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Interview mit Bezirksbürgermeister Christian Trützler: „Ich habe vor nichts Bammel“

Interview mit Bezirksbürgermeister Christian Trützler : „Ich habe vor nichts Bammel“

Bis vor vier Jahren hat sich Christian Trützler sein Leben anders vorgestellt. Eine schwere Sepsis wäre beinahe tödlich gewesen. Seither sitzt er im Rollstuhl. Im November wurde der 58-jährige Grüne-Politiker zum Hardtberger Bezirksbürgermeister gewählt, ein Novum, nachdem die CDU 45 Jahre die Mehrheit stellte.

Seit November sind Sie Bezirksbürgermeister. Zuvor waren Sie sechs Jahre Stellvertreter von Petra Thorand. Wie erleben Sie den Perspektivwechsel?

Christian TRÜTZLER: Der Stellvertreter hat hauptsächlich repräsentative Aufgaben, manchmal übernimmt er die Sitzungsleitung. Jetzt arbeite ich stundenweise im Rathaus oder im Homeoffice. Es fällt mehr Bürokratie an. Das Gute ist, Bürger sprechen mich mit Problemen direkt an. So höre ich ihre Ansichten ungefiltert. Ich plane eine regelmäßige Sprechstunde – zunächst online.

Verkehrswende ist ein Stichwort mit dem Bürger – vor allem als Autofahrer – Befürchtungen verbinden. Welche Erklärung geben Sie ihnen?

Trützler: Weniger Autos in der Stadt bedeutet mehr Freiraum für Menschen, schnellerer und pünktlicherer ÖPNV-Verkehr, weil die Busse nicht mehr mit im Stau stehen, weniger Abgase und Feinstaub, weniger Lärm. Viele Fahrten beschränken sich auf kurze Strecken, die durchaus mit dem Fahrrad oder mit Bus und Bahn gemacht werden könnten. In jedem Fall müssen wir die Bürger bei diesem Thema mitnehmen. Für Pendler, die weniger gute Nahverkehrsanschlüsse an Bonn haben, müssen gut ausgebaute Park & Ride-Plätze geschaffen werden. Für Hardtberg bedeutet dies den Ausbau des P&R-Platzes am Duisdorfer Bahnhof.

Was macht aus Ihrer Sicht ein guter Bezirksbürgermeister?

Trützler: Er hat Kontakt zu den Bürgern. Er muss zuhören und beschlossene Maßnahmen erklären können. Als Sitzungsleiter ist er fair zu allen und muss Kompromisse vorbereiten, damit der Stadtbezirk mit einer Stimme bei der Stadt spricht. Das ist wichtig.

Im Gegensatz zu den anderen Stadtbezirken haben Grüne, SPD, Linke und BBB ein lockeres Mehrheitsbündnis verabredet. Könnte das nicht zu Konflikten führen? Wie soll die Mehrheit in Abstimmungen sichergestellt werden?

Trützler: Bisher war es so, dass in Hardtberg vieles gemeinsam von allen Parteien in der Bezirksvertretung beschlossen wurde. Sicherlich gibt es auch innerhalb der „Bezirksbürgermeistermehrheit“ an einigen Punkten Konflikte, da muss man dann schauen, ob man einen Kompromiss finden kann, oder ob mit wechselnden Mehrheiten abgestimmt wird.

Wie halten Sie es mit der AfD?

Trützler: Die AfD ist, aus meiner Sicht leider, in die Bezirksvertretung gewählt worden. Als Demokrat ist es meine Pflicht, dieses Wahlergebnis anzuerkennen, und als Bezirksbürgermeister ist es meine Pflicht, den AfD-Vertreter fair zu behandeln. Inhaltlich wird es aus unserer Sicht sicher Angriffspunkte geben, in der Funktion als Bezirksbürgermeister kann ich es mir allerdings dann nicht erlauben, in die Diskussion einzugreifen. Das muss ich meiner Fraktion oder den anderen demokratischen Parteien überlassen.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Trützler: Teamorientiert, offen und gesprächsbereit. Rhetorisch bin ich fit. Und ich kann nötigenfalls auch klare Ansage. Wichtig ist sprechen und erklären.

Gibt es etwas, wovor Sie in dem neuen Amt Manschetten haben?

Trützler: Ich habe vor nichts Bammel. Ich gehe es an. Bau- und Planungsrecht sind mir noch nicht so geläufig, aber ich habe keine Probleme zu fragen, und mich in die Materie einzuarbeiten.

Welches sind – in Stichworten – die wichtigsten Hardtberger Themen?

Trützler: Leerstand in der Fußgängerzone und barrierefreie Gestaltung, Neugestaltung Burgweiher, Verkehrswende, mehr soziale Angebote in Medinghoven.

Dauerstreitthema ist die Zentralisierung der Bürgerdienste, die aber jetzt teils wieder in die Stadtbezirke verlegt werden. Wie soll es weitergehen?

Trützler: Ich war schon immer Gegner der Zentralisierung und habe selbst ganz konkret schlechte Erfahrungen mit diesem System gemacht. Hardtberger sollen Behördengänge rasch hier erledigen können. Die Kehrtwende zeigt, dass die Vorstellung, dadurch Einsparungen zu erzielen, gescheitert ist. Das Terminvergabesystem ebenfalls.

Wie können Bürger mehr für das interessiert werden, was in ihrer Stadt passiert?

Trützler: Seit 2009 bin ich beim Thema Bürgerbeteiligung aktiv. Ziel ist, die politische Diskussion auf breitere Füße zu stellen. Allerdings wird eine Anzahl von Bürgern gar nicht erreicht. Ändern lässt sich das durch mehr Multiplikatoren, wie sie im Projekt soziale Stadt Tannenbusch aktiv sind, und ehrenamtliche Helfer, die ansprechen und aufklären.

