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Hardtberg-Gymnasium in Bonn: Schüler sehen digitales Lernen kritisch

Hardtberg-Gymnasium : Bonner Schüler sehen digitales Lernen kritisch

Am Hardtberg-Gymnasium in Bonn läuft der Unterricht derzeit online. Mehr als die Hälfte der Lehrer findet, dass das Projekt gut funktioniert. Die Schüler sehen das allerdings anders.

Die Corona-Epidemie hat den Schullalltag maßgeblich verändert – viele Wochen war an Unterricht nicht zu denken, die Schülerinnen und Schüler lernten von zu Hause. Langsam, aber sicher kehren immer mehr Schüler unter hohen Sicherheitsvorkehrungen in die Schulen zurück. So auch am Hardtberg-Gymnasium (HBG).

Als gut hat sich für die Schule herausgestellt, dass das HBG als MINT-Schule (Schule mit Schwerpunkt auf den mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich) bereits seit einem Jahr zu den 36 Schulen in Nordrhein-Westfalen gehört, die dabei helfen, das sogenannte HPI Schul-Cloud-Projekt weiterzuentwickeln.

Schul-Cloud eröffnet viele Möglichkeiten

Der promovierte Anglist und Cloud-Projektleiter am HBG, Philip Bracher, demonstriert anschaulich, wie selbsterklärend einfach die Kommunikation mit seinen Schülern über das Internet aussieht: Er öffnet eine Übersicht in der die von ihm unterrichteten Jahrgangsstufen nach seinen Fächern Deutsch und Englisch dargestellt sind. Er hat dabei die Möglichkeit, Aufgaben zu stellen und Lehrmaterialien anzubieten. Die Schüler bearbeiten in einem ihnen gestellten Zeitrahmen die Aufgaben schriftlich auf Papier, fotografieren ihre Arbeit beispielsweise mit ihrem Handy und laden das Ergebnis in die Cloud hoch, wo ihr Lehrer mit individueller Kritik auf ihre Leistungen eingeht.

Der Dialog mit dem Lehrer findet somit fast ausschließlich schriftlich  statt. Zudem sind Videokonferenzen mit Einzelnen oder auch der ganzen Jahrgangsstufe möglich. Alles Gelernte und Beurteilte liegt verschlüsselt auf deutschen Servern, womit dem verschärften Datenschutzgesetz Genüge getan wird. Jeder Schüler hat zu jeder Zeit die Möglichkeit, sich vergangene Arbeiten oder Beurteilungen wieder anzusehen. „Auch die Lehrer können jederzeit wieder zugreifen und bekommen eine solide Datenbasis für die Benotung ihrer Schüler“, so Bracher. Die Schüler, so sein Eindruck, „genießen die Möglichkeit, sich ihre Zeit selber frei einzuteilen“.

Schulleiter Schlag habe insbesondere beeindruckt, wie groß der Wille aller Lehrer, Schüler und Eltern gewesen sei, das Neue auszuprobieren. „Da gab es ein großes Engagement auf allen Seiten“, sagt Schlag. Er ist sich sicher, „dass die Einführung der Schul-Cloud in so großer Breite, wie jetzt durchgeführt, außerhalb der Corona-Krise erheblich kritischer gesehen worden wäre“. Nun sei es für viele Beteiligte, „ein Sprung ins kalte Wasser“ gewesen.

Lerninhalte werden online verfügbar gemacht

Die Grundidee der vom Hasso-Plattner-Institut (HPI) initiierten Schul-Cloud besteht darin, Bildungsinhalte nicht mehr nur in Lehrbüchern oder auf individuellen Rechnern in den Schulen anzubieten und zu nutzen, sondern Lehrinhalte webbasiert allen und von überall aus verfügbar zu machen. Experten kümmern sich dabei um das Funktionieren von Hard- und Software. Lehrer und Schüler können über den heimischen Computer oder Apps auf dem Smartphone auf die gespeicherten Inhalte zugreifen. Das zunächst für drei Jahre geplante Pilotprojekt ging nun durch die Corona-Krise bereits nach etwas mehr als einem Jahr aus der Prozess- in die Anwendungsphase über.

Kurzfristig kam es aufgrund der vielen Zugriffe zum Zusammenbruch der Server. Die rasant anwachsenden Nutzerzahlen und Zugriffe waren ein erster Härtetest für die Server und Netzwerke. So öffnete nun auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das von ihm geförderte Projekt für alle Schulen, die bisher kein vergleichbares Angebot des Landes oder Schulträgers nutzen können.

Schüler bewerten den Online-Unterricht kritisch

Philip Bracher macht deutlich, dass die Einführung eines in Gänze über die Cloud stattfindenden Kontakts zu den Schülern auch unter historischen Gesichtspunkten etwas noch nie Dagewesenes gewesen ist: „Ohne jegliche Präzedenz. Das ist Schule völlig neu“. Mehr als 400 Schüler, 39 Lehrer und knapp 200 Eltern haben sich anonymisiert an einer Auswertung ihrer dreiwöchigen Erfahrung mit der Schul-Cloud beteiligt. Rund 60 Prozent der Lehrer bezeichneten das Funktionieren der Schul-Cloud aus ihrer Sicht mit gut bis sehr gut.

Dagegen konnten das nur etwa 38 Prozent der Schüler bestätigen. Als schlecht schätzten 23 Prozent der Schüler das Funktionieren der Cloud ein, was jedoch nur zwölf Prozent der Lehrer so angaben. „Positiv war, dass alle ,an einem Strang’ gezogen haben. Alle waren ständig bemüht, dass alles funktioniert und die Kommunikation untereinander hat sehr gut geklappt. Wir haben uns gut betreut gefühlt. Meine Kinder sind eigentlich sogar weitestgehend ohne unsere Hilfe zurechtgekommen,“ wird ein Elternteil in seiner Bewertung zitiert.

Eine Schülerin (oder Schüler) schreibt: „Also was mir persönlich sehr schwer fiel, war wenn man die Aufgabe nicht verstanden hatte und keiner da war, um es einem direkt zu erklären. Dann brauchte man dementsprechend länger und man saß deutlich länger am Schreibtisch als in der Schule.“ Natürlich, sagte auch Schlag, könne die Cloud den sozialen Lernort Schule nicht ersetzen. Da merke man auch, wo die Grenzen von digitalem Lernen lägen. Dass Schule auch Gemeinschaft bedeutet, die es zu pflegen gelte.