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Friseure in Bonn: Großer Ansturm nach Lockdown-Öffnung - Termine ausgebucht

Bonner Friseure freuen sich über Öffnung : „Ich kann den ganzen Tag im Glück baden“

Die Friseure dürfen ab diesem Montag wieder öffnen, auch in Bonn war der Ansturm groß. Die Salons sind teilweise auf Wochen ausgebucht. Dennoch werden viele Geschäfte die Krise nicht überleben.

Es dürfte schwer gewesen sein, am Montagmorgen noch einen freien Platz bei einem der Bonner Friseure gefunden zu haben. „In den vergangenen zwei Wochen stand das Telefon nicht mehr still“, bestätigt Friseurmeisterin Rosemarie Titzmann. Sie könne das Glück kaum beschreiben, was es für sie bedeute, nach elf Wochen Lockdown ihr Geschäft in der Rochuspassage wieder geöffnet zu haben. „Es war eine verdammt schwere Zeit.“ Die Kundin, der sie soeben den gewünschten Bob geschnitten hat, nickt.

„Ich glaube nicht, dass man es mit ‚Würde‘ beschreiben kann, wie es Herr Söder getan hat“, sagt sie, doch eine gute Frisur sei ein Teil von ihr, auf den es schwer gewesen sei, wochenlang zu verzichten. Rund vier Zentimeter dürften ihre Haare seit dem letzten Friseurbesuch unkontrolliert gewachsen sein; jetzt bietet sich für sie die Gelegenheit, mit der neuen Haarlänge auch eine neue Frisur auszuprobieren. „Ich bin einfach nur glücklich“, sagt die Stammkundin, die ,wie weitere Kunden auch, ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchten.

Auch der bärtige Mitdreißiger, der in gebührendem Abstand von ihr seinen Kurzhaarschnitt erneuern lässt, spricht von dem „neuen Erlebnis“, das er mit „langen“ Haaren gehabt habe. „Es war neu für mich, mir am PC oder beim Autofahren die Haare zu raufen“, lacht er und betrachtet seinen akkuraten Schnitt zufrieden im Spiegel. Kaum ist er fertig, verschwindet sein Frisierumhang in einer Tonne, werden Stuhl und Spiegeltisch genauso desinfiziert, wie die mit ihm benutzten Scheren und Klingen.

Regelmäßiges Desinfizieren

Der Dank an seine Friseurin, Dilek Menis, erfolgt mit Abstand. „Bürsten und Kämme erneuern wir schon seit jeher für jeden Kunden“, so Titzmann. So hatte sie auch den Desinfektionsspender vor der Eingangstüre bereits vor zwei Jahren als Schutz gegen die Grippewelle angeschafft. „Da haben mich noch viele ausgelacht“, erinnert sie sich. Es sei schwer gewesen, durch die kundenlose Zeit zu kommen. Gerade habe sie zwar den ersten Abschlag Überbrückungsgeld bekommen, aber „die Geschichte mit dem Kurzarbeitergeld ist sehr schleppend“. Um ihre laufenden Kosten bezahlen zu können, musste sie ihren Kreditrahmen erhöhen.

„Zudem war es die Familie, die mich mit zinslosen Krediten unterstützt hat.“ Selbst eine Kundin habe ihr Unterstützung angeboten. „Auch wenn ich das nicht annehmen musste, hat es mich sehr gefreut“, sagt sie. Das Frisieren sei ihr Leben. Mit fünfzehn habe sie angefangen. Im nächsten Jahr werde sie 60 Jahre alt und habe es niemals bereut, diesen Beruf gewählt zu haben.

„Jetzt sind alle Menschen so glücklich, zu uns kommen zu können, und freuen sich darüber, dass wir wieder da sind, und dann gehen sie auch alle wieder glücklich aus dem Laden,“ so Titzmann. Sie fühlt sich nun in den pandemischen Zeiten privilegiert: „Ich kann den ganzen Tag im Glück baden.“ Bis zu vier Stunden wird auch ihre Kundin Diana Baumgart „im Glück baden“ können. Dafür hat sie sich einen Tag Urlaub genommen. „Färben, Einwirken, dann kommen Strähnchen, dann wird geschnitten und dann noch gefönt“, erklärt sie. Sie sei gerade im Friseurhimmel, sagt sie und lacht. Alle vier Wochen sei das Färben des Haaransatzes notwendig. Sie habe zwar versucht, das ungeliebte Grau selber einzufärben, „aber das klappt nicht so, wie beim Friseur“.

Auch die Studentin Lia Littfrinski freute sich seit Tagen darauf, endlich wieder ihr dunkelblondes Haar mit hellblonden Strähnchen bei „Beaute Hair“ am Bonner Stadthaus aufzupeppen. „Ich habe mich die letzten drei Monate mit meinen Haaren nicht wohlgefühlt“, sagt sie. Man unterschätze, wie wichtig das gepflegte Haar für das Wohlbefinden sei, auch wenn wir im Moment eigentlich andere Probleme hätten. „Wir haben ja schon langsam Routine im Wiedereröffnen“, sagt Friseurin Belgin Özdemir. Es ist ja fast alles genauso, wie beim bislang letzten Lockdown. „Nur alles noch etwas schärfer“, sagt sie und weist dabei eine Besucherin vor die Türe ihres Ladens, da sie keinen Termin hat. „Wenn wir uns nicht schützen, dann können wir auch unsere Kunden nicht schützen“, lautet ihre einfache Devise. Trotz ihres 160 Quadratmeter großen Ladens, in dem sich somit sechzehn Personen aufhalten dürfen, arbeiten ihre Mitarbeiterinnen im Schichtdienst. Vor Mitte April ist jedoch kein Termin mehr bei ihr zu bekommen.

Vielen Geschäften droht das Aus

Auch wenn die Kassen vielerorts wieder klingeln, wird der Run auf die Friseure durch die Aussage ihres Innungsobermeisters Robert Fuhs gebremst. „20 Prozent der knapp 500 Betriebe in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis dürften die Krise nicht überleben“, sagt er. Die Situation sei erwartungsvoll und der Druck sehr hoch. „Jetzt geht es für alle darum“, so der Obermeister mit unverkennbar rheinischem Zungenschlag, „endlich mal wieder was in die Kasse zu kriegen.“

90 Prozent der Fixkosten als Überbrückungshilfe zu bekommen, sei in einem so arbeitsintensiven Handwerk nicht ausreichend. Von vielen Friseuren in seinem Bezirk weiß er, dass sie ihren Laden erst gar nicht mehr öffnen werden. Andere seien überzeugt davon, dass sie über kurz oder lang in die Insolvenz gehen müssten. „Im Sommer müssen sie alle Farbe bekennen“, so Fuhs. Dann würde es Insolvenzen hageln. Trotzdem sei es unanständig, wenn jetzt manche Friseure einen Corona-Aufschlag von zehn Euro berechnen würden.