist unter den Zuhörerinnen im Erzählcafé und hört mit sichtlicher Freude den Schlagern von Peter Alexander, Margot Eskens oder Bully Buhlan zu. „Ich möchte die alte Musik von Deutschland kennenlernen“, sagt sie und vergleicht das Gehörte mit der Musik von den Bläck Fööss, von Helene Fischer und Mark Forster, die ihr ebenso gut gefielen. „Aber ich will hier doch nicht alle Strophen von ‚Cindy, oh Cindy‘ hören“, ärgert sich dagegen Angela von Oy (76) und wünscht sich, dass die Schlager von Heinrich nur kurz angespielt würden. „Man kennt die doch alle“, so Oy.

Ein „bisschen Rock’n’Roll“ zwischendurch fände sie nicht schlecht. Auch Waltraud Sabbagh (81) ist im Gegensatz zu ihrem aus Syrien stammenden Mann Selim (82) enttäuscht von dem Schlagernachmittag. „Ich find’s langweilig“, sagt sie. „Du musst loben“, unterbricht ihr Mann, der einst in München Musik studierte. Ihm gefällt, was Heinrich erzählt und zum Besten gibt. „In einem Leben ohne Musik fehlt etwas“, sagt er.

Jürgen Fröbisch (74) hat seinen Spaß. Allerdings verbinde ihn emotional nichts mit der Musik. „Aber die Texte amüsieren mich.“ Auch Anne Bönick (79) hört mit Vergnügen zu. „Man kennt jede Melodie und erinnert sich“, sagt sie. Die Musik wecke Sehnsucht und vermittle eine Freudigkeit. „Why not“, fasst sie achselzuckend zusammen und hätte gehofft, dass Heinrich mehr auf die amerikanische Musik der 50er und 60er Jahre eingegangen wäre. Auch Lothar A. Heinrich begeistert sich für das Repertoire aus dem „Great American Songbook“, aus dem er sich immer wieder gerne als Sänger und Musiker bedient. „Three cords and the truth – drei Akkorde und die Wahrheit“, sagt er lachend, „mehr braucht eine gute Musik ja nicht.“

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