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GA-Serie: „Treffpunkt im Veedel“: Kiosk am Duisdorfer Bahnhof ist für Schleckermäuler

GA-Serie: „Treffpunkt im Veedel“ : Kiosk am Duisdorfer Bahnhof ist für Schleckermäuler

Am Duisdorfer Bahnhof schauen die Pendler regelmäßig bei Mohammed Azizi vorbei. Der Afghane betreibt dort seit über zehn Jahren einen Kiosk. Besonders beliebt ist er bei Schülern, die sich dort ihre Naschereien kaufen.

Am Bahnhof in Duisdorf herrscht an einem gewöhnlichen Wochentag reger Betrieb. Halbvolle Züge fahren an den Gleisen ein und spucken kleine Menschengrüppchen aus. Mit langsamen und schnellen Schritten verteilen sie sich in alle Richtungen. Manche eilen über die Treppen zum nahen ZOB. Ein Busfahrer steuert gerade seinen Bus auf eine Haltestelle zu. Der röhrende Motor hallt in den Fassaden des Bahnhöfchens wider. Die Antwort gibt der Zug, der mit ebenso lautem Motor seine Fahrt fortsetzt.

Ganz unscheinbar steht im Pend­l­ergetöse ein kleiner Kiosk mit hellbraunen Ziegeln und dunkelblauem Dach. Unaufgeregt reiht sich das kleine Häuschen hier zwischen Gleisen und Haltestellen ein. Aus dem quadratmetergroßen Fenster schaut Kioskbesitzer Mohammed Azizi (67) auf die Gleise.

Schüler und viele Pendler sind die Hauptkunden

Eine Jugendliche tritt an sein Fenster. Sie heißt Awina, ist zwölf Jahre alt und kommt gerade von der Schule. „Hallo, vier Haribos bitte, einmal Nummer sechs, eins und...“, Awina stockt und schaut auf die vielen bunten Kästen, die über dem Fenster hängen. Sie sind nummeriert von eins bis einundzwanzig. Weiße Mäuse, klebrige Erdbeeren und kleine Cola-Flaschen stapeln sich hinter den Scheiben. „....und die vier und sieben bitte“, ergänzt Awina. Azizi lächelt der Schülerin zu. „Sehr gerne, junge Dame.“ Der Senior erhebt sich aus dem Sessel und pickt die gewünschten Gummiteile mit einer Zange aus den Kästen. Die Schülerin zahlt und geht.

„Von außen können die Kunden sehen, welche Süßigkeiten sie haben wollen und dann sagen sie mir einfach die Nummern, das habe ich schon lange hier, es funktioniert sehr gut“, erklärt Azizi. Normalweise seien seine Kunden alle Pendler, die hier auf dem Arbeitsweg noch einen Kaffee oder ein Brötchen mitnehmen wollen, erzählt er. „Aber es kommen auch viele Schüler und kaufen Süßigkeiten.“ Kunden aus den angrenzenden Wohngebieten habe er nicht so viele. „Die kaufen eher bei den Supermärkten ein“, sagt Azizi, der deshalb sein Häuschen auch nur unterhalb der Woche aufmacht.

Griff nach Zeitschriften wird immer seltener

„An Wochenenden und Feiertagen ist hier geschlossen“, so der Verkäufer. „Der Kiosk hat immer von montags bis freitags von 6.30 Uhr bis 18 Uhr geöffnet.“ Eine Passantin macht währenddessen beim Zeitschriftenständer halt und greift nach der Zeitschrift „Freizeit mit Herz“. Damit sie unterwegs was zu lesen habe, erzählt die Frau, lächelt und verschwindet zu den Gleisen in der Nähe des Kiosks.

Dass jemand Zeitschriften bei Azizi kauft, werde immer seltener, erzählt er. „Früher haben viele ältere Leute hier Zeitungen und Zeitschriften gekauft. Wegen Corona laufen die nicht mehr gut.“ Generell sei sein Umsatz wegen der Pandemie um ein Drittel eingebrochen. Zeitweise habe Azizi den Kiosk sogar schließen müssen. Seit Mai habe der Verkäufer nun wieder regelmäßig geöffnet. „Besser arbeiten, als zu Hause rumzusitzen und gar nichts machen“, meint er.

Sein Kiosk mache ihn trotz seines Alters noch immer „viel Spaß“. 1994 war Azizi mit seiner Familie aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. 2009 hatte der sechsfache Familienvater dann das Häuschen am Duisdorfer Bahnhof übernommen. Seine Frau und die Kinder unterstützten ihn viel bei der Arbeit, sagt er. „Meine Frau wechselt mich ab, wenn ich hier Pause mache“, so Azizi, der mit seiner Familie in Swisttal wohnt.

Ein Busfahrer kommt zum Fenster und bestellt Chips und Limonade. „Wir Busfahrer machen hier am Bahnhof in Duisdorf häufig unsere Pausen und beim Kiosk gibt es alles, was ich dann brauche“, erzählt der Mann. „Wunderbar, dass es den Kiosk gibt“, ergänzt er.

Schutzmaßnahmen gegen Vandalismus sind heute nötig

Drei Fenster und eine Tür sind im Häuschen eingelassen. Vor den Fenstern hängen schwere Gitter und auch Rollläden lassen sich herunterziehen. Schutzmaßnahmen, die nötig seien, wie die Vergangenheit gezeigt habe. „2019 wurde hier eingebrochen. Der Einbrecher hat eine Fensterscheibe eingeschlagen und einige Zigaretten mitgehen lassen“, berichtet Azizi. Daraufhin habe er seinen Kiosk aufgerüstet. Und die Gitter zeigten ihre Wirkung. „Ein paarmal haben es noch Einbrecher versucht, aber sie kamen nicht durch die Gitter und die Tür durch.“

Und doch seien auch die Versuche ärgerlich, da die Scheiben wiederholt kaputt waren. „Es ist Sachbeschädigung, die hier am meisten passiert. Das kostet Geld und ist ärgerlich“, sagt Azizi. Der Verkäufer öffnet die Tür und zeigt auf sein kleines Reich. Auf recht engen Raum liegen hier unter anderem Zigaretten, Schokoriegel und Softdrinks in der Auslage. Eine Kaffeemaschine steht an der Wand und über allem schwebt in der Mitte ein kleines Vogelhäuschen. Zwei bunte Plastikvögel schauen aus dem Käfig in den Innenraum. „Die Vögel können sogar bei Lautstärke piepsen“, erzählt Azizi.

Zu eng würde es ihm hier nicht werden, er habe immer zu tun und es sei eben okay. Nur im Winter könne es schon mal kälter werden, erzählt der Verkäufer. Trotz des Durchgangsverkehrs am Duisdorfer Bahnhof sei es hier verhältnismäßig ruhig. „Hier passiert nichts Außergewöhnliches, die Polizei kommt regelmäßig und kontrolliert die Ecke“, sagt Azizi. „Alles ganz entspannt hier“, sagt er und schließt die Tür.

Von seinem Sessel aus schaut der Senior wieder auf die Gleise. Ein Zug fährt gerade mit lautem Motor ein. Hinter dem Häuschen braust ein Bus.