Maibräuche im Rheinland Versteigerung von Frauen war schon früher umstritten

Bonn · Tanz in den Mai und Maibaumaufstellen haben Tradition und beleben Dörfer und Ortsteile. Andere Maibräuche gehen zurück oder sind umstritten. Ein Forscher aus Bonn-Endenich hat sich vor allem mit den Mailehenversteigerungen beschäftigt.

Vor dem Schaufenster eines Brautmodengeschäfts zeigt Willy Wey seine über 300 Seiten starke Dissertationsschrift zum Thema der Mailehen.

Vor dem Schaufenster eines Brautmodengeschäfts zeigt Willy Wey seine über 300 Seiten starke Dissertationsschrift zum Thema der Mailehen.

Foto: Stefan Hermes

Maifeierlichkeiten beschränken sich heute meist auf das Maibaum-Aufstellen und den Tanz in den Mai. Der Brauch, in der Nacht zum 1. Mai die Anwärter für einen Junggesellenverein einzuseifen, findet mangels entsprechender Vereine auch im Stadtbezirk Hardtberg nicht mehr statt. In ländlicheren Bereichen des Rheinlands hält sich aber die Versteigerung von jungen Frauen – ein Thema, mit dem sich Endenicher Ethnologe Willy Wey in seiner Doktorarbeit befasst hat. Die romantische Verklärung des Wonnemonats hält zwar bis heute an, die Mailehenversteigerung wurde aber schon früher kritisch gesehen.

„Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts empfand man, dass der Brauch der Mailehen aus der Zeit gefallen sei“, berichtet Wey. Nachweislich habe es sogar bereits im Kölner Karneval des 16. Jahrhunderts Jungfernversteigerungen gegeben. Der Kölner Chronist und Ratsherr Herrmann Weinsberg berichtet 1538 in seiner Biografie, dass er in der Fastnacht eine Jungfrau gegen Geld zum Lehen bekam, mit der er über die Fastnachtszeit tanzen durfte.

Maiversteigerung belebt das Dorfleben

„Ich finde Mailehen ziemlich toll, wenn sie tief im Dorfleben verankert sind“, sagt Wey, der 2002 seine Promotionsschrift unter dem Titel „Mailehen – Erlebnis des Überlebten – Ein Brauch als Medium“ verfasste. Es müsse für ihn aber erkennbar sein, dass der Brauch kein „reines Schaustück“ sei und die Handelnden aus dem Ort kämen und mit dem Brauch etwas für das Gemeindeleben beitragen wollten. Bei seinen Recherchen ist dem heute 60-Jährigen als Begründung für das Festhalten an dem Brauchtum oft gesagt worden, dass man es tue, „damit im Dorf was los ist“. Sowohl Alteingesessene wie auch neu hinzu Gezogene bekämen Gelegenheit, miteinander in Kontakt zu kommen.

„Insofern ist der Brauch ein tolles Medium, um das soziale Miteinander zu aktivieren“, sagt Wey, der in den Mailehen auch nichts Frauenfeindliches sehen möchte. Er betont, dass sich die Frauen selbstbestimmt auf die Mailehen einlassen und nichts über sich ergehen lassen müssten. „Die Frauen treten durchaus fordernd auf“, sagt er. Zudem habe er von alten Menschen erfahren, dass nicht die Mädchen versteigert werden, sondern die Mailehen.

Wey kommt zu der Erkenntnis, dass bei den Mailehen ein Amt und nicht die Frau versteigert wird. „Das Brauchtum trägt somit seinen Teil zum Zusammenhalt der Gemeinschaft bei“, sagt er. Eine eher gegenteilige Zusammenfassung des Brauchs ist dagegen in der Online-Enzyklopädie Wikipedia zu lesen: „Da dieser Brauch nicht mehr mit dem modernen Frauenbild vereinbar war, wurde er in den meisten Orten abgeschafft“, heißt es dort.

Ursprung in der Walpurgisnacht

Seit Jahrhunderten feiert man dagegen den Tanz in den Mai in der Walpurgisnacht, die traditionell am 30. April beginnt und zum Gedenktag der heiligen Walburga überleitet. Sie gilt als die Nacht der Hexen, die um das Feuer tanzen und die bösen Geister des Winters vertreiben. Heute ist der Tanz in den Mai aber vielerorts zur Motto-Party im Lieblingsclub oder in der Stammkneipe geworden.

Dass sich mit den gesellschaftlichen Veränderungen die Maibräuche gewandelt haben, stellen auch die Volkskundler des Landschaftsverband Rheinland (LVR) fest. Teils seien die Bräuche modernisiert worden, teils habe man versucht, sie in einer überlieferten Version beizubehalten. Maibräu­che gebe es in un­ter­schied­li­chen Aus­for­mun­gen und sie ließen sich in An­sät­zen bis ins 16. Jahr­hun­dert zu­rück­ver­fol­gen. „Was für Au­ßen­ste­hen­de manch­mal be­fremd­lich erscheinen kann, stellt doch für vie­le Men­schen ein wich­ti­ges Ele­ment im Jah­res­lauf dar“, so das LVR-Portal. So seien im Rhein­land man­che Bräu­che, wie bei­spiels­wei­se das Stel­len ei­nes Mai­baums in der Nacht zum Maitag be­son­ders au­gen­fäl­lig.

Als Vor­bil­der gel­ten aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht nicht heid­nisch-ger­ma­ni­sche Früh­lings­kul­te, son­dern Bräu­che aus der spät­mit­tel­al­ter­li­chen Zeit. So wur­den zum Maibeginn „Bäu­me als Zei­chen der Tanz­frei­heit“ ge­schmückt und auf­ge­stellt so­wie grü­ne Zwei­ge als Lie­beszei­chen ver­wen­det. Heut­e wird von Jun­gen und Män­nern – teils in Grup­pen, teils al­lei­ne – ein geschmückter Bir­ken­stamm vor das Haus der Auserwählten ge­stellt. In Schaltjahren wie 2024 sind in der Nacht zum 1. Mai die Frauen an der Reihe, einen Maibaum für ihren Liebsten aufzustellen. Auch für Nicht-Beteiligten kann es wie wieder unterhaltsam sein, die Namen und Zusätze auf den beschrifteten Her­zen und Bannern zu lesen.

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