1. Bonn
  2. Hardtberg

Der Trödelkömig von Lessenich: Ein paar Micky-Maus-Hefte waren der Anfang

Der Trödelkömig von Lessenich : Ein paar Micky-Maus-Hefte waren der Anfang

Seit 20 Jahren ist Rainer Frintrup der Trödelkönig von Lessenich. Er selbst bezeichnet sich als Trüffelschwein: Sein Gespür hilft, bei Haushaltsauflösungen kleine Schätze zu finden.

„Es gab drei Berufswünsche“, erinnert sich Rainer Frintrup (55) an seine Schulzeit, „Chemiker, Restaurator und Feuerwerker.“ Alle drei sind mehr oder weniger in Erfüllung gegangen. Dass er nach 37 Semestern sein Chemiestudium in Bonn ohne den angestrebten Abschluss abbrach, kann auf die prägenden Erfahrungen zurückgeführt werden, die er schon als Grundschüler der Rochusschule machte.

Frintrup sitzt heute inmitten von unzähligen Fund- und Sammlerstücken, die sich in seiner rund 300 Quadratmeter großen Trödelhalle an der Bahnhofstraße 161 stapeln. Hier erzählt er von seinem Werdegang, der sich scheinbar immer an seinem Wissensdrang und seiner leidenschaftlichen Forscher- und Entdeckernatur orientierte. Etwas später fällt dabei auch der Begriff vom „Trüffelschwein“. Dieser beschreibt gut, welches Gespür notwendig ist, um beispielsweise bei einer Haushaltsauflösung kleine Schätze ausfindig zu machen.

Oftmals kommen die Dinge ungefragt zu Frintrup. Immer seltener sucht er sie. „Es wird ja auch immer weniger“, sagt er und spricht damit vor allem auf sein persönliches Sammelgebiet Duisdorf an. Einer Jagdtrophäe gleich, zeigt er einen Schamottstein mit der Prägung „Diesel“, den er zufällig in Rheinbach fand und den er dank seines Stempels der Duisdorfer Schamottfabrik zuordnen konnte. Die hatte bereits Anfang der 1980er Jahre ihren Betrieb eingestellt. Dass er den Stein nicht verkaufen oder an ein Museum abtreten würde, zeichnet den Lessenicher Trödelkönig als Sammler aus. „Hätte ich zwei davon, würde ich einen verkaufen“, sagt er und lacht.

Von seiner Sammelleidenschaft, die über den An- und Verkauf hinausgeht, zeugen auch etliche alte Benzinzapfsäulen, die sich in Nebengebäuden des rund 2000 Quadratmeter großen Geländes verstecken und die letztlich dazu führten, dass er die ehemalige Maschinenhalle an der Bahnhofstraße nebst Anbauten und Wohnhaus entdeckte und später auch kaufte. Auf der Suche nach einer alten emaillierten Zapfsäule, die er als Barschrank zu Hause aufstellen wollte, hatte er die noch bis 1999 an diesem Ort tätige Westdeutsche Maschinenfabrik (Wema), die sich mit allem beschäftigte, was zum Tankstellenbetrieb gehörte, entdeckt. Er fand dort nicht nur seine gesuchte Zapfsäule, sondern verliebte sich auch sofort in die Halle.

„Ich sah sofort, dass das die ideale Trödelhalle sein könnte“, sagt er rückblickend. Zudem war er es leid, auf Flohmärkten zu stehen und fand den Zeitpunkt gekommen, um sesshaft zu werden. „Du bist ja bekloppt“, war die überraschte Reaktion seines Vaters auf den möglichen Kauf der Liegenschaft. Damit konnte er endgültig den Traum begraben, dass sein Sohn noch als Chemiker Karriere machen könnte. Frintrup kaufte die Halle und kann sich bis heute darüber freuen, dass ihm an den beiden Öffnungstagen (Freitag von 15 bis 19 Uhr und Samstag von 10 bis 16 Uhr) immer noch seine Mutter Elisabeth (78) zur Seite steht. Fortan hatte er mit der riesigen Halle einen Ort, der all das aufnehmen konnte, was ihm schön und wichtig erschien.

„Ich konnte schon als Kind an keinem Container vorbeigehen“, sagt er. Schon als er noch in die Rochusschule ging, sei er in jedem Abrisscontainer auf der Suche nach Verwertbarem verschwunden. Dass daraus seine Handelsfirma ABC (Antiquitäten, Bücher, Curiosa) entstand, hatte alles mit einer Aufforderung seiner Mutter an ihren Sohn begonnen, sein Zimmer aufzuräumen. Die Ansammlung gelesener Micky-Maus-Hefte sollte verschwinden. Doch statt sie zu entsorgen, setzte sich der etwa zehnjährige Frintrup mit seinen Heften auf den Flohmarkt in den Hofgarten.

„Abends waren alle Hefte weg, Geld war da und andere hatten noch Micky-Maus-Hefte im Angebot“, erinnert sich Frintrup lachend. Er stellte fest, dass die anderen Anbieter die Hefte für weniger Geld verkauften, als er für seine bekommen hatte. So kaufte er mit dem Erlös seiner Hefte neue und konnte sich bald über einen ordentlichen Gewinn freuen. Bis heute hat sich an diesem Geschäftsmodell nur wenig geändert. Der Reiz des Handelns mit seinen „ABC-Waren“ besteht für ihn jedoch zum großen Teil aus dem Interesse an der Geschichte seiner Schätze. Kaum ein Stück, dem er nicht über Recherche in Büchern und im Internet seine Geschichte(n) entlockt.

Frintrup spricht von den manchmal bewegenden Momenten, bei einer Haushaltsauflösung über Fotoalben und Erinnerungsstücke in das intime Leben von verstorbenen oder verzogenen Menschen einzutauchen.

Immer wieder bestätige sich für ihn die Lebensweisheit, dass „das letzte Hemd keine Taschen“ hat. „Das wohl Berührendste ist mir passiert“, erinnert sich Frintrup, als ihm beim Ausräumen einer Wohnung plötzlich eine alte Dame überraschte, die offensichtlich von ihren Angehörigen in ein Heim gebracht worden war, und fragte, was er denn da in ihren Sachen suche.

Mit seinem sorgfältig gezwirbelten Moustache-Bart und der ovalen Stahlrandbrille ähnelt Frintrup nur zufällig Horst Lichter, der mit der Fernsehsendung „Bares für Rares“ die Nation mit den Werten vergangener Zeiten vertraut macht. Frintrup findet die Sendung amüsant, die er oftmals mit seinen Eltern sieht, mit denen er im Kannheideweg wohnt. „Doch die große Zeit des Trödelns ist seit dem Internet vorbei“, sagt er abgeklärt. Die „Ikea-Generation“ sei an den Altertümchen kaum noch interessiert und die Sammler kauften inzwischen im weltweiten Netz ein. Soeben hat auch er ein Paar Braun-Lautsprecher auf die Reise nach Südkorea geschickt. Auch seine von ihm jederzeit sehr gesuchten Postkarten aus Duisdorf findet er heute eher auf Auktionsseiten im Internet, als bei einer Haushaltsauflösung vor Ort.

„Die Leute bieten mir Geschirr und Möbel aller Art an, an dem ich kein Interesse mehr habe“, sagt Frintrup. Und wenn er dann zurückfrage, ob die Anfrager stattdessen vielleicht noch alte Telefonbücher, Versandhauskataloge oder Postkarten hätten, dann höre er immer wieder die Frage, ja, wen interessiert denn so etwas? „Mich“, sagt Frintrup, „dass ist genau das, was mich interessiert.“