Sie waren in der FDP, in der SPD und sind seit 2005 bei den Grünen. Was bedeutet für Sie Politik?

Trützler: In der FDP war ich zu den Zeiten, als Helmut Schmidt Bundeskanzler war. In meiner Familie gelte ich als linkes Schaf. Grundsätzlich bin ich liberal. Politik bedeutet für mich, die Situation für Menschen zu verbessern. Ich gehe davon aus, dass alle Politiker das Richtige für die Menschen wollen. Also ist Politik auch immer die Arbeit am guten Kompromiss.

Was ist Ihr Credo als Grüner?

Trützler: Wir müssen alles unternehmen, den weiteren Temperaturanstieg auf der Erde zu verhindern. Konkret, hier bei uns, heißt das, den Individualverkehr einzuschränken und den öffentlichen Nahverkehr zu beschleunigen. Der öffentliche Raum, der ja allen gehört, darf nicht von immer mehr Parkplätzen besetzt werden. Ich bin für Reduzierung und Parkraumbewirtschaftung. Das Wichtigste ist aber, Demokratie zu bewahren und die Bürger zu beteiligen.

Sie sind durch Ihren Beruf Nahverkehrsexperte. Was muss sich bei den öffentlichen Verkehrsmitteln ändern?

Trützler: Bus und Bahn sollen zuverlässig und so schnell wie möglich sein. Umwelt-, Beschleunigungsspuren und Vorrangschaltung müssen sein. Da muss sich in Bonn dringend etwas ändern. Die Fahrkarte muss günstiger werden. Busfahrer sind schlecht bezahlt, der Schichtbetrieb ist ungesund, und dann werden sie von Fahrgästen wegen Verspätungen auch noch angefeindet. Auch da muss sich etwas tun, wenn man mehr Menschen für diesen Beruf gewinnen will. Die Westbahn, früher Hardtbergbahn, muss so schnell wie möglich auf die Schiene gesetzt werden. Seit Beginn meines Studiums vor 36 Jahren ist das Projekt in der Diskussion.

Seit einer lebensbedrohlichen Sepsis 2017 sind Sie auf den Rollstuhl angewiesen. Wie kommen Sie mit dieser schwerwiegenden Zäsur klar?

Trützler: Ich war schon immer so drauf, dass ich mich mit Dingen, die ich nicht ändern kann, arrangiere und das Beste daraus mache. Anfangs konnte ich sogar nur Kopf und Finger bewegen. Durch eine gute Reha in der Godeshöhe und durch den Rolli habe ich wieder Bewegungsfreiheit.

Was hat sich im Vergleich zu vorher am Krassesten verändert?

Trützler: Ich komme nicht mehr in meine Stammkneipen. Viele sind nicht barrierefrei. Ich vermisse das Tanzen mit den Beinen. Als Turniertänzer im Tanzsportclub Blau-Gold-Rondo war ich erfolgreich. Aber ich trainiere wieder in Richtung Turnier mit Rolli. Denn Tanzen ist wunderbarer Ausgleich.

Hat der Schicksalsschlag Ihre Lebenseinstellung verändert?

Trützler: Ich bin knapp dem Tod entronnen. Mir ist klar geworden, wie schnell das gehen kann. Daher ist mir heute wichtig, mehr auf meine Bedürfnisse zu achten und Ansprüchen, die andere an mich stellen, auch schon mal zu widersprechen. Ein anderer Aspekt ist die Hilfe, auf die ich angewiesen bin. Ich hätte nicht erwartet, so viel Unterstützung zu bekommen. Beim Umzug in eine barrierefreie Wohnung haben mir 30 Leute geholfen. Auch an der Arbeitsstelle wurde für mich alles möglich gemacht.

Machen Ihnen Vorurteile zu schaffen?

Trützler: Ressentiments übersehe ich. Wenn jemand Vorurteile hat, kann ich ihn kaum vom Gegenteil überzeugen. Unbegreiflich sind mir die Leute, die sagen, Behinderte sollten keine Extrawurst bekommen. Zum Beispiel am Aufzug. Nur einer darf ihn corona-bedingt nehmen, und ich bin ja nun deutlich auf darauf angewiesen. Den Vortritt wollen sie mir aber einige nicht lassen.

Welche Einschränkungen nerven Sie im Alltag?

Trützler: Meine Einstellung zu Kopfsteinpflaster hat sich geändert, etwa in der Duisdorfer Fußgängerzone: Im Rolli wird man unglaublich durchgeschüttelt und läuft wegen der Unebenheiten Gefahr, umzukippen. Viele Geschäfte haben Stufen, auch mein Geldinstitut. Das sind unüberwindbare Hindernisse.

Sie haben in Bonn altkatholische Theologie studiert und wollten Priester werden. Was hat Ihre Einstellung verändert?

Trützler: Es waren schlicht die Diskrepanzen mit meinen eigenen Glaubensätzen. Im Nachhinein ist es gut, weil ich viel freier bin.

Sie haben auf Wirtschaftsassistent umgesattelt. Was war ausschlaggebend?

Trützler: Wirtschaft interessiert mich. Es war ein Angebot für arbeitslose Akademiker.

Ihr Äußeres entspricht nicht dem Mainstream – Tätowierungen, Fleshtunnel in den Ohrläppchen. Sie bekennen sich offensichtlich zur Gothic-Szene. Was gefällt ihnen daran?

Trützler: Don’t judge a book by it’s cover. Gothic trifft bei mir nicht auf einen depressiven Hang. Mich reizt seit Jahren die intensive Beschäftigung mit der Vergänglichkeit. Außerdem mag ich die Musik und die Gewaltlosigkeit der Szene. Aber ich habe auch kein Problem einen Anzug zu tragen.