1. Bonn
  2. Hardtberg

Lernförderverein „Champions“ unterstützt Grundschüler: Lieber Abitur als Rapper-Karriere

Lernförderverein „Champions“ unterstützt Grundschüler : Lieber Abitur als Rapper-Karriere

Mitglieder des Lernfördervereins „Champions“ betreuen an der Grundschule Medinghoven erfolgreich Schüler mit Migrationshintergrund. Und sie zeigenden Kindern, dass ein Abitur vielleicht besser als eine Rapper-Karriere ist.

Als der Bonner Philippe Roussel in seiner Studienzeit Nachhilfe gab, fiel ihm auf, dass er bei manchen Kindern an seine Grenzen stieß. „Für einige Kinder mit Migrationshintergrund war ich eine genauso leere Person wie ihre Lehrer. Ich war hilflos“, erinnert er sich. Dann lud er einige seiner Freunde mit Migrationshintergrund in seinen Unterricht, und die Kinder folgten ihm plötzlich, erzählt er. „Mit meinen Freunden konnten sich die Schüler identifizieren, und wir konnten sie endlich motivieren zu lernen“, sagt Roussel. Aus dieser Erfahrung heraus hat er 2017 mit seinen Freunden den Lernförderverein „Champions“ gegründet, in dem Förderer mit Migrationshintergrund Nachhilfe geben.

Seither betreut der Verein Kinder an der Grundschule Medinghoven (GGS). Bis heute hat der Verein bereits 70 Kinder der GGS in den Fächern Deutsch und Mathematik gefördert und etwa 90 Kinder im Sport betreut.

90 Prozent der Kinder hat einen Mogrationshintergrund

Die Grundschule hat einen großen Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund. Roussel geht von rund 90 Prozent aus. Er erklärt: „Die Ergebnisse der Pisa-Studie von 2019 bestätigten erneut die Erkenntnis aus dem Jahr 2000, dass der Schulerfolg in Deutschland weiterhin entscheidend von sozialer Herkunft abhängt. Es sind Kinder aus Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Status, welche häufiger einen Förderbedarf haben. Darüber hinaus wird deutlich, dass ein Förderbedarf überwiegend bei Schülern mit Migrationshintergrund besteht.“

Viele Kinder der Grundschule in Medinghoven bringen laut Roussel erhebliche Sprachprobleme mit, die es ihnen wiederum schwierig machen, dem Unterricht zu folgen. Aber auch mangelnde Aufmerksamkeit oder auffälliges Verhalten bemerken er und seine Lernförderer oft. „Wenn ein Kind beispielsweise aus einer siebenköpfigen Familie kommt und beide Eltern arbeiten, fordert das Kind die mangelnde Aufmerksamkeit von Zuhause dann in der Schule ein und wird vielleicht laut“, erklärt Roussel. Umso wichtiger sei es, so früh wie möglich mit der Förderung dieser Kinder zu beginnen. 

Roussel führt aus den Ergebnissen der Pisa-Studie auf: „Kinder mit Migrationshintergrund besuchen überproportional häufig andere Schulformen als ein Gymnasium. Sie sind häufiger als andere der Gruppe der sogenannten Risikoschüler zuzuordnen und bleiben häufiger ohne Schulabschluss oder ohne Ausbildung.“ Und genau das möchte Roussel mit seinem Verein verändern.

Schüler, die mithilfe des staatlichen Bildungs- und Teilhabepaket gefördert werden, können an dem Nachhilfeunterricht des Vereins an der GGS teilnehmen. Sie kommen in Vierergruppen zusammen und werden nach der regulären Unterrichtszeit in den Räumen der Schule und mit den Lernmaterialien der Schule vom Verein betreut – von einer Identifikationsfigur, wie es der Verein nennt. Das heißt, die Lernförderer haben einen ähnlichen Migrationshintergrund wie die Schüler, stammen aus denselben Stadtvierteln Bonns und sind einen Bildungsweg gegangen, den sich die Schüler eventuell abschauen können.

So auch der 20-jährige Civan Dogan, der schon seit 2017 Lernförderer für den Verein an der GGS ist. Seine Eltern sind kurdische Türken. Er wuchs in Lessenich auf, ging dort zur Schule. Er erzählt: „Ich war oft mit Älteren unterwegs und habe auch Schattenseiten wie Kriminalität oder Drogenkonsum bei ihnen gesehen. Doch ich habe viel Sport gemacht, und das hat mich von all dem ferngehalten.“ Er motiviert nun auch seine Nachhilfeschüler an der GGS, sich mit Sport ein Ventil für angestaute Energie oder Sorgen zu suchen.

Mit seinem Hintergrund sei es für ihn einfach, einen Zugang zu den Kindern zu finden. „Sie sehen mich wie einen großen Bruder und reden deswegen auch über ihre Sorgen. Und das ist das wichtigste. Erst wenn die Kinder sich öffnen und Vertrauen haben, wollen sie auch lernen“, sagt Dogan.

Und so würden sich auch die Ziele der Kinder mit der Zeit verändern. „Zu Beginn der Lernförderung äußern sie oft den Wunsch, ein teures Auto zu fahren oder das Leben eines Rappers zu führen. Doch viele wollen mit der Zeit gerne ihr Abitur machen“, sagt Dogan. Die Kinder wüssten zumal oft gar nicht, dass es neben der Haupt- oder Realschule noch andere Schulformen gibt. Dogan studiert inzwischen Sport an der Hochschule in Köln und beeindruckt damit wiederum seine Schüler. „Die sind ganz erstaunt, wenn sie hören, dass man Sport auch studieren kann“, sagt er.