Hot Pepper Jazz-Band „Wir waren begeistert, obwohl wir noch nicht wussten, was Jazz eigentlich war“

Brüser Berg · Die Hot Pepper Jazzband ist seit Jahrzehnten unterwegs und hat sich einen internationalen Ruf erspielt. Götzendorf ist der Kopf der Band und spricht über sein Leben und das besondere an Jazz.

 Nur wenn Rainer Goetzendorf lacht, fehlt der richtige Ansatz für seine Trompete.

Nur wenn Rainer Goetzendorf lacht, fehlt der richtige Ansatz für seine Trompete.

Foto: Stefan Hermes

Immer häufiger, wenn der kaum dreijährige Enkelsohn seinen Großvater auf dem Brüser Berg besucht, muss Rainer Götzendorf (82) erst einmal seine Gitarre hervorholen. „Haifisch, der hat Zähne“ wird dann gesungen, bevor der kleine Lauri darauf besteht, mit seinem Großvater in dessen Musikkeller zu gehen. Hier probt Götzendorf normalerweise mit seiner Hot Pepper Jazzband, aber nun gerät er ins Improvisieren auf der Trompete über das Bänkellied aus der Dreigroschenoper für den jüngeren seiner beiden Enkel.

Jazz ist seine Passion. Und der pensionierte Jurist möchte nicht nur seine Enkel, sondern möglichst viele junge Menschen für Musik begeistern. „Für mich gibt es neben Sport nichts Schöneres, als Musik zu machen“, sagt Götzendorf. Er möchte aus eigener Erkenntnis heraus Kindern und Jugendlichen raten, ein Musikinstrument zu lernen. „Am besten eine Band bilden und aufhören, sich mit anderen im Internet zu vergleichen, sondern nur Spaß am eigenen Singen und Spielen eines Instruments haben.“ Der Musiker sieht nämlich die oftmals exzessive Nutzung von Social Media als Grund für die häufenden Depressionen bei Jugendlichen. „Durch TikTok und ähnliche Medien sehen sie bei sich nur noch die Mängel“, sagt er.

Vor einem Bombenangriff geflohen

1941 in Breslau geboren, überlebte er als knapp Vierjähriger einen Bombenangriff auf den Zug der Geflüchteten, der kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs Adolf Hitler galt, und fand schließlich in der Bonner Reutersiedlung eine neue Heimat. Götzendorf verbrachte dort eine glückliche Kindheit und Jugend, an der die Wandervogelbewegung nicht ganz unbeteiligt war: „Lieder singend ging es an jedem Wochenende in die Natur.“ Mit 16 Jahren spielte er die Trompete in seiner ersten Jazzband. „Wir waren begeistert, obwohl wir noch nicht wussten, was Jazz eigentlich war“, erinnert sich Götzendorf und lacht. „Mit der Trompete übe ich auch heute noch jeden Tag.“ Im Alter ginge ansonsten die Kraft „in den Lippen flöten“, wie er sagt. Dass ihm dies bisher gut gelungen ist, stellte der agile Senior erst kürzlich wieder mit der Hot Pepper Jazzband im Hardtberger Kulturforum unter Beweis. Vor 35 Jahren hat sich die Band gegründet. Die Hot Pepper Jazzband hat sich mit ihren Eigenkompositionen und einem Repertoire aus dem Chicago der 1920er Jahre eine respektable Fangemeinde verschafft: von Schweden bis hin zur Côte d’Azur.

Rainer Götzendorf (sitzend) inmitten seiner "Jungs" der Hot Pepper Jazzband bei einem Konzert im Hardtberger Kulturzentrum.

Rainer Götzendorf (sitzend) inmitten seiner "Jungs" der Hot Pepper Jazzband bei einem Konzert im Hardtberger Kulturzentrum.

Foto: Repro Stefan Hermes

Sehnsucht nach fernen Ländern

„Gesungen habe ich schon immer“, sagt Götzendorf, der sich dazu das Gitarrenspiel selber beibrachte. Finnische, schwedische, spanische und russische Lieder, die er damals auswendig lernte, ohne sie zu verstehen, entfachten in ihm schon als Zwölfjährigem die Sehnsucht nach fernen Ländern. Seine schon früh geprägte Vorliebe für alles Französische lebte er nicht nur im Singen von Chansons, sondern auch in Paris aus. Er verbrachte dort mehrere Monate für sein Jurastudium. „Ich war der letzte freie Student“, sagt er lachend und schwärmt von einer Studienzeit, die ihm viel Zeit für seine Musik ließ. Er war auch als Jugendgruppen- und Reiseleiter unterwegs und lebte zwei Jahre auf Mallorca. Da arbeitete er für den Bonner "Fahr mit"-Veranstalter, als die Insel noch als "Isla de la Calma", Insel der Ruhe, bekannt war.

 Rainer Götzendorf als Trompeter seiner Razzy Dazzy Spasm Band (um 1960).

Rainer Götzendorf als Trompeter seiner Razzy Dazzy Spasm Band (um 1960).

Foto: Stefan Hermes

Auch ohne den Blick auf seine berufliche Karriere, die er in Bonner Ministerien schon zu Hauptstadtzeiten machte, beschreibt Götzendorf sein Leben als ausgesprochen glücklich verlaufen. „Ich habe immer meine Musik gehabt, die mir auch in schwierigen Momenten geholfen hat.“ Es brauche nur zwei Lieder, und die Welt sei wieder in Ordnung. Wie zum Beweis greift er zur Gitarre und singt, mit seiner unverkennbar rauchig-jazzigen Stimme, „Bring me Sunshine, make me happy“. Unweigerlich beginnt auch sein Zuhörer mit dem Fuß zu wippen.

Stadt Bonn mache nichts für Amateure

Wie in einem Plädoyer für den von ihm geliebten Jazz zieht Götzendorf den Schluss, dass man Musik selber machen müsse. „Egal, wie gut, ob mit der eigenen Stimme oder einem Instrument“, fügt er noch hinzu. Doch in Bonn seien Bands immer von Auftrittsmöglichkeiten, wie beispielsweise in der Harmonie oder im Rheinauen-Biergarten, abhängig. „Leider hat ja Sonja’s in der Friedrichstraße zugemacht“, bedauert Götzendorf. Dort, wie auch an anderen Orten, sei man zu der Erkenntnis gelangt, dass die „alten Jazzer“ in erster Linie Musik hören wollten und zu wenig Umsatz machten.

„Für Profis wird natürlich viel Geld ausgegeben, siehe das Jazzfest in Bonn“, sagt Goetzendorf, „aber für Amateure hat die Stadt Bonn noch nie viel gemacht.“ So seien die Jazzer in Bonn und Köln dankbar, dass es das Hardtberger Kulturzentrum in Duisdorf gebe. „Die so großartig von Horst Bachmann organisierten und kostenlosen Konzerte sind immer gut besucht“, freut sich Götzendorf über viele Zuhörer, „die zwar in der Regel älter sein mögen, die aber die Musik lieben. Der traditionelle Jazz ist ein fröhlicher Jazz.“

Am Sonntag, 28. Juli, um 17 Uhr, wird Rainer Götzendorf in Vilich-Müldorf Popsongs der 60er und 70er Jahre zum Mitsingen vortragen. Mühlenbachhalle, Wilfried-Hatzfeld-Straße 2.

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